Eurostars

 

"Diese Verbindung eines großen Einflusses auf das Leben anderer mit einem so geringen Interesse an ihnen oder so wenig Absichten ihnen gegenüber, wie sie im menschlichen Leben oft genug vorkommt, ist einer der Hauptgründe menschlichen Mißgeschicks." (Arnold J. Toynbee)

HAUTES PYRÉNÉES

 

Der gerade  Turm von Pisa

März 1981   Italien

Das Biglietto Turistico di libera Circolazione per l'intera Rete gilt für acht Tage freie Fahrt, vom 26. März bis 2. April, und kostet 131 D-Mark.  Die Zubringerfahrkarte durch die Schweiz, hin durch den Lötschbergtunnel, zurück über den Gotthard, gibt es für 70,40 D-Mark. Am 25. März fahre ich los, bis Brig, die letzte Station vor dem Simplon-Tunnel, auf der anderen Seite liegt Italien. Aus dem Bahnhof geradeaus stoße ich auf das Hotel Schweizerhof. Es ist noch früh genug für einen Spaziergang zum Stockalperpalast. Die Symmetrie der dreistöckigen Säulengänge im Innenhof reizen das Kameraauge ebenso wie draußen die ungeordneten Reihen dünner Birkenstämme den vom Schnee gewalzten gelben Grashang hinauf.    

26.-28.3. Brig - Vercelli - Savona - Genua
In diversen Bummelzügen durchquere ich die ersten zwei Tage Po-Ebene und Piemont. Der erste Abschnitt bringt mich über Domodossola und Novara nach Vercelli. Aus dem Zimmer der Pension Valsesia sieht man hinüber zur Kuppel des Doms oder auf der anderen Seite zu den Balkons eines Reihenhochhauses, Abstellkammern im Freien, eine über der anderen.
Umsteigestationen am zweiten Tag sind Casale Monferrato, Alessandria, Acqui Terme. Das geht meist ruckzuck, Ankunfts- und Abfahrtszeiten werden in MInutenabständen  verknüpft. Jeder Zug sieht anders aus, aber jeder wird bald reif fürs Museum oder das Abstellgleis sein. Mal ist es ein blechhäutiger Schienenbus, mal ein anrostender Dritter Klasse Waggon mit voneinander getrennten Abteilen, jedes hat seine eigene Tür.
Am Abend bin ich am Mittelmeer. Das Zimmer in der Albergo Italia im Zentrum von Savona kostet 10.000 Lire. Am Samstag fahre ich nur bis Genua und quartiere mich bald in der Nähe der Stazione Principe ein. In der Via Andrea Doria haben sie einst großzügige Zimmer grausam halbiert oder gedrittelt, wie ein Blick zur zerschnittenen Stuckdecke erkennen lässt. Aber es gibt draußen genügend andere Palazzi zur Schau zu stellen und ein quirliges Altstadtleben obendrein.

29.3.-1.4. Pisa - Florenz - Mailand
Der Himmel liegt helltrüb über Pisa. Vom Zimmer in der Albergo La Pace, gleich an der ersten Straßenecke nach dem Bahnhof, schau ich verschwommen hinüber zum Turm, an dem hier niemand vorbeikommt. In der sonntäglichen Mittagszeit sieht man kaum Menschen auf der Straße dorthin. Auf der Ponte Solferino kann ich mir nahezu unbeachtet ein pitoreskes Fotomotiv auf die Häuserreihen entlang des Arno zurechtstellen. Erst auf der Piazza del Miracoli sammeln sich die Leute.      PISA Campanile

Der schiefe Turm ist zu der Zeit noch begehbar, und meine Kamera kommt von oben und unten in Bewegung beim Versuch, ungewohnte Perspektiven festzuhalten oder den Campanile optisch gerade zu rücken.
Das Hotel Sempione in Florenz liegt an praktischer Position zwischen Bahnhof und all den Berühmtheiten. Ich nehme mir den Dom zur Brust und steige im Innern der Kuppel mühsam hinauf zur Spitze. In den Kirchenraum hinunterzuschauen, macht eher schwindlig als der Blick über die vom Milchhimmel befallenen Ziegeldächer.
Ganz anders Mailand am Dienstag. Modern. Das Zimmer kostet, wie in Pisa, 18.000 Lire, das Hotel heißt hier aber New York. Während es in Florenz von Touristen wimmelte, sind es hier Massen von geschäftigen Leuten auf dem Domplatz, die im Laufen Zeitung lesen und Tauben missachten. Das Pirelli Hochhaus lässt sich ungerührt fotografieren, das Kleinflugzeug wird erst in 20 Jahren da hineindonnern, im Dunstabzug von 9/11.  Ich genehmige mir einen höchst beeindruckenden Friseurbesuch in der teuren Einkaufszone von Milano. Denkwürdig nicht nur wegen des Preises, umgerechnet 40 D-Mark, sondern vor allem wegen der Virtuosität des Maestro, der an meiner eher unspektularen Haarpracht herumzaubert. Dergleichen erlebe ich 20 Jahre später nochmal in Bari. Dieselbe Art italienischer Haarschneideakrobatik, allerdings zu einem Spottpreis von nicht einmal zehn Euro.
Mit geschniegeltem Kopf setze ich mich am 2. April in den Zug Richtung Gotthard.

