Immer dieser Radler
"Es ist schwach und dumm, wenn man sagt, man könne etwas nicht ertragen, was man doch ertragen muß."
(Helen Burns - "Jane Eyre")

Buckelestour
Juni 1998 Thüringen - Franken - Schwarzwald
8.6. Apolda - Königsee
Das Hotel am Schloss in Apolda firmiert zur Zeit als Holiday Inn. Hier startet meine Tour. Das erste Hindernis droht nach ein paar Kilometern mit einer Umleitung. Aber ich schummle mich mit dem Rad durch die Straßenbaustelle. Später gerate ich auf einen abgelegenen DDR-Feldweg, den sie da hinterm Thüringer Wald wohl vergessen haben. Ein paar Kilometer schiebt er sich den Hang entlang, belegt mit brüchigen Betonplatten zwischen zentimeterdicken Spalten. Auf einem schmalen Randstreifen balanciere ich vorsichtig voran. Endstation ist nach 75 zähen Kilometern Königsee. Die Restaurierung Ostdeutschlands hat auch diese bedeutungslose Gegend erfasst, das Zentrum "Am Markt" ist eine einzige Baustelle. In einem altdeutschen Gasthaus verdrücke ich altdeutsche Speisen und lasse mir noch ältere deutsche Weisheiten zur bevorstehenden Fußball-WM auftischen.
9.6. Königsee - Zimmerau
Irgendwie komme ich durch und über den Thüringer Wald, auf dessen Südseite sich die DDR und Bayern regelrecht ineinander verzahnt hatten. Bei Rodach überquere ich die unsichtbar gemachte Grenze, finde mich aber nahe der Veste Heldburg bald wieder in einem thüringischen Zipfel wieder. Ein trauriges Dorf wie Rieth lässt die Aussichtslosigkeit, hier eine Bleibe zu finden, leicht verschmerzen. Aber es ist spät geworden, und - wieder im "Westen" - das Hinweisschild auf einen Berggasthof kann relativ leicht vom Abstecher inklusive Steilanstieg überzeugen. Vor dem schmucklosen Gebäude im Kasernenlook ragt ein markanter Aussichtsturm mit großem, leerem Ausflüglerparkplatz in die an Reizen recht arme Landschaft. Was das alles soll, erzählt mir beim Abendessen die Wirtin im leeren Restaurant des leeren Gasthauses. Mit ihrem Mann, der Landrat und Bürgermeister war und jetzt gerade im Krankenhaus liegt, hat sie das Anwesen aufgebaut. Hier zum Zonenrand strömten die Ausflügler, ganze Busladungen, stiegen auf den "Bayernturm" und glotzten nach drüben, in den unerreichbaren Osten. Damit ist jetzt Schluss, bedauert die alte Frau. Ich schreibe noch eine Ansichtskarte, melde mich aus dem Niemandsland zwischen "Grabfeld" und "Hassbergen", und kucke aus dem verstaubten, leeren Turmzimmer in die Richtung, die morgen für mich interessant sein wird: Weiter geht es nach Süden.
10.6. Bayernturm - Dettelbach
So sperrig sind die Hassberge nicht, dass sie in Erinnerung, geschweige denn in unangenehmer, bleiben müssten. Und das Frankenland dahinter - na ja. Wenn es den Main nicht hätte. Die erste Überquerung bei Schweinfurt manage ich zwischen ein paar Regenschauern auf einem Autobahnzubringer. Die zweite Begegnung beschert mir zunächst einen Beinahe-Sturz, als ich bei
Volkach auf einem stillgelegten Bahnübergang mit dem Vorderrad in einer Schienenrille stecken bleibe. Aber dann führt ein gemütlicher Mainuferweg bis zum Zielbuckel vor Dettelbach an der nächsten Schleife. Hier stehe ich zum ersten Mal vor einem Wirtshausschild, das ausdrücklich Radwanderer begrüßt. Aber es macht sich bereits eine Traube dieser Spezies vor dem Eingang breit. Also suche ich weiter und finde im Akzent-Hotel "Am Bach" eine ebenso einladende Unterkunft.

