vaya con velo

"Er war sicher, dass das Alleinsein das Schicksal aller Menschen sei" (Amir Hassan Chehaltan - "Ein Oberst brüllt")

August/September 1985   Spanien/Südfrankreich



Eine Woche vor der Abreise bringe ich mein Fahrrad - ein Leichtgewicht Marke Schumacher, drei Gänge, Eigenkonstruktion eines kleinen Veloladens in der Schweiz, 350 Franken - zur Gepäckabfertigung und schicke es voraus nach Caceres unweit der portugiesischen Grenze. Am 24. August fahre ich mit dem Gepäck nach. In Mulhouse ist erste Pause. Ich sitze vor dem Bahnhof, als eine Horde Motorradfahrer aufkreuzt und herumflegelt. "Doitsche", meint der Kellner abschätzig zu seinem Kumpel. Von Besancon geht es erst mit dem Nachtzug weiter. Ein junger Bursche und ich frieren durch bis zum nächsten Morgen. Im Abteil ist es zu kalt zum Plaudern und zu kalt zum Schlafen.
Spanien begrüßt mich mit einem barschen Schaffner, der im Zug nach Madrid ein Suplemento zur Fahrkarte kassiert. Am Stadtrand steige ich aus und suche ein Zimmer. Am nächsten Morgen: Wie soll`s weitergehen? Der Fahrplan macht mir Probleme - fast alle Züge fahren nach Atocha -, bis ich es schnalle, dass das der Name eines Bahnhofs ist. Dort spricht mich einer an. Er könne für ein paar Pesos mein Gepäck aufbewahren. Nein, gracias, ich bin misstrauisch und schleppe das Zeug lieber mit mir rum, bis mein Zug geht. "Mein" Zug ist aber leider der falsche, muss ich feststellen, kaum ist er losgefahren. Nach Süden, während ich nach Südwesten muss. Dieser Kondukteur ist nachsichtig. Er lässt mich ohne Aufpreis in Aranjuez aussteigen. Ich fahre zurück und versuch`s nochmal. Am Abend bin ich dann in Caceres. Jetzt wird es spannend, ist meine bicicleta da? Tatsächlich entdecke ich das Rad in einem Schuppen neben dem Bahnhof, laufe beruhigt in die Stadt und quartiere mich ein. Die Wirtin kennt kein Erbarmen. Sie hat nur ein Doppelzimmer, und wenn ich das will, muss ich den vollen Preis bezahlen. Am Abend in der Bar komme ich mit Studenten ins Gespräch. Das heißt, wir verständigen uns, ohne die Sprache des anderen zu verstehen.

27.8. Caceres - Garrovillas
Ich hole mein Fahrrad und packe auf. Die Satteltaschen, darauf eine sperrige Reisetasche, alles vollgestopft und schwer. Die ersten 60 Kilometer führen auf schwungvoll gewellten Straßen, vorbei an unzähligen Korkeichen mit kurzen, schwarzen Stämmen, nordwestwärts nach Alcantara am Ende des kilometerlangen Tajo-Stausees.

Mittag in ALCANTARA

Es ist erst Halbdrei, als ich dort ankomme, also will ich die 35 Kilometer bis zum nächsten Ort noch packen. Von hier aus soll mich der Weg stetig nach Osten führen, das Ziel in unerreichbarer Ferne.  Es werden grausam lange erste 35 Kilometer. Ich habe nichts zu trinken mitgenommen. Keine Häuser, keine Autos, dafür verliert mein Vorderreifen ständig Luft, immer schön langsam. Ich pumpe, fahre ein Stück, schiebe ein Stück, pumpe, schwitze, schnaufe, lasse mich zuweilen total  erschöpft neben meinem Rad in den Straßengraben fallen. Einmal finde ich am Baum neben einem einzelstehenden, verriegelten Haus eine Feige, die ich gierig auslutsche. Es ist hart, aber irgendwie schaffe ich es bis Garrovillas. Mitten im Ort gibt es ein bescheidenes Zimmer im dritten Stock. Schnell habe ich mich erholt und kümmere mich um mein Rad. Ein paar Mal muss ich mit dem Schlauch zum Wasserhahn ins Zimmer hoch steigen, bis das Löchlein gefunden und gestopft ist. Später sitze ich mit dem Senor de Casa im Dunkeln vor dem Haus, und er versucht, mir etwas zu erzählen: "Io Oue" oder so ähnlich. Bis ich begreife, dass er mal in Deutschland gearbeitet hat, bei Opel.

