Mein Navi
"Was habe ich gemacht aus mir? Ich fand mich
als ich bereits verloren war." (Fernando Pessoa - "Das Gerüst")

Vitraux, Troglodytes
März 1996 Reims - Royan Frankreich
7.3. Reims - Montrichard
Wochenlang habe ich jetzt, fast 15 Jahre später, nach zwei Orten gesucht, in denen ich damals Halt machte. Nach allen Regeln der Google- und sonstigen Kunst. Ohne diese Stationen dingfest gemacht zu haben, komme ich nicht in den Bericht, in die "Rechtfertigung der Reise". Ein paar Aufnahmen auf einem nicht voll gewordenen Film, die mit Bleistift eingezeichnete Route auf unvollständigen, verfalteten Michelinkarten sollen die Erinnerung auf die Fährte locken - für diese paar Zeilen. In welchem Ort hatte ich in einer Kirche Glasfenster (vitraux) fotografiert tot, in welchem anderen Felshäuser (habitationes troglodytiques)? Irgendwo auf dieser schrägen Fahrt quer durch das Innere Frankreichs, von der Champagne bis zum Atlantik.
Ein paar Tage zuvor erst waren wir mit unserer Guggenmusik in der Nähe von Lyon beim Carnaval aufgetreten. Für mich war es nach elf Jahren die Abschiedsvorstellung. Mit dem in die Jahre gekommenen Ritmo setze ich dann von Reims aus den Reiseweg auf der schnurgeraden Linie fort, die ich von der Lüneburger Heide Zweiundvierzig Grad bis nach Altkastilien Entre dos profundos gezogen hatte.
Gleich hinter Reims wölbt sich mir ein Streifen Champagnerland entgegen. Nichts als Weinbergflicken, durch die sich die schmale Straße windet. Bald beruhigt sich die Landschaft und nimmt die typisch innerfranzösischen Züge an - nicht besonders aufregend. Es ist ganz still in der hellen Mittagsstunde, als ich anhalte und in eine Kirche gehe. Die bunten Motive der Fenster leuchten ins Halbdunkel, der Gekreuzigte spiegelt sich im Glasabschluss des Altarraums und überdeckt die aufgereihten Kirchenfürsten. Puiseaux, weiß ich jetzt, heißt der Ort südlich von Paris, am Rande des Departments Loiret. Am Nachmittag mache ich nochmal Halt am Rande von Jargeau,
wo ich die Loire überquert hab. Über Nacht bleibe ich an der Cher, im Hotel Tete Noir in Montrichard.
8.3. Montrichard - Royan - Cognac
Der zweite Ort, hab' ich jetzt herausgefunden, heißt Genillé. Felswohnungen gibt es hier im Einzugsgebiet der Loire haufenweise, das weiß ich mittlerweile auch. Damals werde ich mit der Nase draufgestoßen, als ich mir gleich am Morgen im Tal des Indre-Nebenflüsschens Indrois die Füße vertrete. Das war's denn auch bis zum Atlantik. In Royan schaue ich mir kurz den Bahnhof an und kehre um. Nach einer Nacht in Cognac (!) will ich den Weg quer durchs Land in einem Rutsch schaffen, möglichst ohne Autobahnmaut. Nur mein Fahrersitz macht das nicht mit. Etwa 150 Kilometer vor Schluss bricht eine Strebe, und ich hänge für den Rest mehr schief als krumm hinter dem Steuer. Ein neues Auto wird hermüssen.
Zum Haken
Februar 1997 Taunus und zurück
26.2.-28.2. Wiesbaden-Kloppenheim - Rotkreuz/Luzern
Von dieser Winterfahrt sind nur Bruchstücke übrig. Sie führt die Rheinebene hinunter, durch den lothringischen Zipfel Frankreichs, durch die Pfalz, Rheinhessen, über den Taunus, zurück durch den Schwarzwald, glaub ich, ein Stück hinein in die Schweiz. Viele Orte, an denen ich schon mal war. Noch offene, andere Geschichten. Zwischen dem Wald von Hagenau und der Pfalz, zwischen Seltz und Landau fährt man in Autobahnschneisen, wo einem keine Hornissen Angst machen, keine französischen Kriegsveteranen praktizierte Völkerversöhnung demonstrieren können. Die Dörfer im rheinhessischen Hügelland halten sich und ihre kleinen Kostbarkeiten versteckt. In einem von ihnen hatten wir im heißen Sommer 1976 einen uralten, halbverfallenen Friedhof gesehen. Es gibt ihn nicht mehr, oder er ist nicht mehr auffindbar. Ebenso wenig wie das Haus in Ingelheim am Rhein, wo wir vor 21 Jahren bei angeheirateter Verwandtschaft kurz Station gemacht hatten. Der Taunus stellt mit dem Auto keine Herausforderung dar. 16 Jahre früher zu Fuß war das ganz anders.
