Invasion, Liberation
"Art von Mißtrauen, mit der jeder, der in der ersten Person von seinen Reisen schreibt, ...zu kämpfen hat" (Justin Marozzi)

Mai 2001 Normandie
8.5. St.Quentin - Poix-de-Picardie
"Lent á comprendre" sagt der Franzose. Langsam im Begreifen. Da bin ich gut. An diesem Dienstag radle ich westwärts durch die Picardie, vorbei an Amiens. Dass keine Geschäfte geöffnet haben, registriere ich beiläufig oder schreibe es Mittagspausen zu. Dass ich auf keine Lastwagen aufpassen muss, macht mich nicht arg stutzig. Jetzt brauche ich vor allem ein Zimmer. In Fremontiers machen die Leute in der Kneipe schnell mein Problem zu ihrem, diskutieren, überlegen, telefonieren. Ein paar Kilometer weiter schicken sie mich, nach Poix-de-Picardie. Dort avisieren sie mich im "Weißen Pferd", einer recht einfachen Herberge. Nach dem Einchecken entdecke ich in der Ortsmitte am Place de la Republique das wesentlich komfortabler ausschauende Hotel-Restaurant "Le Cardinal", wo es mich während des Verspeisens der Tournedos de Saumon etwas wurmt, dass ich nicht gleich darauf gestoßen bin.
Aber ich werde entschädigt. An der Theke des "Cheval Blanc" klebt einer, der hat schon reichlich getankt, quatscht mich gleich an und klärt mich auf über die seltsame Stille des Tages: Heute ist doch der 8. Mai, der Tag der Kapitulation der Deutschen. Ich verstehe zwar so gut wie kein französisch, gelalltes noch weniger. Aber jetzt klappt die Verständigung ausgezeichnet. Ja, die Deutschen und die Franzosen haben sich bekriegt, macht er mir klar, aber das ist lange her, und heute ist alles okay zwischen ihnen. Dann gibt er mir einen aus, und ich gebe ihm einen aus, und wir feiern den Frieden.
9.5. Poix-de-Picardie - Seltot-Doudeville
Heute krieg ich meinen Lkw-Verkehr, wenigstens auf Teilstücken der N 29. Aber sonst blleibt es rustikal. Nur, am Krieg kommt man hier nicht vorbei. Ich werde mir in den nächsten Tagen öfters vorkommen wie in einem gigantischen Freilichtmuseum. Zum kleinen Freilichtmuseum haben die Franzosen eine Abschussrampe für V1-Raketen der Deutschen, auf England gerichtet, umgebaut. Ich stoße fast zufällig darauf, kurz hinter Ardouval im Wald von Eawy südlich von Dieppe.
Forêt d`Eawy, V1-Museum
Im kleinen Touristenbüro des Örtchens Doudeville gibt sich eine freundliche Mademoiselle alle Mühe, mir den Weg zur "La petit Ferme de Seltot" zu beschreiben und in Englisch auf der Rückseite eines ausgedienten gelben Werbezettels (Big Band D`1 Soir) aufzunotieren: "At the Traffic light, on your right during 1 km. After A sign Bed & Breakfast first house on your left." Das klingt am Ende zwar nach Wes Craven, aber Madame Lefel ist total harmlos. Sie hat ihr altes, scheunenartiges Landhaus ein paar Kilometer außerhalb formidabel ausgestattet und beherbergt laut Gästebuch viele zufriedene Besucher. Nur zum Essen, da muss ich noch mal in den Ort radeln.
