Karawankerei
"daß Menschen auf jede Form von Grenzverletzung durch einen Artgenossen außerordentlich empfindlich reagieren. Seine Tat kann als so schwerwiegend angesehen werden, daß man zeitlebens keinen gesellschaftlichen Verkehr wieder mit ihm pflegt" (Hans-Jochen Gamm - "Der Zusammenhang von Distanz und Revier")

Oktober 1989 Slowenien Kärnten Steiermark
1.10. Tiengen - Jesenice
Im Eilzug Basel-München steigt irgendwo am Bodensee eine Musikstudentin, Anfang 20, zu. Nicht lange, wechselt sie im sonst leeren Abteil mit ihrem Cellokoffer zu meinem Platz. Sie will quatschen und tut das auch, fast pausenlos, bis München: ihr Studium, die Musik, das Leben in der Großstadt, der Freund...
Als ich beim Aussteigen den Rucksack aus dem Gepäcknetz hole, passiert ein Missgeschick: Leck in der Thermoskanne mit Weißwein. Auf dem Bahnsteig versuche ich, die Duftmarke zu neutralisieren, ehe es weitergeht nach Salzburg, von dort über den Alpenkamm nach Kärnten und Slowenien. Glanzvolle Namen (Badgastein) an der Tauernstrecke beeindrucken, erste Schneegestöber über 1000 Meter Höhe beunruhigen. Aus dem Walkman-Radio rauschen Bruchstücke von Nachrichten aus der DDR in die Ohrstöpsel. Demos, Volkskammer...
Hinter den Bergen ist die Welt auch nicht mehr in Ordnung, das wird zum ersten Mal am Grenzbahnhof Jesenice nach dem Karawankentunnel spürbar. Es ist schon dunkel beim Aussteigen. Zuerst muss eine Fahrkarte für die Wocheiner Bahn her, die Nebenstrecke führt ins Landesinnere. Sie haben Inflation in Jugoslawien.
Noch spuckt der Computer das Ticket aus, 23.500 Dinar für 42 Kilometer bis Podbrdo. Das karge Zimmer im Betonkastenhotel kostet 520.130 Dinar, inklusive Wecken früh am nächsten Morgen. Mit einem dicken wertlosen Geldbündel in der Tasche wird es weitergehen.
2.10. Jesenice - Podbrdo - Bled
Es ist noch dunkel, als die Wocheiner Bahn losfährt. Aber draußen ist eh kaum was zu sehen. Die Abteilfenster sind beschlagen vom Atem dösender oder qualmender, graugesichtiger unrasierter Typen, die zur Arbeit fahren, in ihre Jacken gehüllt, unbequem zwischen die schmalen Sitze geklemmt. Direkt hinter dem längsten Tunnel auf der Strecke die Station Podbrdo. Proviant fassen in den spärlich gefüllten Regalen eines Jugoladens - von Konserven aller Art bis zu Slivovitz aller Art - macht den Dinarpacken auch nicht dünner. Ein Ehepaar nimmt mich im Auto mit, ostwärts zu meinem Startpunkt Zali Log. Die Auslandsslowenen besuchen die kranke Mutter in einem einsamen Sanatorium in den Bergen.
Rein in die Wanderschuhe, und es kann losgehen, Richtung Norden, durch die Vorberge der Julischen Alpen. Auf einer Lichtung winken Waldarbeiter und bieten einen selbstgebrannten Schnaps an - im Gegenzug fische ich ein Fläschchen Chantrè aus dem Rucksack.
Durch das Tal eines Flüsschens vom Triglav-Massiv her zieht sich die Straße zum
SEE VON BLED,
dem bekannten Ferienort mit alten Hotelkästen aus der Zeit der K.u.K. Monarchie. Vor den Kulissen an der Seepromenade dreht ein Kamerateam aus Österreich Szenen für einen historischen Film. Von hier kamen früher Ruder-Weltmeisterschaften im Fernsehen. Ich nehme das "Zimmer frei" in einem ziemlich neuen Haus, sie bevorzugen D-Mark oder Dollar.