Dietkirchen bei Limburg ist der Punkt zur Umkehr. Die Kirche St. Lubentius und Juliana schaut herrisch über das Lahntal und gibt mir eine Broschüre mit. Am Fluss das erste Zeichen: Im Aushangkasten des Fischervereins klagen sie über die Kormoranplage. Irgendwo in einer Villengegend in Wiesbaden finde ich dann zwar ein Hotel, aber sie sind belegt und weisen mich in den Vorort Kloppenheim. Eigentlich ist der "Landgasthof zum Schwanen" geschlossen, aber schließlich kann ich mich doch als einziger Gast einquartieren. Es ist ja auch schon dunkel.
Theoretisch muss ich auf dem Rückweg durch den Schwarzwald gefahren sein. Ich ordne dem jedenfalls ein Foto auf einem wenig einladenden verschneiten Parkplatz zu. Saluti da Triste Gelandet bin ich dann in Rotkreuz, das ist keine Erste-Hilfe-Station, sondern eine Art Verkehrsknotenpunkt bei Luzern. Im Nebenzimmer des Hotel Bauernhof http://www.bauernhof-rotkreuz.ch/bauernhof/index.php geben sie an diesem Abend einen Bildungsvortrag, ich nehme mein Feierabendbier mit nach drüben. Der Redner hat's mit der Natur und bricht eine Lanze für die Kormorane (siehe oben), die ja auch nichts weiter wollen als etwas zu fressen. Nach eigenen "Konsumationen" von 59.40 Franken kann ich das verstehen. Zurück bei der Arbeit, werde ich wenig später eine Glosse schreiben: "Am Haken". Da versucht ein Fisch seinem Fänger begreiflich zu machen, dass es für ihn keinen Unterschied macht, ob er in seinem Kochtopf oder im Schlund eines Kormorans endet. Das finden wiederum die hiesigen "Angelsportler" gar nicht lustig. Sie reagieren erbost bis bösartig, was zu einem klären sollenden Gespräch führt. Zu meiner Überraschung sitze ich einem fünfköpfigen Tribunal gegenüber und muss mich einiger Jagd- und Lynchinstinkte erwehren. Irgendwie haben sie mich dann aber doch nicht an den Haken gekriegt.
Verwehungen
Januar 2000 Bayern - Böhmen - Niederösterreich
17.-18.1. Fulda - Kemnath - Gmünd
Das Hotel Lenz liegt an einer Straße, die aus Fulda hinausführt. Ich gehe ein paar Schritte zurück, hinunter Richtung Innenstadt, und lasse mir im Schaufenster eines Sportgeschäftes zeigen, was jetzt im Januar verlockender wäre, als mit dem Auto durchs tiefste Deutschland zu kurven. Scuba Diving! Jedoch, was auf mich wartet, hat mit Schnorcheltauchen nichts zu tun, geht eher in Richtung Eiswüstenrallye.
