for here or to go


"But this time I know we're right/and I'll defend the Stars and Stripes"
(Anti-Irak-Song 1990)


August/September 1990   U.S.A.  Mittlerer Westen

25.-26.8. Cincinnati
Ganz wichtig für die Amis gleich nach meiner Ankunft auf dem Airport von Cincinatti: Wird er auch garantiert wieder zurückwollen nach Germany? Die korrekt blonde junge Kontrolleurin will es genau wissen: ob denn zuhause eine Frau oder Freundin auf mich wartet?  Obwohl ich das verneinen muss, lassen sie mich rein. Nur die Cabanossi darf nicht mit. No food.      Als hätte ich die Tür eines Backofens geöffnet, schlägt mir  die feuchte Hitze ins Gesicht.  Es findet sich ein Shuttle-Bus ins Zentrum und ein Zimmer in einem rotgrauen alten Kasten, dem Milner Hotel. Billig und schäbig. Blechkästen an der Außenwand sehen zwar aus wie Klimaanlagen, drinnen machen sie aber nur Lärm. Die erste Nacht bleibt weitgehend ohne Schlaf. Es ist Sonntagmorgen. Ich laufe los in die Richtung, in der es laut Reiseführer einen Busbahnhof geben müsste. Mit Rucksack seh` ich hier sicher komisch aus. Ein paar Schwarze jodeln über die Straße: "Hey Mister, where are you going?" Gleich darauf hält ein Polizeiwagen neben mir. Das sei eine "not so friendly neighbourhood" hier, ich solle lieber mal einsteigen. Er weiß zwar nichts von einem Busbahnhof, fährt mich aber zu der betreffenden Ecke. Tatsächlich: nichts als ein leerer, staubiger Platz.  Also laufe ich weiter zur Greyhound-Station. Die gibt es zwar, aber ich sehe nur Überlandbusse. Nächster Versuch: Ich laufe einfach mal stadtauswärts in Richtung West-Nordwest. Aber da hat sich was. Kilometerweit ziehen sich die Ausfallstraßen, ohne dass irgendein öffentliches Transportmittel in Sicht käme.  Einmal klopfe ich an eine abgeblätterte Haustür und will nach dem Weg fragen, aber der black daddy schaut misstrauisch zwischen seinen kids hindurch in die Mittagshitze und schüttelt nur verwundert den Kopf. Da kommt mir nach gut zwei Stunden Fußmarsch ein Taxi gerade recht. Ich möchte zurück "to the City" und ernte das nächste Kopfschütteln: "downtown?"  Petula Clark nicht richtig zugehört? Zur Strafe gibt`s noch eine Nacht im Milner.

Downtown Cincinnati

 