3.10. Bled - Rosenbach
Auf der Ebene hinter Bled hält ein klappriger, vollbeladener Lieferwagen. Die Leute nehmen mich mit hinunter ins Tal der Save, ohne dass wir miteinander reden können, einfach so. Östlich von Jesenice beginne ich den Aufstieg in die Karawanken. Auf dem Kamm des langgezogenen Gebirgsrückens in etwa 1800 Metern Höhe verläuft die Grenze zwischen Jugoslawien und Österreich. Die dünne rote Linie auf meiner zugegeben sehr alten Karte soll einen Wanderweg nach Kärnten darstellen, aber von so einem weiß jemand, den ich unterwegs zu fragen versuche, nichts. Ein paar hundert Meter unterhalb des Bergkamms kommen zwei Uniformierte entgegen. Wohin? Da rüber? Kopfschütteln, ein Zeigefinger wedelt: verboten! Nur bis zur Hütte da oben, wiegle ich ab und kann weiter.
Vor vier Jahren haben sie dieses Wandererrefugium unterhalb der Grenze gebaut. Der Hüttenwirt und seine Leute sind gerade am Zusammenpacken, die Saison ist vorbei. Wohin mit den x-tausend Dinaren in meiner Tasche? Ich kaufe einen Wandteller aus Holz mit einem Foto der Hütte: "Koca na Golici 1650 m". Der Kitsch wird mal ein richtig einmaliges Erinnerungsstück. Den Weg nach Österreich gibt es, sagt der Hüttenwirt, aber das ist verboten. Wenn ich trotzdem unbedingt will, da lang geht der Pfad, bei der Gabelung dann links den Berg hinauf.
So weit komme ich nicht. Die beiden Zöllner haben nichts besseres zu tun, als mir aufzulauern. Aus einer Wegbiegung kommen sie mir entgegen, jetzt die Gewehre im Anschlag. Ihr Deutsch beschränkt sich auf: "Du Problem!", den Rest besorgen deutliche Gesten. Die Hände hoch und zurück, nach ein paar Metern stopp und den Rucksack ausräumen! Meine einzige Waffe: ein Taschenmesser mit Korkenzieher. Der Pass ist in Ordnung, allerdings werden die Visastempel der DDR von Transitfahrten nach Berlin intensiv studiert. Die beiden besprechen sich, ich verstehe kein Wort, krieg aber mit, was läuft. Der eine hält mich für einen harmlosen Spinner, der andere wohl eher für einen CIA-Agenten. Schließlich geht es weiter bergabwärts. An einer Wegkreuzung im Wald ist Postenwechsel. Zu viert wird weiter diskutiert. Glück für mich, die Zöllner wollen sich weitere Umstände sparen und schicken mich zurück ins Tal.
Kurz darauf treffe ich auf das Hüttenteam. Der Wirt wohnt in einem Dorf oberhalb Jesenice, er nimmt mich mit zu sich nach Hause, trinkt ein Bier mit mir und schimpft über die Verhältnisse in Jugoslawien: Lange wird das nicht mehr gut gehen. Schließlich fährt mich der Mann hinunter zum Grenzbahnhof, wo ich gerade noch den letzten Zug nach Österreich erwische. Die Fahrkarte wird inzwischen, 48 Stunden später, von Hand geschrieben, das Geld landet in einem Pappkarton. 29.600 Dinar bleiben mir übrig, das werden so etwa 1,50 Mark sein.
Hinter dem Karawankentunnel der Bahnhof Rosenbach - es ist schon wieder dunkel. Im Nebenbau des Gasthaus Matschnig gibt es Zimmer zum Aussuchen, außer mir sind hier keine Fremden mehr. In der länglichen Küche bringt die Wirtin ein Vesper an den Tisch, am anderen Ende des Raums wendet sie bei einem Besuch irgendwelche seltsamen Heilpraktiken an. Die Leute reden slowenisch. Zurück im Zimmer bemerke ich an der Eingangstür eine Ungeziefer-Kolonne. Ich glaube nicht, dass sie es über Nacht bis zum Bett schaffen wird. Und tatsächlich - wieder bin ich davongekommen!
