Von Hund zu Hund

"das, was alle Reisenden erleben, wenn sie
von nicht mehr zu berichten haben als von
der Freude unterwegs während bestimmter
Augenblicke und der süßen Schwere, mit der'
sie abends in den Gasthöfen, zufrieden über
die zurückgelegte Wegstrecke, ins Bett
sinken."

(Fernando Pessoa - "Der Pilger")

April 1995   Tschechien  Ostdeutschland

Es wird immer komplizierter, ein Fahrrad als Reisegepäck vorauszuschicken. Für den Transport nach Niederösterreich bekommt es einen steifen Karton umgehängt. Als ich am Abend in Ziersdorf, an der Kante zwischen Wein- und Waldviertel, aussteige, kann ich mein Rad zwar ohne Probleme am Gepäckschalter in Empfang nehmen, aber nur mit Verpackung. Sie wird um die Ecke wild entsorgt, und ich trete los in die kühle Dunkelheit. In Maissau, von wo ich am nächsten Tag starten will, empfängt mich tatsächlich ein Gasthof - soviel Glück muss sein.  Auch für das Paar, das beim "Naderer" demnächst seine  Hochzeit feiern will. Die Eltern der angehenden Braut besprechen am Nebentisch alles mit der Wirtin. Nette Unterhaltung für mich zum Abendessen.

 

10.4. Maissau - Dacice

Das morgendliche Aufsatteln beginnt Routine zu werden. Die Handgriffe sitzen. Bei Gemischtwetter starte ich Richtung Grenze, die immerhin noch um die 50 Kilometer entfernt ist. Kurz davor geht`s hinunter nach Drosendorf im Tal der Thaya/Dyje, einem Neben-Nebenfluss der Donau, und dann wieder hinauf zum Grenzübergang. Es ist nichts los dort, die Beamten sind freundlich, die Kontrollen uninteressiert. Etwas verwundert blickt die Frau hinter dem Wechselschalter, als ich 200 DM umtausche. Warum, wird mir erst später richtig bewusst, als meine Kronen in Tschechien einfach nicht weniger werden wollen.       Jetzt bin ich also im südböhmischen Bergland, in der Ceskomoraska Vrchovina. Als erstes fällt mir auf, dass hier jeder zweite Ortsname mit ice endet. Als zweites, bei der ersten Übernachtung im Hotel Dyje in Dacice, fallen die niedrigen Preise auf.   Die Halbe Bier kostet hier etwa ein Zwanzigstel von dem, was ich im Jahr zuvor in Norwegen bezahlt habe.

 

11.-12.4. Dacice - Humpolec - Pecky

Es werden heute zwar nur 77, dafür aber recht abwechslungsreiche Kilometer bis  Humpolec. Auf und ab durch Wald und Feld und Wiesen, unter blauem und grauem Himmel, mit Schneeflocken und Sonnenstrahlen durchmischt, dazwischen die malerische Kleinstadt Telc, leicht weiß bestäubt. Alles wirkt jetzt in der Karwoche verschlafen  - außer den Hunden. Wie in einer Stafette bellen sie mich einer nach dem anderen durch die langgezogenen Dörfer wie Vyskytna oder Zachotin,  in denen sich kaum ein Mensch blicken lässt. Die  ganz heimtückischen warten hinter den Holzlatten der Gartenzäune, bis ich gerade an ihnen vorbei bin, um mich dann mit plötzlichem Gebell aus dem Hinterhalt zu schocken. Mitten in einer der langgezogenen, flach ansteigenden Straßen werde ich gestoppt. Da sitzt dieses struppige Kätzchen am Rand. Zweifacher Grund, um abzusteigen. Die hungrige Katze frisst hastig mein trockenes Brot, meine müden Beine können die Rast gebrauchen. 
katze tschechien
SÜDBÖHMEN

Relativ früh steige ich in Humpolec im Hotel Orlik ab, auch weil die Aussichten auf eine bessere Unterkunft auf den nächsten Kilometern sehr bescheiden sind.       Das war auch gut so. Denn nach Humpolec kommt, oberhalb der Autobahn aus Richtung Brünn zum 70 Kilometer entfernten Prag, zunächst ein waldreiches und menschenarmes Gebiet zwischen den Zuflüssen zur Moldau und der Elbe, die sich auf ihrem langen Weg durch Mähren und Böhmen Labe nennt.  Vor deren Überquerung übernachte ich - 92 Kilometer weiter gekommen - im Industrienest Pecky in einem schwer verdreckten Gasthaus (Karel IV). Fürs Abendessen mache ich eine Art öffentliche Kantine der Maschinenfabrik ZPA ausfindig, mit gut konservierter Kombinatsatmosphäre, mit ordentlichem Essen zu wieder einmal absolut sozialistischen Preisen.

 

13.-14.4.  Pecky - Sloup v. Cechàch - Hoyerswerda

Schnell erreiche ich die tschechische Elbe und überquere sie vor Nymburg. Es ist kälter geworden. Während ich hinter der kleinen Stadt bergan fahre, bekomme ich zu spüren, dass ich besser  Handschuhe mitgenommen hätte. Aber bald wärmt mich die Anstrengung bis in die Fingerspitzen. 

Es liegt noch ein langer Weg vor mir,  kilometerweit durch einsames Wald- und Heidegebiet, das aussieht wie Manövergelände.