28.8. Garrovillas - Navaconcejo de la Sierra
Zwei Lektionen gilt es ab sofort zu beherzigen:  Meine Trinkvorräte sind immer aufgefüllt, und auf jeder Tour habe ich Ersatzteile für das Fahrrad dabei. Um einen Reserveschlauch zu besorgen, warte ich in der nächsten größeren Stadt, Plasencia, bis zum Ende der Siesta vor einem Fahrradladen. Dann mühe ich mich nochmal 30 Kilometer ein Seitental der Sierra de Gredos hinauf, bis Navaconcejo.

29.8. Navaconcejo - Parador de Gredos
Heute geht es nur bergauf. Irritiert schauen mir die Schafe zu, wie ich mein schwer bepacktes Rad zum kastilischen Scheidegebirge hoch schiebe. Entsprechend bescheiden mit nur 86 Kilometern fällt der Tagessatz aus. Trotzdem gönne ich mir die Übernachtung auf höherem Niveau - etwa 90 Mark - im Parador de Gredos, dem ältesten staatlichen Hotel Spaniens, einem wuchtigen Steinkasten, aber schön komfortabel.

30.8. Parador de Gredos - Segóvia
Es ist noch ziemlich frisch am Morgen in über 1000 Metern Höhe, dafür fahre ich bald auf  einem ziemlich ebenen Hochplateau. Auf Avila zu halte ich locker einen Schnitt von um die 30 und fresse ordentlich Kilometer. Die völlig ummauerte Stadt macht etwas her, hält mich aber nicht allzu lange auf. Bis ich in Segovia ankomme, habe ich 134 Kilometer zurückgelegt. Diesmal lass' ich mich auf einen alten Hombre ein, der mir ein billiges Zimmer andient. Es erweist sich als fensterloser Raum in einem Gemäuer unter der Ruine des römischen Aquäduktes. Bevor ich mich dahin zurückziehe, genieße ich aber den Trubel in der Altstadt. Sobald es dunkel wird, ist alles, was Beine hat, auf den Straßen und Plätzen.

Vor Segovia


31.8. Segovia - San Esteban de Gormaz
Ich bin kaum ein paar Kilometer aus der Stadt heraus, da höre ich ein verdächtiges Geräusch unter mir, ein Schleifen. Es dauert eine Weile, bis ich es herausgefunden habe: zwei Speichen sind gebrochen, das Hinterrad hat einen Achter. Rat- und mutlos fahre ich weiter. Im nächsten Ort schleiche ich um eine Autowerkstatt herum, im übernächsten um einen Kramladen. Alles kann man dort kaufen, auch Fahrräder, aber nur welche für Kinder.  Doch eine Ortschaft weiter sieht es besser aus: Es gibt eine Fahrradwerkstatt, die hat allerdings noch geschlossen, es ist Mittagspause. Ich habe noch viel Zeit, mir in der Dorfmitte den Aufbau für die Corrida am nächsten Sonntag anzuschauen. Um Halbvier öffnet dann der Laden, und ohne zu zögern macht sich der Mechanico über mein Rad her. Seinen Kommentar verstehe ich ohne Übersetzung: Kein Wunder bei dem schweren Gepäck, dass da Speichen brechen. Jetzt kann ich aber weiter, überquere bei Cerezo, von dem es ein Abajo und ein Arriba gibt, die Nationalstraße von Madrid nordwärts und kucke mich 15 Kilometer weiter hinter den Mauern des Städtchens Riaza nach einem Quartier um. Da ist aber nichts zu sehen. Also muss ich nochmal über 40 Kilometer zulegen, bis ich auf die N 122 stoße und in San Esteban de Gormaz ein Zimmer finde. Ich bin der einzige Gast. Zum Abendessen führt man mich in ein Nebenzimmer, wo laut der Fernseher läuft. An diesem Tag ist ein junger Torero von einem Stier aufgespießt und zu Tode getrampelt worden. Während ich vor mich hin esse, wiederholen sie die Szene immer wieder.

