Two Shoes on the Railroad
"Und was du suchst, liegt immer hinter dir." (Goethe - "Proserpina")

26.-29.10.2006 Three Bridges England
Prelude: Über Reims (Hotel Victoria) fahre ich Ende September zur Kanalküste. Zwischen Dieppe und Calais zeigen alte Seekarten eine Überfahrt nach Engelland, aber davon findet sich in Boulogne/Mer keine Spur. Nach einer Nacht im Sarl le Mirador kehre ich unverrichteter Dinge zurück. Dann versuche ich es halt durch den Eurotunnel. Aber das kostet allein von Brüssel bis zum ersten Halt in England um die 240 Euro. Da kauf ich mir lieber für 75,60 Euro eine Fahrkarte über Paris nach Calais.
26.10. Und dann verschlafe ich. Den geplanten Zug werde ich nicht mehr kriegen. Schnell zieh ich mich im Halbdunkel an und laufe zum Bahnhof. Auf dem Badischen Bahnhof in Basel trete ich erstmal auf der Stelle und warte auf den Anschluss zum Schweizer Bahnhof, schaue gelangweilt an mir runter: Ich hab` im Dämmerlicht zwei ähnlich farbene, aber verschiedene Schuhe angezogen! Und mit denen muss ich da jetzt durch. Denn ein zweites Paar hatte ich meinem Rucksack nicht zumuten wollen.
Die Pleitenserie fängt aber erst an. Dabei ist, was ich noch nicht weiß, dies die letzte Fahrt, auf der ich meinen Kopf noch für mich habe... Den brauche ich gleich wieder auf dem französischen Bahnhof von Basel. Auf einer Tafel vor dem Bahnsteig ist der nächste Zug nach Paris für 12 Uhr notiert, darunter ein Kommentar auf französisch. Eine ältere Dame übersetzt ihn mir ins Baseldytsche: Dieser Zug fällt heute aus. Kurz entschlossen setze ich mich in den nächsten Zug nach Straßburg und frage mich dort am Schalter weiter. Nachdem man sich rückversichert hat, bekomme ich anstandslos eine Umwegfahrkarte. Drei Stunden später als geplant komme ich am Abend in Calais an.
27.10. Der Shuttlebus zum Hafen lässt sich problemlos ausfindig machen.
Nach dem Einchecken bei Seafrance mit allen Sicherheitsschikanen genieße ich eine friedliche Überfahrt - die Füße immer schön flachhalten - und sehe zum ersten Mal die "White Cliffs of Dover" in Natur. Dover
Zweieinhalb Stunden nach der Landung steige ich am Bahnhalt Three Bridges, vielleicht vier Kilometer südlich des Flughafens Gatwick, aus. Außer einem Guesthouse mit einem abweisenden Zittergreis hinter der verriegelten Eingangstür gibt es hier nichts übernachtungsfähiges. Nach längerem erfolglosen Suchen vertraue ich mich einem Taxifahrer an. Er fährt mich zum "next Hotel". Das "Gatwick Worth", frisst glatt die Hälfte meines am Tunnel eingesparten, dabei entspricht das Zimmer gar nicht seinem stolzen Preis von 80 Pfund. Dass ich dennoch nicht meine Schuhe zum Putzen rausstelle, versteht sich von selbst.
28.10. Wenigstens das Taxi hätte ich mir sparen können, stelle ich auf dem kurzen Fußweg zum Bahnhof fest. Jetzt geht es erstmal zurück zur Küste, nach Newhaven. Der Plan ist, für die Überfahrt nach Frankreich denselben Weg zu nehmen wie vor sieben Jahren, nur in umgekehrter Richtung: mit der Schnellfähre von Newhaven nach Dieppe. Aber daraus wird absolut nichts. Zunächst muss ich feststellen, dass es die Schnellfähre nicht mehr gibt. (Davon erfahre ich Monate später aus dem Gay-Film Felix: "Französischer Film um einen HIV-positiven Einwanderer. Felix lebt in Dieppe, einem Kaff an der Küste der Normandie. Sein Lover ist Engländer und wohnt auf der anderen Seite des Kanals. Kurzfristig arbeitslos geworden (bei der Einstellung der Fähre), packt er die Gelegenheit beim Schopf und beschließt nach Marseille zu reisen, um seinen Vater zu treffen, den er nicht kennt.")
Dafür bekomme ich ein Ticket bei Transmanche, deren Autofähre am nächsten Morgen übersetzen soll. Jetzt suche ich, unverdrossen nostalgisch gestimmt, das Hotel am Ortsausgang von Newhaven auf, in dem wir auf der Radtour 1999 unser erstes English Breakfast genossen haben. Aber zwei aufgekratzte Ladies geben mir charmant einen Korb ("so sorry, Darling"), ich soll`s im Ort versuchen. Im "The Harbourside" finde ich rechtzeitig Unterschlupf, denn erstens geht jetzt Halloween los, und zweitens muss ich am nächsten Morgen früh raus, die Umstellung auf Winterzeit und die Greenwich-Stunde (+ oder - ?) erfordern meine volle Rechenkunst.
29.10. Es hat geklappt. Pünktlich komme ich zu der Stelle, wo die Foot-Passengers einchecken sollen. Aber es ist verdächtig ruhig , nur ein Typ steht rum und erklärt mir, dass sie ein kleines Problem hätten: Stromausfall in dieser Ecke des Hafens, der Terminal liegt im Dunkel, sie können die Autorampe für die Fähre nicht ausfahren. Inzwischen kommen ein paar andere Passagiere, die ohne Auto übersetzen wollen, an. Es gibt viele widersprüchliche Aussagen, viel herumtelefonieren, rätselraten, schimpfen. Zuerst ist die Rede davon, dass uns - etwa zehn Personen - ein Bus nach Dover bringen soll, wo wir mit Seafrance nach Calais, von dort mit dem Bus nach Dieppe gelangen sollen. Zwischendurch heißt es, die Kooperation der beiden Fähre-Companies funktioniere nicht, wir müssten bezahlen und dann das Geld wieder einfordern. Plötzlich setzt sich das mächtige, hell erleuchtete Schiff in Bewegung. Vom Kommandodeck schauen Leute der Besatzung auf uns herab. Die Fähre fährt ohne Passagiere nach Dieppe, erfahren wir, damit sie von dort planmäßig wieder zurück kann. Nicht mal wir Foot-Passengers konnten an Bord. Ein Bus lässt sich auch nicht blicken, dafür fahren drei Stunden später zwei Taxis vor und laden uns ein. Auf die Art kommen wir noch in den Genuss einer Sightseeing-Tour durch Sussex. In Dover nimmt uns die Fähre dann doch problemlos auf. In Calais warten wieder zwei Taxis für den Transport nach Dieppe.
Ich beschließe aber, direkt nach Paris zu fahren. Eine Frau, die ihre Anschlüsse nach Le Mans eh verpasst hat, schließt sich an. Auf die Art lerne ich noch den spacigen neuen Bahnhof von Lilles kennen und bringe schließlich am nächsten Tag mich und meine beiden Schuhe wohlbehalten wieder zurück.
24.-25.1.2007 Oberstdorf
Hotel Schellenberg, Zimmer 18. Mitten in der Nacht tauche ich aus dem Halbschlaf und schreibe im Dunkeln auf die Rückseite des Fahrplanausdrucks:Wenn Du mich nur anrufst und nach dem Weg fragst, bin ich schon glücklich! Mehr gibt es zu dieser kurzen Winterreise nicht zu sagen.
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