 

Votre billete, por favor

September 1993   Frankreich - Spanien - Portugal

Für die Reise brauche ich drei Netzfahrkarten: Fünf Tage Frankreich, fünf Tage Spanien, drei Tage Portugal. Das Menu stelle ich mir als "erlebnisfreudiger Europabürger" (SBB CFF FFS) mit Euro-Domino zusammen.

19. - 23.9. Le Mans - Palencia - Aljezur
Vom ersten Tag ist nur ein Reservierungsticket übrig für den TGV Paris - Le Mans, Fahrtdauer 54 Minuten, Preis 36 Francs. Wo ich zwischen Le Mans und Bordeaux übernachtet habe, weiß ich nicht mehr. In Erinnerung bleibt vom zweiten Tag ein längerer Aufenthalt in Bordeaux: Zeit, um mit der schweren Tasche vom Bahnhof aus ein Stück Richtung Innenstadt zu laufen. Allzuweit komme ich allerdings nicht. Am Abend steige ich direkt hinter der Grenze in Irun aus und mache mich auf die Suche nach einem Geldautomaten, einen Service, den ich erst im Jahr davor in Schottland kennengelernt habe. Dass es am Atlantik regnet, überrascht mich nicht. Aber ich habe nicht gewusst, dass ich ab San Sebastian mit Privatbahnen oder Bussen fahren muss, wenn ich weiter an der Küste entlang will. Auch die Bekanntschaft mit dem Schienenersatzverkehr ist in Spanien nicht ohne. Inzwischen wieder in der Staatsbahn, hält plötzlich der Zug an einem kleinen Bahnhof. Im Abteil herrscht Aufregung, alle drängen mit viel Palabras nach draußen, als ob es sich im Minimum um einen Bombenalarm handeln würde. Ich habe jedenfalls null Ahnung, laufe den andern einfach hinterher zum Bus, bis zum nächsten Bahnhof, von dort geht es weiter nach Palencia. Das Hotel "Los Jardinillos" liegt im Zentrum. Dort hebt mit Einbruch der Dunkelheit der übliche südländische Trubel an. Jetzt erst merke ich, was ich diesmal mitzunehmen vergessen habe. In einer Drogueria kaufe ich "jabón de afeitar", einen großväterlichen, ergiebigen Stift Rasierseife, der mich bis heute auf den meisten Reisen begleitet.
Der zweite Tag in Spanien ist wieder mit einem längeren Aufenthalt verbunden, aber Salamanca ist interessant genug. Nach Stunden geht es erst am Abend weiter nach Portugal. In Vilar Formoso gleich hinter der Grenze steige ich um Halbelf aus und finde gleich beim Bahnhof ein Zimmer. Ein komischer Typ hängt an der Rezeption ab und erzählt mir bizarre Geschichten, nachdem er mich als Deutschen entlarvt hat. Aber ich bin müde und will am nächsten Morgen früh raus.

LISSABON, Alfama
In Lissabon muss ich erst mal rausfinden, wie es Richtung Süden weiter geht. Eine Fähre bringt mich auf die andere Seite der Tejo-Mündung nach Barreiro, wo ich wieder in den Zug steigen kann. Endstation ist in Lagos. Von hier aus brauche ich einen Bus. Der Taxifahrer schaut mich verwundert an, als er mich zum Busbahnhof fahren soll, der ist doch keine 200 Meter entfernt! Ein Bus, der den Südwestzipfel der Algarve abschneidet bis ins 30 Kilometer entfernte Aljezur, ist auch schnell bestiegen. Zum Abendessen gibt es Hühnchen mit Rosè.  Das Zimmerchen im Hotel ist mit  Aussicht auf die Bushaltestelle, von der aus ich gleich am nächsten Morgen wieder losfahren will - das ganze zurück.