11.6. Dettelbach - Ingelfingen
Unter Umgehung der Fronleichnamsprozession stehle ich mich aus Dettelbach und dem Mainfränkischen. Baden-Württemberg empfängt mich mit dem vor sich hin dösenden Kurort Bad Mergentheim. Südlich davon in Stuppach sollte die berühmte Madonna einen Blick wert sein, aber für sowas hat ein Radwanderer keine Zeit, er bevorzugt das durstlöschende Wirtshaus
nebenan. Die Strafe wartet schon: Das sich schwäbisch-zynisch Hohenloher Ebene nennende Gäu hat für Anspruchsvolle eine "Buckelestour" ausgeschildert, und auf ein Stück davon gerate ich. Zwischen Tauber, Jagst und Kocher schiebt sich die Straße auf und nieder von Dorf zu Dorf, ich schiebe mir darauf die Lunge aus dem Leib. Aber zu einem trotzigen Gebrüll auf dem Scheitel eines jeden Buckels langt es jeweils noch - ihr schafft mich nicht! Die Abfahrten sind zu steil, um eine Belohnung zu sein. Die genehmige ich mir dann mit dem Schloßhotel in Ingelfingen.
12.6. Ingelfingen - Öhringen
Heute gibt es nur eine Vierteletappe. Ein verregneter Vormittag überzeugt mich davon, in der Großen Kreisstadt Öhringen eine Pause einzulegen. Das Zimmer ist am Rande der Innenstadt bei einem Griechen schnell gefunden, sofort klart es sich auch wieder auf - zu spät.
13.6. Öhringen - Sindelfingen
Urschwäbische Lande durchquere ich an diesem Tag. Zuerst hoch nach Löwenstein und in die Löwensteiner Berge, mittendrin das schaffeschaffehäuslebauersche Urdorf Wüstenrot. Dann das Tal der Bottwar hinunter, Oberstenfeld, Großbottwar, Kleinbottwar (das hört sich alles so protestantisch an, wie der Kirchenflohmarkt, bei dem ich Rast mache, aussieht), ins Tal der Murr, zu einer der Neckarschleifen, hoch durch die Weinberge, runter durch die Weinberge, nach Ludwigsburg. Später werde ich mal mit dem Auto durchfahren - mit dem Fahrrad war die Orientierung einfacher. Hier beginnt - oder endet - die alte Kutschenstraße schräg an Stuttgart vorbei, von Schloss Ludwigsburg nach Schloss Solitude. Man kann es am anderen Ende der schnurgeraden Strecke sehen. Umso länger scheinen die 13 Kilometer, wenn der Zielort in Sichtweite ist und einfach nicht näher rücken will. Abwechslung bieten die Hochsicherheitsrückseite von Stammheim und die Unterbrechung der Ideallinie durch Eisen- und Autobahn. Die Zielgerade führt steil bergan. Hinter dem Schloss macht sich der Wald breit. Aber schließlich finde ich nach Sindelfingen und dort im Torgauer Hof ein Zimmer. Der Typ, der am Empfang jobt, kommt aus Brasilien. Wir stellen fest, dass wir uns in allem einig sind, nur nicht in punkto Fußball-WM, die inzwischen angelaufen ist.
14. 6. Sindelfingen - Seedorf
Dieser Tag hinterlässt kaum Eindrücke. Ein wenig Neckartal, mehr Hügel drumrum, Gäuland, schließlich Oberndorf mit dem abweisend wirkenden Verlagshaus des Schwarzwälder Boten. Dahinter Schwarzwaldrand. In Seedorf lungert die Sonntagmittaglangeweile rum. Der Wirt schleppt mir einen funktionierenden Fernseher aufs Zimmer.
15. 6. Seedorf - Vorderaha
Der Osten des Mittleren Schwarzwaldes gibt sich nicht sehr einladend. An einem abseitigen Höhenweg versuche ich mich vor schauerlichem Regen in ein einzelnes Gasthaus zu retten. Aber die Wirtin (Ostimport) wehrt unfreundlich ab, als ich das Fahrrad in den Vorraum schieben will. Die zäh ansteigende Straße von Titisee Richtung Feldberg klemmt mich unangenehm zwischen Autos und Leitplanken ein. Ein weiterer dicker Regenschauer zwingt in Altglashütten zum Warten. Es wird verkürzt durch das Studium der Zeitungsartikel über seine Windmühlengefechte, die ein Schwarzwaldrebell hinter die Scheibe seiner Ladentür geklebt hat. Am Schluchsee nächtige ich im "Sporthotel" Auerhahn. Der Wirt ist gut bekannt mit meinem Tenniskumpel. Er kennt mich zwar nicht, aber mein Hinweis muss irgendwelche Wirkung gezeigt haben: Ich glaube kaum, dass sie mit jedem durchreisenden Gast so verfahren: Kreditkarte nehmen sie nicht, Bargeld habe ich nicht genügend dabei. "Dann schicken wir Ihnen eine Rechnung!" Gesagt, getan, gezahlt.