Am Montag ist die Luft noch rein. Ich fahre über die Höhen der Rhön, die sich nichts anmerken lässt. Ich vertrete die Füße in einem vor sich hin rostenden Dorf, quere die Zacken, mit denen Thüringen und die Haßberge sich verhaken. Mitten im Randgebiet versteckt sich Bad Colberg. Ein neues Sanatorium drängt das mickrige Dörfchen zur Seite, den verschlafenen Eindruck teilen sie sich. Aber Bayreuth macht im Winter auch keinen aufgeweckteren. Dahinter Kemnath, das Tor zur Oberpfalz, hat denselben zur breiten Geschäftsstraße verlängerten Marktplatz als Zentrum, wie auf der anderen Seite Böhmens Gmünd, das Tor zum Waldviertel. Hier bette ich mein Haupt in der "Goldenen Krone", dort im "Goldenen Stern". Dazwischen liegt ein heißer Tag - aus kühlem Grund: Irgendwo zwischen Bayrischem und Böhmer Wald fängt es heftig an zu schneien. Meinen nur ganzjahresbereiften Fiat mit Frontantrieb bringe ich mit der nötigen Vorsicht noch ganz gut die frisch verschneite Straße zum Zentrum von Pilsen hinunter. Aber dann wird es richtig schlittrig. Bis zur österreichischen Grenze muss ich über scheinbar harmlos rumliegende, tückisch lauernde Schneefelder die vom Winde verwehte Spur halten. Bei jedem Auto von hinten, schneller als ich, bei jedem Auto vor mir, langsamer als ich, klammert sich das Lenkrad noch krampfiger an mich. Aber wir halten zusammen, auch wenn uns Polizei- und Sanitätsautos jaulend Angst einjagen, aneinander geratene oder vom Weg abgekommene Tschechen-Pkw unheilfürchtende Seitenblicke auf sich lenken wollen. Und es geht gut. Total verspannt, aber sonst heil an Leib und Blech komme ich zur Grenze und bringe gleich dahinter den Wagen vor dem warm dreinblickenden Hotel am tiefverschneiten Stadtplatz von Gmünd zum Halten.
19.-20.1. Gmünd - Tulln - Hohenlinden
Eine Etage tiefer öffnet sich vor mir das breite Tal der Donau, und gleich sehen die Welt und die Straßen schon viel freundlicher aus. Bevor ich Richtung Heimat abdrehe, sehe ich mich nach einem Bahnhof um, den ich im Frühjahr ansteuern kann, um die Route fortzusetzen. Der in Tulln scheint nicht nur geeignet, sondern auch noch besonders interessant. In diesem Gebäude ist der Maler Egon Schiele geboren, verweist stolz die Tafel des kleinen Museums in die obere Etage.
Ein paar dünne Sonnenstrahlen leiten mich auf die Autobahn Richtung Linz. Kaum bin ich drauf, fällt es mir siedendheiß ein: Die Österreicher haben jetzt doch auch eine Maut! Als kleiner Sünder immer kurz vor dem ertappt werden düse ich ohne Pickerl weiter - auch das geht gut. Und Bundesstraßen gibt es noch genug vor mir. Hinter dem späteren Papstland wird es allmählich Zeit, nach einem Bett zu suchen. In Haag i.O. ist man noch nicht soweit, in Hohenlinden begrüßt mich dann aber das Hotel zur Linde, "mein" "privates Münchner Umlandhotel".
Fallobst
Oktober 2000 Spessart - Hunsrück - Argonnen
24.-25.10. Gundelsheim/Neckar - Gemünden/Soonwald
Wieder eine dieser Querfeldeinfahrten von A über B nach C, der Navi liegt in Form einer zurechtgefalteten Straßenkarte auf dem Beifahrersitz. Es ist im Nachhinein schon erstaunlich, dass da nie was passierte, so oft wie ich mich selber vom lenken ablenkte. Diesmal liegt B am Main und heißt Hafenlohr, aber bevor ich es erreiche, um nach ein, zwei vertretenen Schritten gleich wieder Richtung C überzuwechseln, lege ich am Neckar einen Boxenstopp ein. Das Hotel zum Lamm bleibt hauptsächlich wegen seiner steilen Treppen in Erinnerung, der Ort Gundelsheim eher wegen nichts.
Im Spessart liegen eine Menge fauler Äpfel und Birnen herum. Bei Darmstadt spaziere ich auf gesichtslosen Wegen zwischen Bahnböschung und feuchten Gartenmauern. Rheinhessen erkennt mich nicht wieder und kann mich kaum mehr an den heißen, trockenen Sommer von 1976 erinnern. Das Waldhotel Koppenstein oberhalb Gemünden liegt so abseits wie der ganze Hunsrück. Auf dem Parkplatz in Bernkastel brummt es unwillig aus dem Motorraum meines Brava. aber er beruhigt sich bald und lässt sich gleich wieder auf die Höhen über den Moselschleifen schleppen. Da zeigt sich der Herbst von einer ansehnlicheren Seite. Auch das Tal der Sauer im deutsch-luxemburgischen Nationalpark wirkt richtig hübsch.