4.10. Rosenbach - Oberglan
Das "Schloss am Wörthersee" gibt es noch nicht, als ich auf Velden zulaufe, drum fällt mir außer einem Casino auch nichts weiter auf. Ein paar Kilometer weiter wende ich mich vom Seeufer ab und steche in Land. Zuerst geht es über den Golfplatz bei Pörtschach. Ein paar Kilometer weiter nehme ich in einem einfachen Gasthof an der Turracher Landstraße ein Zimmer. Noch einfacher sind die Sprüche, die ich zum Abendessen vom Stammtisch hinüber mitschlucken muss. Noch heißt das hier nicht Haiderland, aber die Färbung passt schon.
5.10. Oberglan - Flattnitz
Dieser mittelgebirgige Teil Kärntens zwischen den Tälern der Glan und der Gurk ist zwar reichlich uneben, von etlichen Nebenflüssen durchgliedert, aber auch sehr unspektakulär. In Erinnerung sind mir nur das Vorbeistreifen oberhalb Feldkirchen durch bessere Wohnstraßen am Berg und dann wieder Klein-Gödnitz im Gurktal. Denn hier an der Abzweigung der Straße über die Gurktaler Alpen ist am späten Nachmittag eine Entscheidung fällig. Eine Unterkunft ist nicht in Sichtweite, also laufe ich weiter. Es hätte noch ein mühsamer Trip werden können, hätte da nicht einer aus einer Handvoll Autofahrer neugierig gestoppt, wo ich denn hinwolle? Dusel, er vermietet in Flattnitz, zwölf Kilometer weiter, ein Appartement, jetzt im Oktober nicht mehr, es ist auch gar nicht hergerichtet. Aber er nimmt mich auf in dem leeren Haus, bezieht mir ein Bett, was will ich mehr. Das einzige Licht draußen zwischen dem halben Dutzend weit auseinanderstehender Häuser kommt vom Gashaus Flattnitzer Stube, wo noch reichlich Betrieb herrscht, weil die Flattnitzer ihre Jagd ausklingen lassen, jetzt, wo sie unter sich sind. Ein einzelner Fremder stört da nicht.
6.10. Flattnitz - St. Lorenzen ob Murau
Bald nach Flattnitz führt ein breiter Fahrweg hinauf in den Possachwald, eine neue, aber verschlossene Hütte am oberen Ende. Von dort nehme ich meine erste (und, glaub' ich, auch letzte) Gipfelbesteigung in Angriff. Der Hirschstein (2047m) erfordert kein bergsteigerisches Können, aber doch etwas Puste und Ausdauer, um über den Kahlkopf zu kommen. Nur um oben festzustellen, dass eine Gratwanderung weiter nordwärts in unübersichtliches Gelände führen wird. Irgendwie gelingt mir ein steiler Abstieg durch pfadloses Gelände und Zugang zu den Wegnetzen, die sich vom Tal der Mur hochspinnen. Und so reicht das Tagespensum gerade bis nach St. Lorenzen ob Murau, wo ich am späten Nachmittag im Hotel Kreischberg nach einem Zimmer frage. Leider ham' sie nur noch "die Swiide" frei, aber so luxuriös und großräumig und übermäßig teuer wie zu befürchten ist das Appartement unterm Dach nicht. 
OBERES MURTAL
Als ich elf Jahre später mit Kollege Ernst auf einer Radtour durchs Murtal komme ("Über den Katschberg"), haben sie das Haus kitschig-farbig zum kindischen Pumuckl-Hotel umdekoriert.