10.5. Doudeville - Tancarville
Etwa 50 Kilometer sind es bis zum Meer, zur Ostküste der Seinebucht. Aber die See lässt sich noch nicht blicken, sie hat sich mit dem diesigen Himmel vermischt. Von hier an werde ich an ihr entlang fahren, bis zur Halbinsel Contentin. Ich bin gespannt auf den Küstenabschnitt - die Blumenküste mit den bekannten Badeorten, der Schauplatz der Invasion der Alliierten am 6. Juni 1944. Wir nennen es Invasion, für die Franzosen war es die Befreiung - von uns. Während ich mich - als Gast - wie ein Fisch im Wasser bewege (abgesehen von der oft mühsamen Strampelei), denke ich mehrmals: Was hatten wir damals als Besatzungsmacht hier verloren? Pas de comprendre. Jetzt muss ich erst mal runter nach Le Havre, durch die Stadt und dann durch die ausgedehnte Hafenzone. Bis zu der Stelle, an der sich die neue Autobahnbrücke über die breite Seinemündung schwingt. Die Abkürzung wäre beträchtlich, die Verlockung ist groß. Aber mit dem Rad traue ich mich einfach nicht. Unschlüssig bleibe ich über eine Stunde gegenüber einer Tankstelle hängen, mit der vagen Hoffnung, irgendein Lieferwagen könnte mich und meinen vollbepackten Drahtesel mit rüber nehmen. Einen Fahrer spreche ich auch an, der winkt aber ab. Schließlich gebe ich es auf und trete von der Stelle, 20 Kilometer bis zur Pont de Tancarville. Im kleinen feinen Hotel "La Marine" unter der gewaltigen Stahlbrücke beschließe ich den letzten Tag meines ganz persönlichen halben Jahrhunderts.
11.5. Tancarville - Courseulles-sur-Mer
Das nächste geht gleich gut los. Über die Brücke, die immerhin acht Jahre jünger ist als ich, gelange ich auf die andere Seite und 20 Kilometer weiter nach Honfleur. Vorher meldet sich aber eines meiner Knie und tut bei jedem Tritt in die Pedale unfein weh. Für mich diagnostiziere ich eine Schleimbeutelentzündung. Dabei hab`ich keine Ahnung von sowas, aber der Begriff suggeriert mir wahrscheinlich, dass diese Sache nicht so ernsthaft ist, wie sie sich anfühlt (und tatsächlich wird es nach ein paar Tagen etwas besser/oder ich gewöhne mich mit der Zeit daran). In der Altstadt von Honfleur wird mir an jeder zweiten Ecke mitgeteilt, dass hier der Komponist Eric Satie geboren wurde - macht nix, mir ist nicht bewusst, Musik von ihm zu kennen.
Deauville, Pont de Belges - Blick auf Trouville-sur-Mer

Es folgt ein Badeort nach dem andern, unterbrochen von der Mündung der Orne. Hier beginnen die Landungsabschnitte der Engländer, Sword und Juno. Das bucklige Sträßchen am nächsten der Küste ist oft frei vom Autoverkehr, weil offenbar auf ganz unsicherem Grund gebaut. Der Asphalt macht Buckel, Spalte und richtige Krater tun sich auf, immer wieder sind Teile abgerutscht. Und so strample ich hin und her, rauf und runter mein Geburtstagspensum ab - fast. Im vorläufig letzten Ort auf dieser Perlenkette, vor einer längeren Leerstelle, steige ich ab, bei Kilometer 99. Courseulles-sur-Mer
gönnt mir im Hotel La Crémaillère ein richtig feudales Abendessen. Und ich gönne mir ein Telefonat nach Hause, um mir gratulieren zu lassen. Die Prophezeiung aus erfahrenem Munde ("von jetzt an geht`s bergab") münze ich zunächst auf die noch vor mir liegende Radstrecke. Die wird trotz der Nähe zur Meeresküste noch einiges an bergab, aber vor allem bergauf zu bieten haben.