16. 6. Schluchsee - Hochrhein
Vor dem Ende dieser Halbtour steht noch eine Halbetappe mit zwei Mittelgebirgspässen (Äulener Kreuz und Rotes Kreuz), zwei längeren Regenunterständen (Bernau und Todtmoos) und einer kurvenreichen Abfahrt durch das Wehratal an den Rhein. Das waren die ersten 700 Kilometer, zum zweiten Teil starte ich sechs Tage später.
Auf den Felgen
September 2003 Sachsen-Anhalt - Harz - Thüringen - Franken
Loburg ist Endstation und der Bahnsteig zu kurz für das Zügle aus Magdeburg. Als ich mein provisorisch bepacktes Rad aus dem Gepäckabteil im letzten Wagen von fast einem Meter Höhe herunterwuchten will, haut es mich prompt hin. Aber nichts ist passiert. Die Pension, in der ich im Frühjahr meine kleine Fläming-Wanderung beendet habe, liegt gleich schräg gegenüber. Der Ort hat zwar eine Storchenstation aufzuweisen, für meine Fütterung finde ich allerdings nur einen türkischen Imbiss mit sattsam bekannter Pommes-Mansche.
16.9. Loburg - Schöningen
Es kann losgehen. Die ersten Kilometer zielen auf Magdeburg. Doch schon in den Auen vor der Stadt, noch vor dem Umflutkanal und der Alten Elbe, muss ich mir den Ausnahmezustand erklären und - was ich absolut hasse - ein Stück asphaltierten Landwirtschaftswegs zurück. Ein Schild hat mich überzeugt: "Achtung! Lebensgefahr! Freilaufende Jungstiere!"
ALTE ELBE bei Pechau
Zum Vorort Cracau, über die Elbe und mitten durch die mittäglich ruhiggestellte Stadt komme ich dann aber doch unversehrt. Westlich von Magdeburg, in der Börde, haben es sich viele Orte angewöhnt, ein "leben" hinter sich her zu ziehen - wie bei uns das "ingen" oder "heim": Ottersleben, Wanzleben, Remkersleben, Ottleben, Ausleben, Ohrsleben... Dass sich eines dieser Leben nach unserem damaligen Chef benannt hat, an dem wir gerade nicht viel Freude haben, hätt's denn doch nicht gebraucht. Das lass' ich lieber links liegen, zumal diese ganzen ehem. Zonenranddörfer auch nichts Übernachtungsfähiges zu bieten haben, und nehme direkt nach der nicht mehr vorhandenen Zonengrenze den Anstieg zur Stadt Schöningen am kreuzwortbekannten Höhenzug Elm in Kauf. Im "Deutschen Haus" stellt mir die aufgeräumte Wirtsfrau Haage einen überschwappenden Riesenteller Curryreis auf den Tisch, mit dem ich beim besten Hunger nicht Meister werde.
17.9. Schöningen - Innerste Stausee
Über die Wobecker Straße, vorbei an einem Riesen-Lidl, verlasse ich Schöningen. Der Weg führt weiter nach Westen. Südlich des Dichter- und Denkerzentrums Wolfenbüttel philosophiert der Verkäufer eines Getränkeshops mit dem immer durstigen Radler über Sinn und Unsinn des neuen Dosenpfandes. Auch die Durchquerung diverser Teile von Salzgitter kostet an diesem warmen September-Mittwoch einigen Schweiß. Am Nachmittag erreiche ich den Wendepunkt: Elbe als Ort gibt es als Groß und Klein. Von Groß Elbe biege ich ab nach Klein Elbe. Von jetzt an geht es Richtung Süden. Für heute komme ich noch bis an den Rand des Harzes, nach Langelsheim. "Der Berghof" (www.hotel-berghof.de) am halbtrocken daliegenden Innerste Stausee ein Stück hinauf in den Naturpark hat ein Zimmer für mich und einen Schuppen für mein Rad.
18.9. Innerste Staumauer - Breitenworbis
Es gelingt mir irgendwie, die übelsten Kletterpartien des Harz entlang der Westflanke zu umradeln. Nach Osterode und Herzberg warten allerdingsbereits die nächsten Hügelwellen des früheren Ostens. In dieser verlassenen Nordthüringer Ecke stolpere ich zunächst fast über einen stehengebliebenen Grenzwachtturm. In Breitenworbis kann ich schließlich an verkehrsgünstig gelegener Stelle (Halle-Kasseler Straße) ein Gasthaus ausfindig machen. Ich bin früh dran, habe auch erst 89 Kilometer geschafft. Aber der Chef der Gastro-Fun GmbH lässt mich rein in den Berliner Hof (der sich heute "Foodster" nennt). Eine junge Wirtsfamilie versucht sich hier in unergiebigem Gelände über Wasser zu halten.