24. - 27.9. Aljezur - Vitoria - Andelot
24.9. In einem der Algarve-Orte kaufe ich eine LP von Mary Chapin Carpenter, viel zu sperrig fürs Handgepäck, und prompt lasse ich sie im nächsten Cafè liegen. In einem anderen Algave-Ort kaufe ich eine neue Umhängetasche, die wird dann vier Jahre lang halten. Als ich die Fähre aus Barreiro verlasse, lädt eine dicke schwarze Wolke ihren Inhalt über Lissabon ab. Wie aus dem Nichts tauchen Straßenhändler, die Arme voll mit Schirmen behängt, an der Anlegestelle auf. Doch bevor sie ihre Ware loswerden können, ist es auch schon wieder vorbei. Ich laufe im großen Bogen Richtung Bahnhof
Santa Apolonia, Straßen rauf und Straßen runter, aber nirgendwo sehe ich ein Hotel. Deshalb nehme ich nochmal einen Zug und versuche es ein paar Stationen weiter. In Villa Franca de Xira halte ich mich linkerhand, nach ein paar hundert Metern gebe ich auf, drehe um und spreche einen entgegenkommenden Passanten an. Der macht kehrt auf seinem Weg und begleitet mich durch die Stadt bis zur anderen Seite, wo er mich beim "Residencial Flora", gar nicht weit weg vom Bahnhof, abgibt. Das Hotel macht einen etwas verblichenen Eindruck, eine schwarz gekleidete Frau geistert darin herum und macht passend dazu einen etwas verwirrten Eindruck. Das Restaurant ist geschlossen, sie empfehlen mir eines in der Nachbarschaft. Dort geht ein vielleicht zwölfjähriger Junge seinem Vater als Kellner zur Hand und trägt voll ernsthaften Eifers das Equipment für ein Steak auf dem heißen Stein ("im Grunde ein alter Hut" - Horst Winkelmann 1997) auf.
25.9. Hinter Caceres und Plasencia stülpe ich die Augen aus dem Zugfenster nach etwas mit Wiedererkennungswert. Aber als ich hier vor acht Jahren mit dem Fahrrad entlang fuhr, hatte sich mir nicht allzuviel Gegend eingeprägt. Von einem öden Eisenbahnknotenpunkt komme ich nur mit dem edlen Talgo weiter und genieße gegen Aufschlag den bequemen Sitzplatz. In Talavera de la Reina ist über den üblichen abendlichen Straßenauflauf hinaus auch noch Volksfest.
26.9. Umsteigen in Madrid. In Vitoria regnet es. Diesen Abend esse ich mich in verschiedenen Bars an den Tapas satt.
27.9. Zurück nach Frankreich. Wieder taucht der Zug lange in die Dunkelheit, bis sich Montlucon nähert. In der linken Reihe des Abteils sitzt ein Mädchen zwischen den Kopfhörern eines Walkmans. Sie nimmt nichts außerhalb ihrer selbst wahr, regt sich nur, um die Kassette zu wechseln. Ich übernachte im "Hotel de Bourbons". MONTLUçON 1993, 2009

28.9. Von Chaumont suche ich, umringt von Schülern, einen Bus nach Andelot, tief in der Provinz, weit hinter den Vogesen. Noch am selben Abend bin ich wieder zuhause.