12.5. Courseulles-sur-Mer - Quinéville
Bis hierher konnten die Blumen den Krieg überwachsen. Aber es tauchen immer mehr Erinnerungsstücke auf. Hier ein Schrottpanzer, dort liegengelassene Abwehrsperren im Strandsand, woanders eine Sammlung von Panzern, Kettenfahrzeugen und anderem Kriegsgerät, ein Zaun drumrum, und fertig ist das Openair-Museum. Bei Arromanches haben sie sich viel Mühe gegeben. Im Musée du débarquement mit Panorama-Cinema werden der D-Day in der Normandie, die
Landung und die Etappen des Vormarsches ausführlich und anschaulich dokumentiert. Neben mir, vor einer Grafik, deren Verästelung die einzelnen Truppenverbände der Engländer darstellt, ein sehr alter, sehr klappriger Mann und eine Frau, die möglicherweise seine Tochter ist. Sie deutet auf die Tafel. War das nicht Deine Einheit? "May be, it`s so long ago", er wirkt müde und zu schwach, um sich zu erinnern an die Zeit vor 57 Jahren.
Zwischen der Omaha-Beach und der Utah-Beach biegt die Küste nach Norden. Vorher muss ich wegen zwei weiteren ausufernden Flussmündungen durch Carentan. Auch um diese Stadt wurde heftig gekämpft. Überall zeigen Infotafeln die Stationen der kriegsentscheidenden Tage.
Utah Beach
Zurück Richtung Meer geht es an die Utah-Beach an der Westküste der Halbinsel Cotentin. Ich erinnere mich gelesen zu haben, dass sich in einem der Orte ein Fallschirmspringer in der Kirchturmspitze verfangen hatte und lange dort oben hing, während unter ihm die Kämpfe tobten. Hier könnte es gewesen sein, stelle ich mir in St.-Marie-du-Mont mit seinem spitzen Kirchturm vor. Aber das durch diese Episode berühmt gewordene Dorf heißt St.-Mere-Eglise und liegt ein Stück weiter nördlich.
In Quinéville, einem weiteren kleinen Badeort, ist Schluss für heute. Aus meinem Zimmer im Hotel de la Plage schaue ich hinunter in den Hinterhof, wo mein abgesatteltes Fahrrad steht. Offensichtlich macht es Eindruck auf den Patron, er begutachtet es von allen Seiten, studiert die Aufkleber des Schweizer Fabrikats. Ich will ihm den Schlüssel runterwerfen - aber ne Probefahrt, no, mercie...
13.5. Quinéville - Carentan
Es ist Sonntag. Jetzt noch knapp 50 Kilometer quer durch die Halbinsel, und dann wird eine Überfahrt zum anvisierten Ziel, den Kanalinseln, gesucht. Aber davor hat die Normandie ein paar ganz giftige Buckel und einsetzenden Regen gestellt. Dahinter den Küstenort Dielette, von dem laut Michelin-Karte eine Fähre nach Jersey oder Guernsey abgeht. Das rot darunter gedruckte "Service saisonnier" habe ich hoffnungsfroh übersehen. In Dielette rührt sich überhaupt nichts.
Keine 20 Kilometer nördlich steht die Wiederaufbereitungsanlage La Hague. Mehr als 20 Kilometer südlich liegt die nächste Hafenstadt, dorthin wende ich mich, im Auf und Ab an der Westküste entlang. Gleich im nächsten Ort, Flamanville, die nächste Pause, oberhalb einer "Centrale nucleaire" an der Küste. In der verschlafenen Bar bestelle ich einen Ice-Tea, das übliche Auffrischungsgetränk für unterwegs. Da gehen die tatsächlich hin, brühen einen frischen Tee auf und kühlen ihn mit einer Menge Eiswürfel wieder runter!