1.9.  San Esteban - Matalebreras
Am sechsten Tag bleibe ich auf der Nationalstraße. Die Stadt Soria bietet die einzige Abwechslung, mit dem schattigen kleinen Parque de La Arboleda zum Rasten. Nach 114 Kilometern mache ich Halt in Matalebreras, in einem Gasthaus für Durchreisende.

2.9. Matalebreras - Erla
Die erste Hälfte dieser Etappe hinunter ins Tal des Ebro geht locker ab. Im Städtchen Tauste brütet der Mittag, aus dem Halbdunkel einer Bar wummert Discomusik, ein paar Kinder laufen neugierig von Schatten zu Schatten. Vor dem, was mir meine Karte jetzt anzeigt, hab ich Bammel: 40 Kilometer lang wird die Sonne auf freies, gedörrtes Land brennen, zwei kleine Dörfer dazwischen. Einmal halte ich an einem ausgetrockneten Bachbett und kauere mich unter ein Steinmäuerchen, das spärlichen Schatten spendet.  Im ersten Dorf, Castejon de Valdejasa, schaut ein Mädchen ganz entgeistert, als ich, sicher mit hochrotem Kopf, in die Bodega stolpere und nach viel Aqua verlange. Zum zweiten, Sierra de Luna,  muss ich in der Nachmittagshitze auch noch einige Höhenmeter überwinden. Es gibt tatsächlich eine Bar dort, und für meine paar Worte spanisch bekomme ich sogar ein Kompliment vom Wirt. Wegen eines Zimmers schickt er mich aber weiter in ein Dorf namens Erla. Ich erreiche es mit einem neuen Tagesrekord auf dem Tacho, den ich nie mehr übertreffen werde: 137 Kilometer.  Es gibt ein einfaches Gästehaus. Während ich beim Abendessen sitze, haben sie einen Mann hergerufen, der etwas Deutsch kann. Er hat es als Saisonier auf Mallorca gelernt und soll den neugierigen Leuten übersetzen, was in aller Welt ich hier mache.

3.9. Erla - Barbastro
Zu dem Zeitpunkt habe ich keine Ahnung davon, dass in dieser Gegend der spanische Bürgerkrieg getobt hat.  In meinem Bauch tobt was ganz anderes und beruhigt sich erst, bis ich gegen Mittag in das geschäftige Huesca komme. In der Ferne sind schon die Pyrenäen zu sehen, doch an diesem Tag bleiben die mir noch vom Leib. In Barbastro krieg ich für 900 Pesetas Habitation  numero dos im Hostal Clemente und einen Termin beim Friseur. Ermutigt vom Vortag, will ich bei dem meine Spanisch-Plaudereien fortführen - und kriege zu hören, dass ab hier streng-patriotisch katalanisch gesprochen wird.

4.9. Barbastro - Tremp
Und schon sind die Berge da. Bis unterhalb Graus kann ich noch dem Lauf des aufgestauten Rio Esera folgen. Aber die Flüsse und Bäche kommen von Norden, und ich fahre - noch  - von West nach Ost. Das gibt reichlich Gelegenheit, trotz der Anstrengung beim Schieben den intensiven Duft von Blumen und Kräutern, die Farben der zahllosen Schmetterlinge, die klare und helle Luft (ich weiß, es gibt keine helle Luft, trotzdem!) in mich aufzunehmen. Da kommen die Alpen nicht mit. Jetzt muss ich noch ein Fest planen. In einem Kaufladen in Benabarre entdecke ich ganz oben im Regal einen Dreierpack Pikkolo und lasse die Krämerin hochklettern.

Pirineos en Fiesta: 1000 km

Bei Kilometer 1000, kurz bevor die N 230 von Arragon nach Katalanien rüberwechselt, zwischen den Provinzen Huesca und Lleida, dann der feierliche Moment: Ich stoße mit mir an, fotografiere das tapfere Schumacher-Rad mit der gewichtigen Biege auf dem Gepäckträger und nehme die nächste Bergkette in Angriff. Es ist eine Straße von der Sorte, bei der man vor jeder Kurve denkt, danach  m u s s es doch wieder abwärts gehen. Ganz oben treffe ich ein Biker-Paar aus Freiburg, und dann lasse ich mich kräftig bremsend steil herab auf Tremp.