Hotel Mike und zurück

Oktober 2002   Italien - Griechenland

20.-22.10. Parma - Foggia - Bari
20.9. Stazione di Parma, am Abend: Das Hotel halbrechts vor mir sieht nicht sehr einladend aus. Ich gehe dran vorbei, drehe hinüber zur Via Trento. Bis ich merke, was das Zimmer im Hotel "Astoria Executive" kostet, kann ich nur noch schlucken. 93 Euro sind nahezu rekordverdächtig für mich. Aber nicht deswegen hält sich mein Appetit im Ristorante "San Barnaba" grad nebendran in Grenzen.
21.9. Die Fahrt die Adria-Küste runter wird dann interessant, wenn sich der Zug ganz nahe ans Meer wagt - aber sie zieht sich doch ziemlich hin. Auf den letzten Kilometern tausche ich ein paar Wortbrocken mit einer grauhaarigen Donna, die heute noch ganz runter in den Süden fährt, bis nach Crotone. Sie will wissen, warum ich ohne meine Frau in der Gegend herumfahre und findet es höchst verwunderlich, dass einer wie ich gar keine hat.
Von Foggia, wo ich am Abend aussteige, habe ich noch nie was gehört. Die Stadt in der Apulischen Ebene versteckt sich etwas hinter ihren eitleren  Schwestern Pescara, Bari und Brindisi. Auch hier flaniert am Abend alles, was Beine hat, auf den Straßen und Plätzen - und flüchtet fast panikartig ins Trockene wegen eines kurzen Regenschauers, der es bei uns nicht einmal lohnen würde, den Regenschirm aufzuspannen.
22.9. Von Brindisi aus wollte ich ursprünglich nach Griechenland rüber, aber in Bari ändere ich schnell meinen Plan, als ich erfahre, dass von hier heute am Abend tatsächlich ein Schiff abfährt. Quer durch die Stadt schleppe ich meine wieder mal zu schwer beladene Tasche vom Bahnhof zum Hafen, besorge ein Ticket hin und zurück und habe noch eine Menge Zeit. Für den Friseur zum Beispiel. Ohne dass wir ein Wort wechseln, greift der Maestro zur Schere und schnippelt mit fortisssimo für wenig Geld an meinen wenigen Haaren herum. Voila! Ich kann nur staunen.
Ein Mitpassagier lässt sich in meiner Zweibettkabine auf der "Superfast 2" nicht blicken. An Deck hingegen fallen mir bald ein paar Leute auf, die mit leicht übersteuertem Tonfall und leicht protzigem Gehabe die akustische und optische Hoheit über ihre Umgebung zu beanspruchen scheinen. Deutsche. Während sie sich Erster Klasse zu Tisch begeben, komme ich im niedrigklassigen SB-Restaurant mit ein paar an der Einsatzkleidung leicht identifizierbaren DRK-Helfern aus Niedersachsen ins Gespräch. Sie führen einen Hilfstransport in den Kosovo, im Schlepptau eben jenes First-Class-Trio - einen Reporter der Lokalzeitung, einen von "Bild" und einen "Promi".
Wer das ist, dürfen sie nicht sagen, da tut ihr Anführer ganz geheimnisvoll und wichtig, die "Bild" hat die Exklusivrechte. Jetzt bin ich neugierig geworden und setze mich in die Nähe der Drei, die inzwischen die einzigen Gäste im Restaurant sind, mit Zigarren und noch einem Konjäkchen  dicke tun und kein Auge für das Personal haben, das gerne mal  Feierabend machen würde. Ich laufe zu meiner Kabine, schleppe meine Nikon an, linse um die Ecke - "hallo, bitte mal herschauen" - und knipse in die verdutzten Gesichter. Schon bin ich wieder verschwunden, habe meine Kamera entsorgt und schlendere unauffällig zwischen den Passagieren umher. Wie kann man nur so bösartig sein und genüsslich die drei Typen beobachten, wie sie, aus ihrer Hilfsmission aufgescheucht, die Decks durchstreifen und nach dem Phantom-Papparazo forschen müssen! Irgendwann geben sie es dann auch auf und versuchen, ihr Helfersyndrom durch großzügige Fütterung der Spielautomaten an Deck zu befriedigen.  (Wieder zu Hause, finde ich heraus, wer der prominente Presse-Wohltäter war: irgendein hannoveranischer Adelsspross, zwar nicht der Prügel- und Pinkelprinz. Aber er hat`s drauf, sich mit halbnackten, dünnen Kosovokindern auf  dem Arm vor der Kamera zu produzieren, damit den Lesern daheim aufgetischt werden kann, was sie mit der Spende von abgelegten Klamotten selbstloses bewirkt haben.) Mir ist ein wenig schlecht, dabei hat es gar keinen Seegang. 

23.-24.10. Patras - Korinth - Epidavros
23.10. An der Hafenstraße von Patras sitzen wie aufgereiht junge Männer, alle sehen sie gleich aus, in Blickrichtung zu den Fährschiffen, die aus einer Zukunft kommen, in der für sie kein Platz ist. Der Bahnhof ist gleich nebenan, die Fahrkarte nach Korinthos ist spottbillig. Bis der Zug abfährt, warte ich in einem Gartenlokal, bemüht, einen bettelnden Jungen zu missachten, der um die Tische streift.  Der Zug lässt sich viel Zeit für die 140 Kilometer bis Korinth und uns Reisenden für zahlreiche Ausblicke auf den knallblauen Golf zwischen Peleponnes und dem Bergland im Norden. Das Hotel zwischen Zentrum und Strandpromenade döst vor sich hin. Das Mädchen am Empfang unterbricht kurz seine Dauertelefonate und weist mir ein Zimmer an. In der Stadt  halte ich zwischen all den fremden Schriftzeichen Ausschau nach einer Weiterfahrtmöglichkeit gen Epidavros am nächsten Morgen, werde aber nicht fündig. Zum Essen lande ich in einem leeren Restaurant an der Küstenstraße und bekomme als Gratiszulage Tafelmusik geliefert. Am Stammtisch proben sie griechische Folklore, das hört sich bei weitem besser an, als die pampigen Kartoffeln schmecken.
24.10. Kurz vor Acht schaukelt der Provinzzug los, Fahrpreis 1,80 Euro. Ich versuche halt mal mein Glück. Aber der mickrige Bahnhof in Argos, knapp 60 Kilometer weiter südlich, gibt nicht viel mehr her als die Information, dass ich Stunden später von hier wieder zurückfahren könnte. Unschlüssig laufe ich mal in die Richtung, die nach Zentrum aussieht, und sehe eine Ecke, die nach Bushaltestelle aussieht. Tatsächlich kommt auch bald ein Bus. Nichts wie rein. Zwölf Kilometer weiter finde ich mich in Nafplion an der argolischen Küste wieder, das mit seiner historischen Bedeutsamkeit nicht hinter dem Festungsberg hält. Tatsächlich fährt von hier aus ein Bus nach Epidavros. Ich wundere mich noch, dass man da einfach so einsteigen kann, werde aber bald erfahren, wie es funktioniert. Irgendwo unterwegs steigt einer zu mit dem Ticketschalter als Bauchladen und stellt die Fahrscheine aus. Meiner gilt bis Nea-Epidavros, der Ort liegt oberhalb der Küste und des eigentlichen Ziels Alt-Epidavros. In einem Cafè bestellen sie mir ein Taxi, und so bringe ich auch noch die letzten Kilometer hinter mich. Der Fahrer möchte mir unbedingt das berühmte Amphitheater in den Bergen zeigen, aber ich vertröste ihn und stecke seine Karte ein. Es macht keine Mühe, im "Hotel Mike" ein Zimmer zu bekommen. Der Küstenort dämmert dem Ende der Saison entgegen. Besser kann man es gar nicht vorfinden: 25 Grad warm, strahlend blauer Himmel, ganz wenige Touristen, beschauliche Spaziergänge am friedlichen Meer. Trotzdem geb` ich Epidavros nicht mehr als einen halben Tag, am nächsten will  ich wieder abreisen und beginne gleich zu erforschen, wie das funktionieren könnte.