27.-30.8. Nulltown - Seymour - Evansville - Princeton

Ohne Auto wird das nix, ich hab`es eingesehen. Mein erster Gang führt jetzt zu Budget. Es ist gar nicht mal so teuer, für zwei Wochen einen schwarzen Nissan zu mieten. Er steht auf dem Parkdeck eines der Halbhochhäuser im Vorraum der Skyline. Mit dem Wagen schleiche ich mich im dritten Anlauf erfolgreich aus der Stadt. Aber so, wie von zu Hause gewöhnt, wird das auch nix: von wegen aussteigen, rumlaufen, bisschen fotografieren. Indiana ist weitgehend privatisiert, laufen geht allenfalls der Straße entlang, an der selbst die Bäume sich mit dicken Efeupelzen einhüllen. So komme ich nach Nulltown, das sich keine Mühe geben muss, seinem Namen Ehre zu machen. Drei oder vier Häuser,  eines davon ein Drugstore, wo es zwischen allem Möglichen den Kaffee aus dicken Tassen zu schlürfen gibt.
Nulltown
Ab Null ändere ich die Richtung - nach Südwesten. In Fastfood-Manier, und dennoch in gemächlichem Tempo, mit einem Fahrpensum von 200 bis 300 Kilometern am Tag, ziehe ich ab jetzt American way of life and culture rein. Das großflächige Freilichtmuseum Spring Mill State Park, wo ein typisch schwarzgekleidetes altes Amish-Paar sich in der heißen Luft ankuckt, wie die Amish-People leb(t)en. Das erst seit einem Vierteljahr geöffnete Lees Inn am Stadtrand von Seymour, wo haushohe Pylonen am späten Abend noch exorbitante Fahrenheit-Temperaturen anzeigen und sie über Nacht statt der Schuhe die Windschutzscheibe des Wagens putzen. Ferdinand mit einem Marienverehrungs-Zentrum und einem original Fleig's Cafe, wo es zwar keine Fleigs mehr gibt, für mich aber eine Baseball-Kappe, die von der 150-Jahr-Feier (Ferdinand Sesquicentenial) Anfang Juli ("Nitty-Gritty-Dirty-Band was here!") übriggeblieben ist. Ein plötzlicher Regenguss, der soviel Wasser vom Himmel schüttet, dass ich mich nicht getraue, weiter zu fahren. Das Lincoln Boyhood Memorial mit der konservierten Farmhütte, in der jung Abraham aufgewachsen ist.  Das Museum of Art, History and Science in Evansville, wo ich in einem der Showräume unbeholfen den PC, der mit seinen Experimentchen Eindruck schinden will, abstürzen lasse - aber es gibt keine Zeugen.  Das Audubon-Museum bei Henderson, Kentucky, wo vor 180 Jahren ein berühmter Vogelkundler Vögel malte, mit einem Birds-Lehrpfad im grünen Waschküchen-Park. Das Stratton-Inn mitten im "trockenen" Bourbon-Staat Kentucky, wo ich am Abend eben mal zig Meilen zurück zur Grenze fahre, um Sprit zu besorgen.

31.08-4.9. Covington - Memphis - West Helena - Nashville
Memphis, Tennessee: Die Shopping-Straßen im Zentrum sind so voll mit Schwarzen, das ich automatisch noch `n Stück bleicher werde.  In einem traumhaften record-shop erkundige ich mich nach dem Weg zur Filiale, aber der Händler rät ab. Das sei eine "not so friendly neighbourhood". Schon wieder. Das Sun-Records-Studio, in dem Elvis, Jerry Lee Lewis und Johnny Cash angefangen haben, hat überhaupt nichts Magisches an sich. Aber die drei Legenden werden mir noch öfters begegnen. Gleich wieder im Mississipi River

Museum auf Mud Island, wo mich aber mehr das Relief der Stromlandschaft, über das man von der Quelle bis zur Mündung spazieren kann, fasziniert - und die blonde Führerin durch das Spektakel, frischer als die Hitze erlaubt.
"Was kommt denn da für einer", steht im Gesicht des Pakistani oder Inders geschrieben, der mich hinter dem vergitterten Fenster der Motel-Rezeption an einer nördlichen Ausfallstraße ab- und eincheckt. Eindringlich weist er mich darauf hin, dass ich nur für eine Person bezahlt habe und auch definitiv niemanden mitnehmen darf, sonst...  Ich kapiere nicht, was er will. Auch das rundum verspiegelte Zimmer und das TV-Programm zwischen Boris Becker live und Pornos machen mich nicht stutzig. Erst als im Laufe des Abends draußen neben meinem Datsun ständig wechselnde Autos vor- und wieder wegfahren, in den anderen Zimmern dauernd andere Leute ein- und wieder ausziehen, fällt allmählich der Cent: Da hab` ich unwissentlich die Fluktuationsrate eines Stundenmotels nach unten gedrückt.
Ein Stück weit fahr` ich am nächsten Tag noch Richtung Südwesten, über eine solitäre Mississippibrücke hinein nach Arkansas. Das Flussland ist flach und eintönig. Die Radiosender spielen Country rauf und Country runter, einer den lieben langen Tag nur "Louie, Louie" in allen möglichen Versionen. Ich kehre zurück zum Fluss und mache Halt in West Helena mit seinen aufpolierten historischen Südstaatenhäusern. Mein Tick, auf fremden Speisekarten etwas unbekanntes auszusuchen, beschert mir eine neue Erfahrung. Es gibt einen Teller voll trockener Chips mit scharfer Sauce zum Abendessen.  In einem Seitengang des Hotels linse ich neugierig in einen Raum, aus dem bekannte Töne zu hören sind. Aber der Gottesdienst, den sie hier am Sonntagabend zelebrieren, verschließt sich dem Gospelfan aus der alten Welt.   Nashville: Okay, die Musik aus der Country-Metropole hat keinen guten Ruf, und es ist auch noch Montag. Aber sie haben wirklich ein paar Museen zu viel hier, in der "Music Row" und im "Opry-Land".  Eines zum Beispiel eine große Halle, in der die Cars der Stars in Reih und Glied geparkt sind. Einen der abartigen Elvis-Cadillacs habe ich ohnehin in Memphis schon ausgiebig begafft. Immerhin, aus einem Plattenladen nehme ich die zwölf Platten-Box "The Sun Years" von Jerry Lee Lewis mit. Mit noch einigen Scheiben mehr in einer Stofftasche werde ich vor dem Rückflug die Security am Airport vor ein Rätsel stellen. Was ist das für ein schwarzer Kreis mit Loch in der Mitte auf dem Röntgenschirm? Bomben-Musik jedenfalls.
Der erste Irak-Krieg liegt in der Luft. Tafeln mit auswechselbaren Buchstaben an den Ortseinfahrten laden immer häufiger nicht zu Barbecues, Garage-Fleamarkets oder bei den vielen Deutschstämmigen in dieser Gegend ersten Oktoberfests ein -  sie appellieren an die Boys da unten, gesund wieder nach Hause zu kommen. Da dürften sie sich dann im Radio patriotische Songs anhören wie "Don`t give us a reason" von Hank Williams jr. "An immortal line" zitiert kopfschüttelnd ein David Zimmerman in USA TODAY: "You can take that poison gas/And stick it in your sassafras." Dass sein Vater, der begnadete Loser Hank Williams, das nicht mehr erleben musste!

