Passgang
"Menschen, die im Zeichen extremer Disharmonie zwischen der emotionalen und der rationalen, der inneren und der äußeren Ebene des eigenen Wesens leben."
(Dževad Karahasan - "Aufenthalt im Spiegel")

Am Absturz
August 1988 Tessin - Wallis
13.8. Am Samstag bin ich mit dem Zug nach Locarno gefahren, wo ich noch
Zeit habe, ein grünes T-Shirt zu kaufen, bevor der Bus ins Valle Maggia abfährt
und weiter das Val Lavizzara hinauf klettert. Fusio liegt in 1281 Metern Höhe,
das Dorf ist besetzt von den Folgen eines Skulpturen-Symposiums. Die Albergo Pineta liegt ein paar Meter vor den aneinanderklebenden Steinhäusern.14.8. Fusio - RobieiDie ersten Kilometer laufe ich auf der Werkstraße zum Stauseee von Naret, dann über den ersten der in den nächsten Tagen zu überwindenden Pässe, den Passo del Naret (2438m). Den ganzen Tag begegnet mir niemand, außer einer Frau, die auch alleine durch die Berge stiefelt und etwas unsicher ist, den Weg zur Station Robiei zu finden. Das Hotel dort, einmal für die Arbeiter der Staumauern gebaut, liegt als sechskantiger, sechsstöckiger Fremdkörper an der Kette der künstlichen Bergseen. Während ich noch einen Platz im Massenlager finde, läuft auch die Wandersfrau ein und nimmt die Seilbahn ins Tal. In der Gaststube von ROBIEI
15.8. Robiei - Rifugio Margaroli
Der Aufstieg zum Übergang nach Italien, zur Bocchetta di Val Maggia (2635m) wird heutzutage Familien mit lebhaften Kindern als Halbtagestour empfohlen. Mich führt er ins obere Formazzatal, und am Nachmittag stehe ich vor dem Albergo am Wasserfall Cascata del Tocé. Ich hätte nichts dagegen, hier abzusteigen, aber ich betrete nur eine Baustelle mit keiner Menschenseele drin. Also geht es weiter. Ich folge meiner - wieder einmal veralteten - Karte, die einen Weg über den nächsten Pass anzeigt, auch wenn es hier nur Fragmente von Markierungen gibt. Fast wäre es schief gegangen. Über mir entdecke ich einen Einschnitt am Hang, zu dem ich hinaufklettern will, aber plötzlich bleibe ich hängen. Rückwärts treten geht nicht, der schwere Rucksack zieht nach hinten. Einen langen Moment halte ich mich fest wie eine Fliege an der Wand, und bekomme dann doch noch die nötigen Kräfte frei, um mich hinaufzuziehen. Es ist tatsächlich ein überwucherter alter Saumpfad, und das speziell Ironische: Direkt neben meiner Fast-Absturzstelle befindet sich ein Durchlass, den ich relativ mühelos hätte benützen können. Dafür ist jetzt der nächste Übergang, der auf der alten Karte Passo de Gallo geheißen hat (heute Cima della Fregera, 2726m), nicht zu verfehlen. Allerdings türmt sich zwischen mir und der Kerbe da oben eine gewaltige Geröllhalde. Über die Felsbrocken muss ich mit Händen und Füßen, und dazu hab' ich es plötzlich eilig. Ein Gewitter zieht auf! Alles Angelesene über Gewitter im Hochgebirge im Hinterkopf, krabbel ich hochleistungsmäßig nach oben. Nur einmal mach' ich mit trockenem Mund kurz Halt, um vom eiskalten Wasser zu schlürfen, das überall zwischen den Steinen sprudelt und tümpelt. Irgendwann bin ich dann auch oben, fix und fertig, aber nicht vom Blitz getroffen. Und siehe da: Auf der anderen Seite, direkt hinter dem Einschnitt, tauchen die besten Markierungen bergabwärts auf, und bald betrete ich einen direkt bequem zu nennenden Pfad zum Rifugio Margaroli (2194m).