26.-27.10. Monthermé - Hirson
In die Meuse-Schleife bei Monthermé schlängelt sich die Semois. Das Hotel-Restaurant "Le Franco-Belge" wirkt etwas unaufgeräumt, so zwischen Servietten falten und Frühstück am Küchentisch, aber dadurch zum Wohlfühlen für den einzigen Gast um diese Zeit ("Montherme is at the confluence of the Meuse and Semoy rivers and the old town is contained in a peninsular formed by a loop of the river. The hotel is on the outside bend of the river about 10 minutes walk over the bridge connecting the two parts." - http://www.tripadvisor.de/Hotel_Review-g1096241-d1094767-Reviews-Le_Franco_Belge-Montherme_Ardennes_Champagne_Ardenne.html).
Dennoch erreiche ich auf der Weiterfahrt nach knapp 40 Kilometern in Hirson den Toten Punkt. Ortsauswärts halte ich am Straßenrand an und glotze minutenlang ins Leere. Es will nicht mehr weitergehen. Ich fahre noch zurück zum Bahnhof, checke ab, dass es daneben ein Hotel gäbe, und lenke schnell um, nach Süden zum sicheren Heimathafen.
Schwarz Weiß
Januar 2002 Jura - Franche-Comté - Oberrhein
20.1.-22.1 Wädenswil - Pontarlier - Elztal - Ajoie
Vom Zürichsee fahre ich quer durch die Voralpenschweiz Richtung Westen. Es ist ein sonniger Januarsonntag, und der Winter macht sich erst bemerkbar, nachdem ich zwischen Lac de Neuchatel und Bielersee durch bin und auf schmalen Sträßchen den ersten Jura-Grat hinaufklettere. Der Schleichweg nach Frankreich entpuppt sich als tückische Schneepiste. Wenigstens sind außer mir keine Autos in dieser abseitigen Gegend, so kann ich mich behutsam hinüber und ins Tal des Doubs tasten. In Montbenoit zeigt ein trutziges Gasthaus keinerlei Anzeichen von Leben, also fahre ich talaufwärts zum Städtchen Pontarlier (837m), wo noch reichlich alter Schnee an den Straßen liegt.
Pontarlier
Der Euro hingegen ist taufrisch. Die deutsche Prägung meiner Münzen wird im "Hotel St. Pierre" mit Interesse begutachtet. Die Rückfahrt nach Norden unterm grauen Himmel der Franche Comte passt zum Wochentag, zur Jahreszeit und zum Rest Schwarzweiß-Film in meiner Kamera.
An einer trüben Teichanlage im Sundgau laufe ich einem deutschen Hobbyhistoriker über den Weg, der Frontverläufe des Ersten Weltkriegs aufspüren will. Nicht viel weiter prahlt die Inschrift auf einem vermoosten Kriegerdenkmal: "Wir Deutschen fürchten nichts..." und so weiter. ("Bismarcks fulminante Rede, sein Appell an die Deutschen, die Gott fürchteten und sonst nichts in der Welt, - die Ablehnung des Septennats und die Auflösung des Reichtags steigerten die fieberhafte Erregung, in der wir alle lebten." Lily Braun - "Memoiren einer Sozialistin")
Über den Rhein und durch den Breisgau fahre ich noch ein Stück in den Schwarzwald hinein, kehre im oberen Elztal um und bekomme ganz unangenehm die tiefstehende Wintersonne ins Gesicht. Dermaßen geblendet, verpasse ich garantiert einige Gasthäuser und finde mich unversehens auf der kurvigen Bergstraße hinauf zum Kandel wieder. Im Skihotel ist zwar nicht viel los, aber für Durchreisende haben sie dennoch nichts übrig. Umso freundlicher nimmt der "Hirschen" im Glottertal http://www.hirschen-glottertal.de/mich auf - und meine Daten, mit denen er mich auch später noch ein paarmal in sein "Silence-Hotel" locken will. Ein weiteres Mal durchquere ich am Dienstag das Dreiländereck. Im Schweizer Elsgau/Ajoie, das wie ein Hubbel nach Frankreich hineindrückt, breche ich die Tour für ein paar Tage ab,
30.-31.1. Pruntrut - Lons le Saunier - Les Arbrets
um sie eine Woche später an derselben Stelle wieder aufzunehmen. Über die für den Jahresanfang schon recht grüne Grenze komme ich zum Tal des Doubs , der hier eine seiner Schleifen dreht, bis Saint-Hippolyte westwärts. Ich halte mich weiter Richtung Süden, wieder in das Land hinter den sieben (Jura-) Bergen, Franche Comte. Ein Land mit viel Kuhscheisse auf den wenigen Straßen, mit viel Grau am Himmel, aber schließlich ist es Januar. In Lons le Saunier bemüht sich das Hotel du Parc um etwas Elegance im trüben Abend, eine Rummelplatz-Eisbahn im Zentrum um etwas Leben in der Bude.