25.-26.10. Epidavros - Patras - Bologna
25.10. Soviel hab` ich rausgekriegt: Mittags um Zwölf fährt ein Bus. Zwei "Haltestellen" stehen zur Auswahl, eine nahe am Strand beim verwaisten Touristenbüro, die andere an einer Art Dorfplatz. Dort bleibe ich schließlich, weil bereits zwei schwarzgekleidete Frauen rumstehen, als ob sie warten. Es funktioniert. Ein Bus lädt uns ein, manövriert zwischen den geparkten Autos in den engen Gassen herum und kurvt hoch in die Berge. Aber offenbar schlägt er für einige der Fahrgäste nicht die gewünschte Richtung ein. Gerade noch haben die alten Tanten ehrfürchtig ihr Kreuz geschlagen, sobald eine Kirche oder Kapelle in Sicht kommt. Jetzt geht jedoch plötzlich um den Chauffeur ein Gekeife los, bis er an einer Straßengabelung hält. Weit und breit nichts als Gegend. Ein paar Frauen steigen aus, ich erhalte auf meine Frage - Korinthos? - ein Kopfnicken und stapfe ihnen nach.


Der Bus
fährt weiter Richtung Nafplion, die Frauen schimpfen weiter, bis ein anderer Bus kommt, der uns nach Korinth bringt. Wieder steigt auf freier Strecke ein Kondukteur mit dem Ticket- und Münzbauchladen zu. Ihm mache ich begreiflich, dass ich weiter nach Patras will. Ein junger Mitreisender wird engagiert, er soll mir zeigen, wo ich hin muss. Das ist auch nötig, denn die beiden Busbahnhöfe liegen ein Stück weit auseinander.  In die tiefe Kerbe des Kanals von Korinth kann ich beim Weg über die Brücke nur einen kurzen Blick werfen. Also packe ich an der Station gleich dahinter meine Kamera aus. Ich will nochmal die paar Schritte zurücklaufen. Aber da rollt schon ein Express-Bus an, zwei Stunden später bin ich in Patras.
Am Straßenrand sind immer noch die jungen Männer aufgereiht. In der Agentur von Superfast zeige ich mein Rückfahrticket und erfahre, dass auf der Fähre nach Bari heute Nacht alle Kabinen belegt sind. Mir fällt die richtige Frage ein: Wenn ich nach Ancona umbuche?  Ich brauche nicht mal draufzuzahlen, weil ich statt einer Zweibett- eine Vierbettkabine bekomme. Mit etwas Glück könnte ich dort alleine bleiben, wird mir angedeutet. Dieses etwas Glück werde ich auch haben. Es ist die letzte Kabine, direkt angrenzend an die Unterkünfte der Besatzung. Da kommt niemand mehr hin.
Es ist kein Schiff, es ist ein elfstöckiger Kasten. Vom obersten Deck hat man den Überblick auf die Hafenanlagen - und den Hinterhof. Da haben sich die Lastzüge aufgestellt, um an Deck gelotst zu werden. Das Einschiffen verzögert sich jedoch. Einem Mann ist es gelungen, in den Sperrbezirk zu kommen, aber er wird entdeckt, muss wieder abhauen. Ich sehe von oben, wie er seitlich zwischen den Baracken wegtaucht und durch einen kleinen, unbewachten Ausgang zurück auf die Straße verschwindet. Seine Jäger unten haben das nicht bemerkt. Bewaffnete Uniformierte mit Hunden durchkämmen den Trucker-Warteplatz, inspizieren gründlich jeden einzelnen Lastwagen. Ich schaue ihnen zu, sie werden niemanden mehr finden. Eine zierliche Frau mit kurzen braunen Haaren steht mit einer Freundin und zwei Jungs, offensichtlich ihnen gerade über den Kopf gewachsene Söhne, auf dem Zwischendeck. Sie unterhalten sich in einer Sprache, die ich nicht kenne. Mich nehmen sie nicht wahr. Spät in der Nacht: Die griechischen Trucker haben in einem etwas abgetrennten Teil des großen Bordrestaurants gegessen und sitzen jetzt noch "gemütlich beisammen".  Einer hat `ne Gitarre, es wird gesungen, geredet, getrunken. Mittendrin ein paar Passagiere, auch die zwei Frauen. Ich stehe keine zwei Minuten an der offenen Brüstung zu diesem "Separè" und höre den gefühlsseligen Liedern zu - da hat mich schon einer am Wickel: reinkommen! erzählen! woher? wohin? mitsingen! mittrinken! 
In der feuchtfröhlichsentimentalen Nacht packt diejenige der beiden, die doch den absolut robusteren Eindruck macht, der Katzenjammer. Sie fängt an zu heulen. Und ihre zartgebaute Freundin tröstet sie, als hätte sie die Ruhe und Kraft, um mit ihrem und allem anderen Elend dieser Welt fertig zu werden. Die kurze Szene hat in der lauten, weinseligen Runde außer mir glaub ich niemand beachtet.
26.10. Dagegen fällt der Rest meiner Heimfahrt gewaltig ab. Gegen Mittag erreicht das Schiff Ancona, von dort komme ich noch bis Bologna. In das "Ristorante Fraschetta" passe ich zwar nicht so recht, die Gäste da sind sowas von. Aber das Essen ist einfach picobello.