Den Nachklatsch zu den Strapazen gibt es beim Abendessen: Plötzlich krieg' ich den Krampf in allen zehn Fingern! Muss komisch ausgesehen haben, wie ich sie mit verzogenem Gesicht gegen die Tischplatte drücke. In dieser Nacht schlafe ich jedenfalls wie ein ausgepowertes Murmeltier.
16.8. Lago Vannizo - Binn
Vor dem Passo Albrun (2409m) türmt sich der Durchgang Scatta Minoia (2599m), hinter dem Passo Albrun ist wieder Schweiz, das Binntal im Oberwallis. Es empfängt mich zunächst mit unbeteiligter Miene. Am Stammtisch der Binntaler Hütte sitzen ein paar knorrige Bergler und beachten mich nicht, als ich hereinstapfe und mich in der anderen Ecke auf die Bank verpflanze. Also ziehe ich bald wieder ab und trotte hinunter nach Binn, zum Hauptort des abseits gelegenen Rhone-Seitentals. Das Hotel Ofenhorn dort gefällt mir schon viel besser, zumal als ich auf der Speisekarte lese, dass eine genossenschaftliche Initiative pro Binntal dran ist, das über hundert Jahre alte ehrwürdig dreinschauende Haus gastronomisch wiederzubeleben.
17.8. Binntal - Simplonstraße
Die neue Straße ins Rhonetal führt über eineinhalb Kilometer durch einen Tunnel, vorher zweige ich ab in ein und noch ein Seitental, das des Saflischbachs. Über den Saflischpass (2563m) lehnt sich der Pfad an die Nordflanke durch ein von Kahlschlag und Erosion zernarbtes Gelände. Ich will das etwas voreilig dem Skitourismus zuschreiben, aber von Skiliften ist hier nichts zu sehen. Dafür kommt bald unter Rosswald die Simplon-Fernstraße in Sicht, und ein Stück passwärts im Hotel Ganterwald bekomme ich ein Zimmer, sogar noch um fünf Franken günstiger als in Binn. Plus Fernseher in der Gaststube, der am Abend sportliche Bestleistungen vom Zürcher Leichtathletik-Meeting überträgt.
18.8. Rothwald - Embd
Nach vielleicht fünf Kilometern Asphalt unter den Füßen bin ich auf der Simplon-Passhöhe. Die würde ich aber mal nicht zu meinen Pass-Trophäen zählen. Denn jetzt erst geht es wieder richtig aufwärts, über zwei Pässe, die ich wenige Monate vorher in einer Bergwandergruppe schon mal
kennengelernt habe. Auf der Steiltreppe (mit lauter unsymmetrischen Stufen) zum Bistinepass (2274m) überholt mich ein Jogger! Nun gut, er hat keinen schweren Rucksack auf dem Buckel. Im Zwischental des Gamsabachs laufe ich einer Familie aus Holland über den Weg und wundere mich, dass sie ihre Band "Nits" und ihren Hit "In the Dutch Mountains" nicht kennen. Über den Gebidumpass (2201m) laufe ich zum Bergdorf Gspon und blicke in den Abgrund des Saas-Tals, über 1000 Meter tiefer. Es wird ein eiliger Abmarsch, denn ich sollte dringend in Stalden noch eine offene Bank aufsuchen in dieser Vor-Geldautomaten-Ära. Trotz wieder vollem Geldbeutel ist es mir noch zu früh, um unten zu bleiben. Also steige ich auf der anderen Seite nochmal hinauf auf der Straße nach Törbel. Vor einem alleinstehenden Haus bei der Abzweigung Embd schraube ich den Gartenschlauch vom Wasserhahn und lösche meinen Durst. Gegen den Bierdurst kann ich am Abend was tun im Restaurant Morgenrot in Emd, wieder auf über 1300 Metern Höhe. Die Bedienung spricht mit jugoslawischem Akzent. Wer von uns beiden wundert sich mehr, was der andere hier oben verloren hat?