Der nächste Tag kommt um einiges netter. Nur der Typ im Cabrio passt nicht ganz dazu. Er tobt mir im mehrspurigen Kreisverkehr in Bourg en Bresse stinkefingrig hinterher, weil ich ihm, nach Orientierung suchend, irgendwie in die Quere gekommen bin. Nördlich von Lyon halte ich nochmal an, vertrete mir auf den Feldwegen neben der TGV-Strecke die Füße und versuche vergebens, den imposanten Eindruck eines vorbeirauschenden Hochgeschwindigkeitszuges adäquat aufs Bild zu kriegen.
Erneute Richtungsänderung, Kurs sud-ouest. In Miribil kurve ich auf engen, trottoirlosen Wohnstraßen zur Rhone hinunter, die ihre letzten Kilometer auf Lyon zuströmt. Unspektakuläres, dezent besonntes Hügelland empfängt mich, ein Dorf mit gleich wieder vergessenem Namen lädt zum Spaziergang ein. In Les Arbrets, wo ich zum Übernachten Halt mache, bin ich wieder nahe an den Voralpenraum gerückt.
Von Les Arbrets fahre ich zurück, um diese Tour im April zu Fuß fortzusetzen (marche, eh!). Dazu kundschafte ich noch den Nachbarort Beauvausin aus und ein Hotel in Nähe des Bahnhofs. Es wird später zwar nichts bringen ("Zweigeteilt und dazwischen"), aber jetzt beruhigt es. Die cleveren Schweizer verkaufen mir als Eintrittsbillet in ihr Land gleich eine Autobahnvignette.
Vor und zurück
Januar 2003 Nordwestschweiz - Brandenburg
19.-22.1. Ins - Titisee - Öhringen - Bad Köstritz - Luckenwalde
Ins liegt zwischen Lac de Neuchatel und Bielersee - mehr hat es nicht zu bieten. Das Interessanteste an diesem Sonntag kommt zum Schluss, am Ende des Wiesentals: die Feldberg-Passstraße. Da oben ist richtig Winter, die Skifahrermassen machen sich langsam auf den Heimweg. Nach Titisee fahre ich durch den Hintereingang hinein, lasse die großen Hotels links und rechts liegen und quartiere mich im Hotel Rauchfang an der Ausfahrt Richtung Umgehungsstraße ein. Der Rest Schwarzwald bleibt blass, es ist halt Januar. Immer wieder kreuze ich frühere Rad- und Wandertourwege, so auf den Nebenstraßen vorbei an Stuttgart. Auch die Stadt Öhringen hat mich vor nicht allzulanger Zeit schon mal übernachten lassen (immer dieser Radler) beim selben Griechen, im selben dürftigen Zimmer, an einem ähnlich trüben Tag, nur dass es vor fünf Jahren Sommer war.
Durch Franken und Thüringen geht es am Dienstag. Über dem Hohenwarte-Stausee der Saale pflüge ich durch Erinnerungen einer Radtour (Neufünfländer) im Sommer 1997. Übernachtet wird in Bad Köstritz, wo das Schwarzbier herkommt.
Tag Vier beinhaltet eine Fahrt durch unbevölkerte Leipziger Messebezirke und eine Elbüberquerung, da weder Hochwasser noch Nebel noch Eisgang den Fährbetrieb bei Pretzsch stören. Endstation soll Dümde sein, aber da ist gleich gar nichts los. Also drehe ich ab nach Luckenwalde. Der Vierseithof ist ein zum Hotel aufpolierter alter Gutshof ("Der Gastgeber wartet Sie in eigenem Restaurant auf ein habhaftes Mittagessen" - Reserve ‘n’ Go). 60 Euro für das Zimmer sind im Verhältnis zur Güte des Hauses und zur Nähe von Berlin kein schlechter Deal.
