ride my bicycle




"Ein einziger Mensch fehlt dir, und die ganze Welt ist leer"

(Philippe Ariès)




Mai 1990    Frankreich Ost und Mitte

Zweimal habe ich eine Radtour direkt von Zuhause aus gestartet, beim zweiten Mal war Westen mit leicht südlicher Neigung als Richtung bestimmt.

15.5.  Tiengen - St. Louis
Allerdings geht es auf diesem Weg  zum Auftakt nicht gemütlich den Rhein entlang bis Basel, was etwas mehr als 60 Kilometer gebraucht hätte, sondern quer über die südlichen Ausläufer des Schwarzwaldes, den Hotzenwald und den Dinkelberg, das Alb- und das Wehratal hinunter und drüben wieder hinauf. Und das wieder einmal ohne Vorbereitung.  Der Krampf packt meine Oberschenkel auf der Tüllinger Höhe, als ich aus dem Querfeldein tauche, um die B 316 zwischen Rheinfelden und Lörrach zu überqueren. Wenigstens kann ich es den Rest moderat abwärts rollen lassen, durch den Nordbasler Vorort Riehen, an Weil vorbei und über den Rhein bis St. Louis. Da sind es dann knapp 90 Kilometer geworden, als ich im Hotel L'Europa an der Kreuzung in der Ortsmitte einziehe, für damalige Verhältnisse kein befriedigendes Ergebnis.

16.-17.5.  St. Louis - Villersexel - Mirebeau-sur-Bèze
Die Burgundische Pforte ist kein ebener Durchgang nach Frankreich. Schließlich hat sie den Rhein einmal davon abgehalten, hier weiter nach Westen zu fließen. Mich können die ersten französischen Hügel nicht abhalten, sie sind noch relativ harmlos, und die auf der Karte vorgezeichnete Zickzack-Route erfordert mehr Aufmerksamkeit. Auch die Anfänge der Haute-Saône, jenseits des Rhein-Rhone-Kanals, schaffe ich an diesem Tag noch und erlebe nach 115 Kilometern bei der Ankunft in Villersexel eine kleine Überraschung: Dies ist die Partnergemeinde von Schönau im Schwarzwald, mit dem mich wiederum eine Jugendliebe verbindet. Am Abend im Hotel de Relais lese ich "Schwarz", das einzige Buch von Stephen King, das ich kenne, geschweige denn besitze.
Die folgende Strecke hat nichts erinnernswertes zu bieten. Sicher bin ich die gesamten 114,7 Kilometer weit damit beschäftigt, über kleine und kleinste Straßen die vorgezeichnete Route durch die Haute-Saône zu finden und dadurch provozierte landschaftliche Unebenheiten im Weg zu überwinden. Der Routenplaner würde mir heute die Strecke über Vesoul empfehlen,  die nur auf der Karte wie ein Umweg aussieht, tatsächlich aber zwölf Kilometer kürzer wäre. So buckle ich halt nach Michelin-Maßstäben bis ins Tal der Saône, aber dass ich in Mirebeau Station gemacht habe, wüsste ich heute nicht mehr, wenn ich es damals nicht notiert hätte.

18.5  Mirebeau - Saulieu
Inzwischen bin ich im Burgund, und bald nach Mirebeau kommt dessen Hauptstadt Dijon. Ich durchquere sie nördlich vom Zentrum und behalte sie auch deswegen im Gedächtnis, weil ich auf einem weitläufigen Platz eine Bank aufspüre, um einen Eurocheque einzulösen - noch steht die bequeme Geldkarte nicht zur Verfügung.  Zumindest finanziell gestärkt, nehme ich die Cote  d'Or, die eigentlich gar nicht so goldenen Hügel, in Angriff. Weiterhin halte ich mich an Nebenrouten, die hin und wieder auch in Feldwege übergehen. Die Karte habe ich hinter mir auf dem Gepäck eingeklemmt. Das ist ein Fehler, denn auf einmal ist sie weg. Auf holprigen Fahrwegen halte ich die Richtung und finde auch wieder auf eine größere Straße, die mich nach Saulieu am Rande des Parc Regional du Morvans bringt.


Saulieu, Place du 16 Juin 1940

Dort finde ich Unterschlupf in einer kleinen Herberge gegenüber dem zum Parkplatz degradierten Platz des 16. Juni 1940. Der wirkt zwar mit seinen schnurgerade aufgereihten Baumreihen sehr diszipliniert, was allerdings die Jugend des Städtchens nach Einbruch der Dunkelheit nicht abschrecken kann.

19.-20.5. Saulieu - Nevers - Bourges
Bis Montsauche-les-Settons, bergauf, bergab, bergauf, finde ich leicht, und dann tritt die nächste Michelinkarte (Centre - Berry-Nivernais) in Kraft. So tauche ich schneller, als ich in Tritt kommen kann, wieder in dieses Geflecht von kleinen und kleinsten Straßen ein.  Wieviele Kilometer ich an diesem Tag abspule, kann ich allerdings nur abschätzen, denn zwischen Saulieu und Nevers ist die  Tachowelle gebrochen, so dass die Aufzeichnungen bei km 426,7 aufhören. In Nevers finde ich ein Zimmer in der Altstadt unweit der Pont de Loire, eine betriebsame Bar für das Apres-Velo gleich in der Nähe. Darin produziert sich ein angesäuselter junger Typ und quatscht unter anderem auch mich an. Als er erfährt, dass ich mit dem Fahrrad unterwegs bin, macht er auf Queen Imitator und grölt spöttisch in die Runde: "I want to ride my bicycle..."
Ja, das möchte ich auch. Zumal das Michelin-Männchen bald eine gemäßigtere Topographie verheißt. Aber nach etwa 40 Kilometern brechen auf der eingezäunten Durchfahrt eines militärischen Sperrgebietes hinterrads zwei, drei Speichen. Hässliche Schleifgeräusche achtern begleiten mich zur N 67 und auf den letzten 30 Kilometern nach Bourges. Dort liefere ich das abgerockte Bicycle am Gepäckschalter ab und fahre mit der SNCF schnurstracks nach Hause. Das Rad habe ich nie mehr gesehen.


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