19.9. Breitenworbis - Langenhain
Randgebiete mitten in Deutschland lerne ich heute kennen. Aus dem Eichsfeld sondert sich die Leine Richtung Hannover ab, weiter unten zieht es die junge Unstrut gen Osten, noch weiter unten riegelt der Hainich-Wald das Land vom Westen ab. Zweite Septemberhälfte, und es wird immer wärmer. Im Dorf Craula suche ich den Schatten und im dösigen Gasthaus eine Erfrischung. Die Wirtsfrau kramt eine Flasche Mineralwasser aus der Gefriertruhe, und jetzt braucht es viel Geduld, um dem nur langsam schmelzenden Eisklotz in der Flasche etwas schluckbare Flüssigkeit zu entlocken. Bis Waltershausen habe ich zwar erst knapp 80 Kilometer zurückgelegt, aber da steht der Thüringer Wald vor mir. Lieber lasse ich mich am späten Nachmittag von einem Hinweisschild rüber zum Nachbarort Langenhain locken. Zwar hat das Gasthaus dort heute nichts mehr mit Gästen im Sinn, aber mir machen sie noch schnell was zu essen. Dann geh'n beide Wirtsleut' aus, und der Fremde bleibt allein zu Haus...
20.9. Langenhain - Themar
Bei der zweiten Nord-Süd-Überquerung des Thüringer Waldes mit dem Fahrrad wird es ab dem Ort Tambach ernst. Hier suche ich eine auf der Straße verzeichnete "Nebenstraße", die durch ein ausgedehntes Waldgebiet hoch zum Rennsteig und zum Wintersportort Oberhof führen soll. Ich finde den Zugang zu einem etwas breiteren Waldweg schließlich hinter dem Sportplatz. So einfach wäre ich allerdings kaum durchgekommen ohne den Begleiter, der sich mir nach den ersten paar hundert Metern anschließt (beziehungsweise ich ihm). Der fitte Dühringr (gomm'n 'Sie jedzd och von Ddambach her?) in den Sechzigern radelt auch nach Oberhof und erzählt mir, während wir abwechselnd schieben und strampeln, viel über den Forst, der von seinen früheren "fürstlichen" Besitzern nach der Wende wieder "zurückerobert" worden ist. Auf dem letzten Teil der Strecke wird der Verkehr unversehens lebhaft. Warum, wird oben am Rennsteig klar. Just an diesem Samstag nimmt man mit einem Sommerwettbewerb die neue Ski-Arena in Betrieb, die für die Biathlon-Weltmeisterschaften nächsten Winter gebaut wurde. Ich verabschiede mich schnell vom Trubel und meinem Gefährten, um auf breiter Straße hinunter nach Zella-Mehlis und Suhl zu rollen. Bei Themar mache ich nach 85 Kilometern Schluss. Außerhalb der Stadt finde ich im "Waldhof" ein schnuckeliges Dachzimmer und bekomme am Rande einer lebhaften Hochzeitsgesellschaft auch was ordentlich fränkisch-thüringisches zu essen.
21.9. Themar - Eltmann
Von meinem Zimmer im Dachgeschoss habe ich schon einen kleinen Ausschnitt der Beinerstädter Straße erkennen können, auf der ich mich nun das Werratal hinaufwinde - von einem ehemaligen Staatsgrenzendorf zum nächsten. Zum dritten Mal komme ich, diesmal direkt von Norden her, in den thüringischen Zipfel rund um die Veste Heldburg, den die DDR zwischen Coburg und Grabfeld ins Bayerische hängen ließ. Diesmal überquere ich die nicht mehr vorhandene Grenze zwischen den Dörfern Schweickershausen und Ermershausen, vor mir die Haßberge, da gibt es kein Ausweichen mehr. Weder Berge noch Name haben dann Eindruck hinterlassen, als ich nach 87 Kilometern östlich von Hassfurt ins Maintal hinunterkomme. In Eltmann auf der anderen Seite nehme ich im Hotel Wallburg ein Zimmer mit zwar nicht optischer, aber doch ahnungsvoller Aussicht auf das nächste Hindernis vor mir, den Steigerwald.