 

Novembre, c`est normal

November 2005  Bretagne

3.-6.11. Dijon - Paris - Brest - Quimper
Mit "Euro Domino" kaufe ich für 257 Euro fünf Tage mit der Bahn durch Frankreich. Der erste Tag führt ins Burgund nach Dijon, das jedoch außer Dauerregen nichts zu bieten hat. Über Paris begebe ich mich in den äußersten Nordwesten des Landes. Die Bretagne ist die vorletzte Ecke in Frankreich, die ich noch nicht kenne. Aber so aus dem Zug ist da nicht viel zum Kennenlernen. Zumal der Regen das Gerangel mit den blassen Sonnenstrahlen nach Punkten gewinnt. Es ist zwar nicht richtig kalt, aber: November eben. Die Leute hier nützen wohl jede trockene Minute aus. Von meinem Zimmer im obersten Stockwerk des Abalys Hotel blicke ich auf einen großen Park, wo die Jungen bis in die Nacht hinein skaten.

Für die kurze Strecke hinunter nach Quimper kaufe ich am Sonntag eine Extrafahrkarte. Inzwischen hat der Regen das Regiment übernommen, so dass ich mich gleich im Hotel de la Gare einquartiere. Ein Spaziergang am Nachmittag in die Ortsmitte endet unter einem schützenden Dachvorsprung gegenüber dem Theatre Max Jacob, das gerade hundert geworden ist und um diese Zeit wie ein begossenes leerstehendes Lichtspielhaus wirkt. Das Abendessen im Restaurant mit dem sonnigen Namen Adriana macht es auch nicht besser. Die restlichen zwei Tage der Fahrkarte brauche ich für den Rückweg über Paris. Trotzdem: So trübe, wie sich das liest, war die Reise nicht - November eben.

 

QUIMPER, Theatre Max Jacob

 

"Ich weiß, das meine Briefe dich niemals erreichen werden, aber ich werde sie auf den letzten vorbeifahrenden Zug werfen."
(Eleni - "I skoni tou chronou")

Cambiare

November 2007  Oberitalien

Neuerdings gibt es Interrail-Tickets auch für Jungsenioren, genau das richtige für mich. Die Variante fünf Tage fahren innerhalb von zehn Tagen, in jedem Land außer dem eigenen, passt für meine Pläne. Die beiden anderen Eckpunkte meiner Dreiecksreise sind Sigüenza in Neukastilien und Paris. Der Fahrplan ist ausgeheckt. Doch spät in der Nacht vor der Abfahrt  verraten die Internet-News:  Ab morgen wird in Frankreich bei der Bahn gestreikt!
14.11. Ich fahre trotzdem los. Erstmal bis Genf. Dort bremst mich die aktuelle Auskunft am Schalter der SNCF: Heute fährt von hier nur ein Zug nach Frankreich, voraussichtlich am späten Nachmittag nach Paris.  So wird das nichts, dann eben something completely different. Ich besteige einen Zug in die andere Richtung, ostwärts ins Wallis, wechsle in Brig auf einen Cisalpino, wo man mir hinter dem Simplon-Tunnel einen unverschämten Zuschlag für den italienischen Teil der Strecke bis Mailand abknöpft (zwei Jahre später wird diese Bahngesellschaft den Betrieb einstellen müssen - trotzdem). Ich nutze es nicht aus, sondern steige bereits in Arona am Lago Maggiore aus und in der Albergo Giardino ab.