LETIŠTÊ HRADCANY

 

Am Ende steht ein markanter Bergkegel, den ich noch umrunden muss. In der Penzion Zámecnek außerhalb des Ortes Sloup rät mir der Wirt, das Fahrrad mit aufs Zimmer (im ersten Stock!) zu nehmen, das sei sicherer. Platz genug ist in dem hohen kargen Raum mit einem Radioempfängerkästchen in der Ecke unter der Decke, als wär's ein Herrgottswinkel. Aber es funktioniert nicht.
         Karfreitag. Ich komme nicht weit, ein paar Kilometer bis Svor. Dicke Schneeflocken machen die Straße zur Rutschbahn, verkleben die Brillengläser, durchnässen mich und das Gepäck. Ich biege ab zum Bahnhöfchen, warte, bis sich irgendwann das Schalterguckloch öffnet, und kann eine altmodische kleine Pappfahrkarte lösen - erstmal zurück zur Bezirksstadt Ceska Lipa. Von dort fahre ich mit dem Zug hoch zum Grenzort Rumburk.         Der Übergang zum sächsischen Neugersdorf wirkt seltsam verlassen. Langsam schiebe ich mein Rad über die Fahrspuren an den grauen Gebäuden vorbei. Erst auf der anderen Seite tritt mir ein deutscher Zöllner in den Weg: wo ich denn herkomme, ob mich niemand kontrolliert habe, schüttelt er den Kopf. Ich krame meinen Pass heraus, aber ihm ist es jetzt auch egal. Ich ziehe unbehelligt ab zum Bahnhof und löse die nächste Fahrkarte. Über Bautzen geht es nach Hoyerswerda. Das Wetter hat sich zwar längst beruhigt, aber als ich durch die Stadt mit dem üblen Ruf radle, pöbeln mir ein paar gelangweilte Kerle hinterher. Ein Hotel finde ich an der Ausfallstraße Richtung Osten, gutartig bürgerliches Abendessen hat der Ratskeller am großräumigen Marktplatz zu bieten.

Hoyerswerda

15.-17.4. Hoyerswerda - Märkisch Buchholz - Gera

Vor mir liegt ein weites, wüstes Feld, sagt meine Karte. Ob gezeichnet von Manövern oder vom Tagebau - mein Prinzip "möglichst immer der Nase lang und durch" lasse ich lieber sausen und umbiege das Brachland auf den nobelst ausgebauten neuen Bundesländerstraßen, vorbei an der berüchtigten "Schwarzen Pumpe", durch Orte, in denen die Einwohner schwäbischer als die Schwaben am Samstag ihre Gehsteige säubern. So gelange ich hinein nach Brandenburg und an den Rand des Spreewalds. Beim Bahnhof in Lübbenau bedroht mich ein heftiger Regenschauer, da sind die offenen Türen eines abfahrtsbereiten Zuges auf Bahnsteig Eins zu verlockend. Ich schiebe mein Rad hinein und warte auf jemanden, der mir eine Fahrkarte verkauft. Ehrlich. Doch da hält der Zug schon in Lübben, und ich schiebe unverrichteter Dinge wieder ab. Einen kurzen Blick auf die Spreewaldromantik kann ich mir leisten, dann setzt wieder der Regen ein. Ich sitze jedoch längst im Sattel und brauche noch gut 20 Kilometer, bis ich in Leibsch eine Unterkunft finde, keine zehn Kilometer vor dem Ziel dieser Tour, Märkisch Buchholz.           Kaum das ich dort absteige am andern Morgen. Hinterm westlichen Ortsausgang finde ich den auf der Karte gewählten Weg Richtung Süden, der sich allerdings als märkische Sandpiste erweist - übel für meine schmalen Reifen. Die waldreiche Gegend kann sich sehen lassen, aber das Wetter gibt weiterhin keine Ruhe. Deshalb lasse ich mir die Gelegenheit nicht entgehen, als ich nach wenigen Kilometern auf den kleinen Bahnhof von Brand an der Linie Fürstenwalde - Lübben stoße. Ich beschließe, mich endgültig von der Bahn nach Hause befördern  zu lassen. An diesem Ostersonntag komme ich bis Gera und quartiere mich in einem auf westlich getrimmten ehemaligen Interhotel der DDR ein. Ich setze mich zum frühen Abendessen, als sich am Nebentisch drei alte Damen-Ost ans Bezahlen ihres feiertäglichen Fünfuhrtees machen. Sie müssen schon längere Zeit nicht mehr hier gewesen sein, denn die Rechnung schockt sie gewaltig. Es ist mir leider nicht gelungen, ihren kurzen Trialog zwischen "Ich hab`s geahnt" und "Hättest du doch was gesagt" zu rekonstruieren. Er schloss mit einer köstlich absurden Pointe, der ich bis heute ohne Erfolg nachgrüble. Dafür klingt mir bis heute die empörte Bemerkung eines frränggisch`n Weibes in den Ohren, als ich in Ansbach mein Rad mit Gepäck aus dem Zug wuchten will, bevor sich die anderen daran vorbeiquetschen müssen: "Des is jo allerhandd!" Wie kommt es, dass ich eine gewisse franggophobie ebensowenig abstreiten kann wie eine gewisse frankophilie?  Angenehmer wird dann mein letzter Zwischenstopp im Hotel Wanner in Böblingen.         Schließlich sollten diese 500 abgestrampelten Kilometer erst ein Vorgeschmack sein: auf die große Deutschlandtour im Sommer: die Hochzeitsbesprechung: auf die Industriellenhochzeit in Heiligenberg, unter die ich mich mische; der märkische Sand: auf die Pisten der Lüneburger Heide, in denen mein Rad und meine Füße schier versinken; die ausgemusterten Manövergelände der Tschechen: auf das leibhaftige Panzer-Ungetüm, das mir bei Fallingbostel entgegenrollt; das Brachland bei der Schwarzen Pumpe: auf den riesigen Tagebaukrater, der sich hinter Jülich vor mir auftut. Aber das sind andere Geschichten.

 


Vorherige Seite: Dernieres Charmes
Nächste Seite: Hin und her im Alpenraum