19.8. Embd - Weisshorn
Bevor ich auf den Pfad zum Augstbordpass (2894m) komme, muss ich um eine dicke Felsnase namens Chrix, die den unteren Embdbach vor seinem Absturz ins Vispa-Tal nach Süden abdrängt. Dabei verpasse ich den markierten Weg und lande auf einem, der parallel darunter ins steile Gelände versickern wird. Als ich es bemerke, steige ich kurzerhand den Hang hinauf - ein weiterer Leichtsinn, denn wieder bleibe ich hängen. Später werde ich mich erinnern, dass es in diesem Moment keine Angst oder sowas gab. Die Gedanken konzentrieren sich auf die Situation: Was kann ich mit welcher Hand, mit welchem Fuß tun? Wie es mir gelungen ist, da raus zu kommen, keine Ahnung. Hinter diesem Punkt läuft es wie geölt. Etwa auf halber Höhe treffe ich auf eine Steinhütte. Ein Mann und eine Frau bitten mich rein und schenken ein Glas Roten ein. Als sie hören, wann ich in Embd losgelaufen bin, bekunden sie meiner Steigleistung Respekt. Trotzdem, warum habe ich nicht die Seilbahn genommen? Sie jedenfalls ließen sich mit dem Hubschrauber zu ihrem abgelegenen Wochenenddomizil bringen.
Der vormittägliche Rotwein kann mich nicht mehr bremsen. Zügig erklimme ich die restlichen der insgesamt fast 1600 Höhenmeter zum Pass,http://www.hikr.org/gallery/photo845204.htmlsteige bis zum frühen Nachmittag wieder 1000 Meter hinunter ins Turtmanntal und nehme nach kurzer Rast auf der Terrasse des Hotel Schwarzhorn in Gruben das nächste Hindernis in Angriff. Weder der Name (Meidpass) noch die Höhe (2790m) schrecken mich ab. Dabei ist der erste Teil des Aufstiegs brutal steil, und die verlassenen paar Steinhäuser der Mittleren und Oberen Stafel auf 2300 Metern machen alles andere als einen einladenden Eindruck.Hinter dem Pass wartet ein neues Problem: Es zieht Nebel auf. Ich lasse mich nicht dazu verleiten, quer durch das nicht gar so steile Felsplateau zu gehen, sondern taste mich suchend von Markierung zu Markierung voran. So gelange ich müde aber wohlauf zu dem auf 2337 Metern thronenden Hotel Weisshorn. Der Steinkasten hat seine beste Zeit wohl hinter sich. Die schiefen Holzdielen knarren zum Erbarmen, die Leitungen liegen über Putz, die museumsreifen Lichtschalter getraut man sich kaum anzufassen. Im Waschraum fließt eiskaltes Wasser in die Blechwanne. Das Zimmer kostet mit Halbpension 40 Franken. Zum Abendessen versammeln sich eine Handvoll Personal und eine Handvoll Gäste um einen klobigen großen Tisch und bedienen sich aus den Schüsseln mit Bohnen, Kartoffeln und Fleischbrocken. Ein Blick auf die Kartenreliefs und ein Blick vor das Haus machen mir anschließend klar: trübe Aussichten, das Wetter hat zu meinen Ungunsten umgeschlagen.
20.08. Abstieg vom Weisshorn ins Val d'Anniviers, durch den regenverhangenen Bergwald nach Ayers (1476m). Das Wetter wird nicht mehr. Ich schlüpfe in einem klammen Café unter und warte auf den Postbus nach Sierre. Dabei merke ich, dass ich den klobigen Zimmerschlüssel vom Berghotel mitgenommen habe. Den muss ich später mit der Post zurückschicken. Aber jetzt geht es schnell nach Hause, über Lausanne und Basel bin ich in wenigen Stunden zurück.
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