Alles, was ich in dem von Sonntagstouristen überfüllten Carteret am Hafen ergattere, ist ein Prospekt, demzufolge ich auf eine Überfahrt von hier aus bis zum nächsten Samstag warten müsste. Die Fähre-Passagen richten sich nach den Gezeiten. "Auf gut Glück" hat diesmal nicht funktioniert. Nochmal fast hundert Kilometer bis zum nächsten aussichtsreichen Hafen, Granville? "Das ist der Punkt, an dem bei mir Ende ist" (M. 13.01.08) Ich trete unverzüglich den Rückweg an. Aber jetzt liegen noch einmal rund 50 Kilometer vor mir. Kurz vor Carentan versuche ich es in einem nobel eingerichteten Landhaus mit Gästebetten. Als ich aber höre, dass es am Sonntagabend nichts mehr zu essen gibt, nehme ich die letzten Kilometer bis in die Stadt noch in Kauf. Dafür bekomme ich ein gutes Zimmer im Hotel le Vauban und ein ordentliches Restaurant mit einer sanges- bis grölfreudigen Gesellschaft am Nachbartisch.
14.5. Carentan - Giberville
Die neue Zielrichtung heißt Paris. Das heißt, zunächst fahre ich etwa zehn Kilometer Luftlinie südlich der Küste durch das Calvados. Das heißt, hier bin ich auf dem Land mit allem, was dazugehört. Nicht, dass mir jetzt besonders viele Äpfelbäume aufgefallen wären - aber das Einerlei an Wiesen, Hecken, stinkenden Silos, einzelnen Gehöften, schmalen kurvigen und gewellten Sträßchen wird auf Dauer mühsam. Erst am Nachmittag wird`s interessanter: Vor mir liegt Caen, und ich verirre mich zunächst auf eine vermeintliche Zufahrtsstraße, von der aus es auf einmal nicht mehr weiter geht, nicht mal mit dem Fahrrad. Also muss ich einige Umwege fahren, dabei wird es dann recht einfach: immer bergab ins Tal der Orne - auf der anderen Seite wieder hinauf? Aber auch da erwischt mich die Infrastruktur auf dem falschen Fuß. Alle Straßen führen entweder zur Autobahn oder in ein Wohnviertel im Sackgassenformat. Irgendwie finde ich schließlich doch den richtigen Ausgang und quartiere mich in der Fernfahrer-Absteige "Au vert Galant" im Vorort Giberville ein. Nicht gerade romantisch zwischen Lagerhallen und Bauhöfen, zumal ich am nächsten Morgen beim Weiterfahren hundert Meter weiter ein nettes kleines Hotel sehe.
15.5. Giberville - La Rivière Thibouville
Irgendwie muss mich an diesem Tag der Teufel geritten oder unnötiger Ehrgeiz gepackt
haben. Anstatt in Bernay halt zu machen (jetzt bin ich schon etwa auf Höhe Tancarville) will ich noch 17 Kilometer auf den Tacho packen und fahre weiter bis Beaumont-le-Roger. Dieses "Schönberg" hat aber rein gar nichts an Fremdenzimmern zu bieten, zur Strafe muss ich nochmal gut zehn Kilometer halbwegs zurück, Richtung Norden. In Thibouville lässt mich das Hotel "Le Soleil d`Or" rein. Gerade rechtzeitig vor einem heftigen Regenschauer finde ich Unterschlupf in der Goldenen Sonne.
16.5. La Rivière Thibouville - Evreux - Straßburg
Der Rest ist Pflichtprogramm: Auf stark befahrenen Nationalstraßen und gegen heftigen Wind schleppe ich mich in vier Stunden die 47 Kilometer bis Evreux. Dicke schwarze Wolken hängen über der Bischofsstadt (hier hat mal der französische Kirchenrevoluzzerkumpel von Drewermann geamtet), als ich mit 939 Kilometern im Logbuch den Bahnhof ansteuere. In Paris wechsle ich zügig vom Gare St. Lazare zum Gare de l`Est. In Straßburg ist es bereits dunkel, es regnet in Strömen, und die Hotels sind alle complet. Vor mir winken zwei junge Rucksacker ab, als sie den Preis für ein gerade ausgebautes, noch nicht ganz fertiges Dach-Appartement hören: umgerechnet 130 Mark. Ich nehm`s.
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