15.11.-17.11. Arona - Modena - Pordenone
Was nun? Ohne Ziel ins Blaue zu fahren, darin bin ich völlig ungeübt. Ich denke mir eine Würfel-Strategie aus: An jeder Endstation einfach den nächsten Zug zu besteigen, mit einer Ausnahme - nicht auf demselben Weg zurück. Mal sehen, wohin mich das führt.
15.11. Es klemmt gleich beim Start. Der erste Zug auf der Anzeigetafel im Bahnhof von Arona ist ein Bus, südwärts nach Novara. Den aber finde ich nicht. Als nächstes kommt ein Zug nach Mailand in Frage, allerdings nicht zum Centrale, sondern zum Vorortbahnhof Porta Garibaldi. Dann kommt das System so langsam ins Rollen: nicht nach Turin und nicht nach Venedig, sondern nach Piacenza; nicht nach Genua und nicht nach Parma, sondern nach Mantua; nicht nach Trient und nicht nach Vicenza, sondern nach Bologna; schließlich nicht nach Florenz und nicht nach Verona, sondern wieder ein Stückchen zurück Richtung Mailand, nach  Modena. Der Maserati-Turm winkt mich durch zum Hotel Milano. Schluss für heute.
16.11. Ich treibe das Spiel weiter, und es treibt mich zunächst wieder zurück nach Bologna. Dort muss ich eine leichte Korrektur meines Systems vornehmen, denn statt der großen Weggabelung Adria-Toscana-Venetien bietet sich als nächster Anschluss eine mickrige Neben(stich)strecke in die südwestlichen Hügel nach Vignola an. Den Zug lasse ich aus und besteige den nächsten, er fährt nach Padua. Auch hier geht es nicht "nach Plan" weiter. Eine Zeitlang sitze ich in einem Zugabteil, aber es tut sich nichts, während am Bahnsteig gegenüber alle Anstalten zur Abfahrt gemacht werden. Kurz entschlossenes Umsteigen bringt mich vor die Tore Venedigs. Noch nie war ich der Stadt so nahe. Aber ich bin in Fahrt, und der nächste Zug nach Triest wartet nicht. Auch hier reicht der Aufenthalt gerade, um eine Karte zu verschicken, mit dem Bild eines Esels vorne drauf. Als der komme ich mir vor, verkneife es mir wenigstens, das E in Trieste durchzustreichen. Da die Verbindungen ins kroatische Ausland dünn gesät sind, bleibt mir ein weiteres Abdriften erspart. Der nächste Zug geht nach Norden. In Udine steige ich um Richtung Verona, in Pordenone aus.         Es ist Zeit, an Rückzug zu denken, die letzten beiden Tage für die Heimfahrt einzuplanen. Vor mir liegt die Pforte nach Österreich, durch die ich vor sechs Jahren (Hin und her im Alpenraum) von der anderen Seite her keinen Durchschlupf gefunden habe. Diesmal soll es klappen. Bevor ich das Hotel Residence Italia ausfindig gemacht habe, habe ich eine Reservierung für den Treno 32 am nächsten Morgen nach Villach besorgt.
17.11. Bis Innsbruck müsste ich es heute schaffen, rechne ich mir aus. Der Zug müht sich auch redlich über die Tauern und dann hinüber das Inntal hoch. Um Halbdrei kommt schon Innsbruck. Zu früh, um Halt zu machen. In Feldkirch ist es zwar schon dunkel, aber der Anschlusszug in die Schweiz steht parat, und dann geht es auf einmal Sprung auf Sprung. Zürich, Baden, Koblenz und mit der letzten Eisenbahn nach Hause.   Jetzt hab ich auf einmal noch einen Fahrttag auf dem Ticket übrig.