Auf und nieder
März 2004 Wies - Boen Frankreich-Ost
16.3. Bretonvillers - Thizy
Gigot ist nichts als eine Abzweigung im Departement Doubs, von der Schweiz aus gesehen hinter den (mindestens) sieben Bergen, irgendwo zwischen Biel und Besancon. Dort, wo der Bach Reverotte in das Doubs-Nebenflüsschen Dessoubre mündet. Abseits halt. Im Hotel-Restaurant de Gigot kostet das Zimmer 24 Euro, das Cotelette 6,50 Euro, Ruhe inbegriffen. In den Flusstälern japsen die Bäume unter grauen Moospelzen nach Licht und Luft. Auf den steilen Straßen dazwischen kann man oft kilometerweit auf und nieder fahren, ohne dass einem jemand in die Quere kommt. An Sommersonntagen mag das anders sein. Hinter Lons-le-Saunier scheint sich die Landschaft in die Ebene hinein zu öffnen, bleibt aber gleich hinter der Autobahn Paris-Lyon bis zur Saone nicht minder verschlossen. In der Bresse, wo die dicken Hühner herkommen, verstecken sich die Gehöfte und Siedlungen hinter reichlich Hecken und Büschen.
Ganz anders über dem Fluss: Die Berge des Maconnais und des Beaujoulais lassen ungeniert die Märzsonne auf sich und ihre Rebhänge scheinen. Trotzdem ist auch hier Hinterland. Das merke ich spätestens im antiquierten Amplepuis (Nähmaschinenmuseum!), wo ich vergeblich nach einem Hotel frage. Das finde ich erst in Thizy, wenige Kilometer nördlich. Aussichtsreich thront das unansehnliche "L´Ecrevisse" über dem Tal. Jenseits der Loire will ich am nächsten Tag noch einen passenden Ort auskundschaften, von dem aus ich im Mai weitermachen kann (marche, eh! - Schnee im Mai). Boen hat zwar ein geschäftiges kleines Zentrum und einen stillen kleinen Bahnhof, Übernachtungsmöglichkeiten sind aber auf den ersten Blick nicht auszumachen. Also erstmal zurück.
Ziellos
März 2005(?) Elsaß-Lothringen
Eine rätselhafte Fahrt bringt mich nach Frankreich. Vier Jahre danach weiß ich nicht mehr, wohin ich da wollte, ich weiß nur noch, dass ich nicht weit gekommen bin. Bis Varangeville. Dass ich, arg reduziert funktionierend, über noch stark verschneite Schwarzwaldsträßchen schlingere, vor Breisach in ewig langen Baustellenstaus stehe, in Kaysersberg durch die Gassen schleiche, mich an einem verlassenen Freizeitpark herumdrücke, im Feierabendverkehr von Saint-Nicolas-de-Port fast die Orientierung verliere, schließlich in dem kleinen Hotel-Restaurant "L`Etoile d`Argent" lande, wo die Rechnung mit Stempel und Kuli auf Notizzettel geschrieben wird. Am andern Morgen fahre ich wieder zurück.
Ach, Balingen
April 2005 Bayern
16.-18.4. Maienfeld - Roßhaupten - München - Balingen
Die Fahrt hinterlässt wenig. Liechtenstein ist nur eine Durchfahrtsstraße wie viele andere auch. Auf dem Riedbergpaß verschwindet der Schnee und hinterlässt eine Dreckschicht. Im Hotel Kaufmann in Roßhaupten arbeitet eine ausnehmend bilderbuchhübsche Bedienung und schwadronieren untersetzte Allgäuer den Sonntagmorgen entlang, während man sich auf das Kommunionsfest vorbereitet. In München schaue ich mir im Haus der Kunst eine Ausstellung von Ethno-Fotos aus der Basler Sammlung Herzog an. In Kirchheim operiert die Wirtin des Landgasthofs Kreuz mit Kartoffelspezialitäten und esoterischverdächtigen Zutaten, und sie redet zuviel. Ab Balingen will ich nicht mehr weiter.
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