5.9.-9.9. Bloomington - Cincinnati
Über den Ohio River fahre ich wieder hoch nach Indiana. Im Uni-Städtchen Bloomington  im Herzen des Hoosier-Staates kaufe ich im Bookcellar an der Ecke Grant und Kirkwood für einen Dollar den Taschenbuchkrimi "Death of a perfect Mother" und ein paar Stores weiter ein T-Shirt mit dem Aufdruck Indiana. Das eigentliche Souvenir-Mekka liegt allerdings ein paar Meilen weiter östlich in den Hügeln des Brown County. (Little) Nashville ist lupenreines Touristengebiet, ein einziger historischer Kunsthandwerkermarkt. Ich bleibe zwei Tage, verkrieche mich die meiste Zeit im klimatisierten Motelzimmer und ziehe ein paar Videos rein, unter anderem Milagro von Robert Redford.  Das letzte Stück zurück nach Cincinnati führt den Ohio River entlang. Hier krieg ich in einem Imbiss nochmal eine Lektion in Fastfood-Ordering. Manche Sprüche muss der US-Frischling mit seinem angestaubten Schulenglisch zweimal hören, ehe er es checkt: will er den Burger mit Zwiebeln oder ohne, mit einer Tomatenscheibe oder ohne, mit Senf oder ohne, mit Ketchup oder ohne, mit einem Salatblatt oder ohne, zum hier essen oder zum mitnehmen? "For here or to go?" Nicht, dass ich schon Heimweh hätte. Aber die letzten Tage nutze ich unter anderem zum Besuch eines "Oktoberfestes" in Covington, gegenüber auf der Kentucky-Seite des Flusses. Mit der Skyline Cincinnatis im Rücken jodeln Dirndl- und Lederhosenkids zum Entzücken ihrer deutschstämmigen Grannies und Mammies, die sich für ihre täuschend echt schmeckenden Black Forest Torten loben lassen. Sei`s drum, es ist time to go. Aber kaum ist der Flieger in der Nachtluft, quetscht die Stimme des Piloten was aus dem Cockpit, das sich anhört wie "technical problems", "hate to do this", "landing in Bast`n". Die Zwischenlandung im finsteren Boston wird unsanft. Dafür schmeichelt mir, was ein Austauschstudent, der neben mir im Flieger sitzt, findet: Dass ich so ganz allein durch die Staaten gereist bin, das sei doch ziemlich "tough".


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