7.10. St. Lorenzen - St. Nikolai im Sölktal
Das Wetter ist unfreundlich geworden. Umso freundlicher dafür ein Autofahrer, der mich an der Straße nach Murau unaufgefordert aufgabelt und ein Stück mitnimmt. Er biegt ab ins obere Murtal und lässt mich an der Abzweigung nach Schöder wieder raus. Sehr einladend sieht die schmale steile Zufahrtsrampe auf die Erzherzog-Johann-Straße zum Sölkpass nicht aus. Die Nebenpassage über die Niederen Tauern zwingt mich immerhin auf wieder 1790 Meter Passhöhe, dabei bläst der Wind mir zuerst reichlich Regen, weiter oben sogar schon Schnee feste ins Gesicht. Hinter dem Pass verdrücke ich mich angenässt und frierend zu kurzer Rast in die Erzherzog-Johann-Hütte, wo die Wirtin auf einsamem Posten meinen schweren Rucksack halb kopfschüttelnd, halb anerkennend aber treffend kommentiert: "Na, Sie ha'm aber aufpackt!" Immerhin geht es von jetzt an wieder bergab, während der finstere Nachmittag in den finsteren Abend übergeht. In St. Nikolai liegt rechtzeitig ein Wirtshaus am Weg. Später sitze ich in der Gaststube beim Abendessen, nahe bei der offenen Tür zum Nebenzimmer, wo eine aufgekratzte Runde Einheimischer den Dämmerschoppen zelebriert. Den Fremdling will man nicht so alleine sitzen lassen, etwas neugierig sind sie auch, was ich zur Unsaison hier mache - und schon sitze ich am Stammtisch, vom Bürgermeister von St. Nikolai höchstselbst rübergerufen, und füge mich in die ausdauernd schnapselnde Runde.
8.10. St. Nikolai - Wurzeralm
Sieht man mir die angezechte Nacht an? Oder sind manche Österreicher halt einfach so? Auf jeden Fall komme ich nicht weit am Sonntagmorgen, da hält schon wieder jemand an, ohne dass ich mit meinem lädierten Haupt irgendwelche Zeichen von mir gegeben hätte. Und es ist auch noch ein Krankenwagen. Die zwei Pfleger transportieren eine alte Frau ins Spital und nehmen den schwerbepackten Wanderer halt auch noch mit hinunter ins Ennstal. Von dort, wo sie mich absetzen, hab ich immer noch ein gutes Stück zu laufen bis ins verschlafene Städtchen Liezen, wo sich alles vor dem niesligen Wetter in das einzig offene Café geflüchtet zu haben scheint. Es ist noch früh und nicht verregnet genug, also verlasse ich den Ort wieder und steige die Straße zum Pyhrnpass hinauf. Das sind nur knapp 300 Höhenmeter, aber die Einladung einer Standseilbahn gleich hinter der Passhöhe nehme ich nur zu gerne an. Auf der Wurzeralm in 1400 Metern Höhe herrscht allerdings auch schon Feierabendstimmung. Im Hotel Almflüh unweit der Bergstation brennt noch Licht. Die letzten Gäste gehören zu einer Gruppe von Geologie-Studenten aus München, die mit ihrem Professor irgendein Forschungsprojekt abgeschlossen haben. Sie winken mich rüber in die Kaminecke und lassen mich mithelfen, die trockene Gesteinskunde feucht-gemütlich zu begießen.
Bis zum nächsten Morgen hat sich eine dünne Schneeschicht auf sämtliche geologischen Formationen rund um die Wurzeralm gelegt. Es macht mir die Entscheidung leicht. Von hier aus müsste ich auf rutschigen Felspfaden weiterlaufen, das ist mir zu gefährlich. Aber die Bahn fährt nicht mehr, sagt man mir an der Bergstation. Na gut, ausnahmsweise kann ich beim letzten Personal- und Materialtransport mit. Von der Talstation sind es nur wenige Kilometer bis zum Bahnhnof in Spital am Pyhrn, von dort nicht mehr weit bis Linz und dann bis München, für einen letzten Zwischenstopp, bevor auch meine Saison endgültig vorbei ist.