22.9. Eltmann - Großhabersdorf
Dabei müssen der Steigerwald und das, was dahinter kommt, eine Allerweltsgegend gewesen sein, denn nichts von 86 Kilometern bleibt in Erinnerung - außer der Portion fränkischer Humorhäme, die ich in einem der Käffer nachgeworfen kriege. Als ich mein Rad in der Mittagshitze am Dorfausgang hügelan drücke, ruft mir einer hinterm Gartenzaun nach: "Iss was gabudd?" - "Nein, warum?" - Weilsd' schibbsd!" Und dann passiert es tatsächlich: Da handle ich mir, schon auf Höhe von Nürnberg, kurz hinter dem Nest Kirchfarrnbach eine Reifenpanne ein, die sich an Ort und Stelle nicht beheben lässt. Also trudle ich pumpend und fluchend, rollend und schiebend, hinunter zum nächsten Ort und von dort durch das Schlauersbachtal bis Großhabersdorf. Bis ich nach fünf Kilometern buchstäblich auf den Felgen dort ankomme, hat sich der Schlauch längst vom Hinterrad gelöst und schlabbt bei jeder Umdrehung nervend hinter mir her. Ich deponiere Pannenfahrzeug und Gepäck im Hotel Bauer, Friedenshöhe 9 im Neubaugebiet, orte unten an der Nürnberger Straße noch einen Werkstattbetrieb, wo ich mir am nächsten Tag neue Sicherheitsreserve beschaffen will, und ertränke die freudlose Etappe mit drei Hefeweizen zur gebratenen Leber.
23.9. Großhabersdorf - Neuendettelsau
Der zum Faktotum gewordene Seniorchef im Auto- und Zweiradhaus erscheint wie die letzte Rettung, er findet irgendwo einen Ersatzschlauch für mein Rad. Aber bevor ich weiterfahren kann, muss ich im Hinterhof meiner Absteige geraume Zeit am Hinterreifen rummurksen. Macht nix, es regnet sowieso. Heißt, ich hätte schon im nächsten größeren Ort, in Heilsbronn, Halt gemacht, wenn eine geeignete Unterkunft im Weg gestanden wäre. So wird halt der übernächste Ort Station eines restlichen Ruhetages. Neuendettelsau hat nicht nur einen verschwommen bekannten Namen zu bieten, ein schön komfortables Hotel Sonne, sondern auch ein interessantes Interieur, eine evangelische Insel im katholischen Bayern: Die Diakonie scheint hier alles zu beherrschen, sitzt wie ein selbstversorgendes Dorf mitten im Ort. Da es inzwischen einigermaßen aufgeklart hat, gönne ich mir einen kleinen Rundgang zwischen christlichen (evangelische Buchhandlung) und weniger christlichen (Tattoo- und Rauchzubehörladen) Einrichtungen.
24.9. Neuendettelsau - Genderkingen
Rechts geht es ab nach Wolframs Eschenbach, aber in der mittelfränkischen Morgenfeuchtigkeit sieht ein Eschenbach aus wie das andere - schlimm genug, wie die Orte sich zwischen die Hügel ducken. Erst im breiten Altmühltal wird es erholsamer zu radeln, und ich bewundere die informative Beschilderung für Radwanderer.
ALTMÜHL
Die Hinweise auf Jausenstationen und Nachtquartiere kommen allerdings zu früh. Bis zur Donau sind noch ein paar ordentliche Erhebungen anzupacken - und es ist immer noch sehr warm. Vor Donauwörth überquere ich den Strom auf einer Pontonbrücke für Kieslaster, gerate dadurch aber in ein Labyrinth von staubigen Transportwegen zwischen Baggerseen und -teichen, aus dem ich erst nach ein paar Zusatzrunden in Richtung Lechtal wieder herausfinde. In Genderkingen liegt schon das wuchtige Dorfgasthaus bereit, nach 96 Kilometern kann ich es gut sein lassen. Die Wirtin, gleichzeitig Frau Bürgermeister, bringt das Abendessen in die große, leere Gaststube und postiert sich vorsichtig am anderen Ende, um aus sicherer Distanz noch etwas über den ungewöhnlichen Gast in Erfahrung zu bringen.
25.9. Genderkingen - Meitingen
Es soll ein lässiger Tag werden heute, immer nur den Lech entlang. Gleich bei Genderkingen überquere ich den Fluss und stosse hinter Rain auf den Wanderweg durch die Lechauen. Richtig idyllisch ist es hier - zu idyllisch. Bei Kilometer 22 pfeift die Luft aus dem Reifen. Der Ersatzschlauch aus Großhabersdorf passt nicht. Ich schiebe ab, das schlabbende Geräusch im Rücken kenne ich schon. Nochmal fünf Kilometer auf den Felgen, bis ich im Bahnhöfchen von Meitingen einlaufe, auf den Felgen erreichen mein Rad und ich über Augsburg und Singen Stunden später die Heimatstation. 787 Kilometer haben uns geschafft.
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