5.9. Tremp - Martinet
Die erste Hälfte des Tages führt mich durch eine zerklüftete Berglandschaft. Boixols mittendrin ist ein besonders pittoreskes aber verlassen wirkendes Dorf. Dann geht`s hinunter ins Tal des Rio Segre mit der Straße auf Andorra zu. Aber neun Kilometer vor dem Zwergstaat biegen Fluß und Straße nach rechts ab. Mitten im inzwischen grün gewordenen Hochtal mache ich nach 116 Kilometern im Dorf Martinet Halt, 25 Kilometer sind es noch bis zur französischen Grenze.

6.9. Martinet - Couiza
Als ich oben im kühlen Bourg-Madame, dem ersten Ort hinter der Grenze, ankomme, ist es Viertel vor Zwölf. Ich laufe gleich in die erste Bank, um einen Eurocheque einzulösen. Bis ich drankomme, schlägt die Uhr Zwölf, und der Mann am Schalter lässt ungerührt das Gitter runter. Beim Rausgehen werde ich gefragt, ob das mein Rad sei da draußen - jemand hat es umgeworfen. Hoch motiviert strample ich weiter, das Tal der Aude hinunter. Inzwischen ist von der Trockenheit, die mich die ganze Zeit begleitet hat, nichts mehr zu spüren. Als nächste Garstigkeit bläst mir ein so strenger Wind entgegen, dass ich sogar abwärts kräftig in die Pedale treten muss.  Es ist Freitag, und das Problem mit dem Geldwechseln beschäftigt mich. Aber da ist nichts mehr zu machen. Kein Problem, zeigt sich der Wirt in Couiza, knapp 40 Kilometer vor Carcassone, großzügig. Er nimmt einen Scheck in Zahlung. Da seh` ich gerne über den kleinen Kulturschock hinweg, den auch dieser ziemlich von sich eingenommene Franzose mir  bereitet.  Die Spanier haben den Fremden mit ihrer Aufmerksamkeit zu sehr verwöhnt. Mit staksigen Beinen laufe ich nach 132 Tageskilometern gegen Abend vom Hotel aus ein Stück die Straße zurück und beneide ein wenig die zwei Leute, die sich auf einem Tennisplatz duellieren.

7.9. Couiza - Beziers
An Carcassonne komme ich nicht vorbei. Die Cité ist eine französische Version von Avila und kommt mir vor, als wäre sie nur für Touristen gebaut worden. Interessant finde ich allerdings den Friedhof außerhalb der Ringmauer, der aussieht wie eine verwinkelte Stadt für sich. Auf den Grabplatten blumenkohlgroße und -artige Keramiken. 

Carcassonne, Cimetière Cité

Mit Steigungen sollte vorerst Schluss sein. Den Rest des Tages radle ich im Einzugsbereich des Canal du Midi und beschließe die Etappe nach 125 Kilometern in Beziers.

8.9. Beziers - Nimes

Auch der 13. Tag  stellt geländetechnisch keine Herausforderung dar. An Montpellier komme ich vorbei.  Aber dann knallt mir das metallische Geräusch in die Ohren, das ich schon kenne: Es ist wieder eine Speiche gebrochen. Schwitzend und schleifend arbeite ich mich bis Nimes vor.

 

9.9. Gleich am Montagmorgen mache ich in den Arkaden unter der Bahnlinie eine Fahrradwerkstatt ausfindig. Der Mechaniker winkt uninteressiert ab. Heute geht nichts mehr.
Jetzt ist auch bei mir die Luft raus. Ich schiebe ab zum Bahnhof und will mein Schumacher Richtung Heimathafen verschiffen. Dem Mann am Gepäckschalter  scheint das zu kompliziert, er möchte zwei Nonnen mit ihren Köfferchen vorlassen.  Aber jetzt platzt mir der Kragen, ich protestiere mit sämtlichen mir bekannten französischen Vokabeln. Es hilft, am selben Abend noch bin ich zuhause und kann mein Rad zwei Tage später am Bahnhof in Empfang nehmen. Auf dem Tacho stehen 1539 Kilometer.


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