 

"Die Phantasie war das Unglück meines Lebens; sie aus mir herauszuschneiden war eine gräßlich schmerzhafte Operation." (Lily Braun - "Memoiren einer Sozialistin")

Por una Carta Postal

März 2008  Frankreich - Spanien

19.-20.3. Narbonne - Guadalajara
Sigüenza steht also noch aus. Als Ziel zwar wie eh und je nur so wichtig, um von dort zum nächsten zu kommen. Aber inzwischen ist alles anders. Grübeln ohne Ende drängt sich vor das Reisen, das Erfahren. Dabei läuft es am Anfang wie geschmiert mit dem Interrail Fünftage-Pass. Genf - Lyon - Narbonne an Tag Eins. Vom Bahnhof über die Straße ins Hotel L'Alsace. Und an Tag Zwei gleich weiter zur Grenze, und weiter nach Barcelona. Von jetzt an hat mein Reiseplan die Zeit fürs Umsteigen auf den nächsten Nahverkehrszug knapp bemessen, auf jeweils fünf Minuten. Das geht in Barcelona gut, in Lleida schon nicht mehr. Der Zug nach Zaragoza ist weg. Und jetzt? Wenn ich den nächsten Bummler nehme, komme ich heute nicht mehr voran. Nachdem ich mich so gut wie möglich erkundigt habe, kaufe ich für etwa 25 Euro ein Extraticket für den neuen spanischen Superexpress, den AVE, bis nach Guadalajara, dem letzten Fernbahnhof vor Madrid. Das heißt allerdings, über das Ziel Sigüenza hinauszuschießen.
Die Zeit bis zur Abfahrt reicht, um meine große Müdigkeit hinauf zum Castell de la Suda zu schleppen. Aber vor allem brauche ich eine Ansichtskarte, das einzige Lebenszeichen, das ich mich noch von mir zu geben getraue. Es gibt hier keine.
Der Zug fährt um 19.05 Uhr und wird eindreiviertel Stunden später in Guadalajara sein.  Sie verbreiten Flugzeugkomfort darin, mit Snacks, Drinks und viel Personal um einen rum. Die Hochgeschwindigkeit spürt man nicht, umso ernüchternder die Landung in Yebes.
Weit draußen vor der Stadt stehe ich mit einer Handvoll Leute auf einem kahlen Parkplatz. Ein Shuttle-Kleinbus bringt uns ins Zentrum. Der Fahrer setzt mich vor einem Hotel ab, das nicht meine Kragenweite ist. Vom Altstadthügel her leuchtet das rote Signal des Hotel Infante, das sich mit 35 Euro für eine Nacht begnügt. Abladen und nochmal raus, um nach einem Restaurant zu suchen. Aber es ist Semana Santa, Gründonnerstag. Als erstes stoße ich auf ein Kirchenportal, aus dem die Gläubigen strömen, während ihnen eine um Traurigkeit bemühte sakrale Musik hinterherbläst. Der allgegenwärtigen asiatischen Küche, vertreten durch das Restaurant Mandalay, sei es schließlich gedankt, dass ich auch an diesem Abend und an diesem Ort noch etwas zu essen bekomme.

21.-23.3. Hendaye - Paris
Tag Drei, Karfreitag Morgen. Der Fußmarsch hinaus zum alten Bahnhof von Guadalajara wird nur kurz unterbrochen von zwei jungen verliebten Leuten auf der Calle de Francisco Aritio. Bis der Zug zurück nach Zaragoza abfährt, bleibe ich in einer Bar mit langgestrecktem Tresen in der Mitte des Raums. Auf dem obligatorischen Dauerläufer Television unter der Decke spielt sich ein Hollywood-Golgatha-Breitwanddrama mit Kirk Douglas, Yul Brynner oder so ab. Keiner achtet darauf. Meine Augen suchen sorgfältig den Raum ab, die Fächer unter der Theke, die Ecken und Winkel hinter den Stützbalken, Fensterbänke und Wandborde. Es gibt keine Ansichtskarten, nirgends. Auch nicht im Bahnhof. Auf der bummeligen Rückfahrt über die Wasserscheide zwischen Kastilien (alles fließt zum Tajo) und Aragonien (alles fließt zum Ebro)  habe ich viel zu viel Zeit zum Grübeln, ein wenig Ablenkung durch altmodisch analoge Knipsversuche mit der Nikon  aus den Abteilfenstern, kurze Gelegenheit für einen Blick auf das verfehlte Ziel Sigüenza.

CASTILLA-LA-MANCHA
In den betonierten Sicherheitszonen der Estaciòn Delicias, des neuen Bahnhofs von Zaragoza, halten sich an diesem Karfreitagmittag zu wenig Leute auf, um den Eindruck von Leere zu übertümmeln. Immerhin finde ich endlich in einem Laden eine Carta Postal nebst Briefmarke, die ich auf der ebenso langwierigen Fahrt Richtung Atlantik beschreiben und bekleben kann. Obwohl ich wissen muss, dass es nicht gut ankommt, lamentiere ich was von 20 Grad und trotzdem kalt.
Jetzt muss ich es nur noch absenden. Eine gute halbe Stunde habe ich in Vitoria, baskisch Gasteig, Zeit, um einen Briefkasten zu finden. Hastig trabe ich vom Bahnhof stadteinwärts und habe sozusagen Glück. Den Zug Richtung Grenze erwische ich gerade noch. Ein Grund für ein Suplemento, einen Zuschlag auf die Fahrkarte, findet sich in Spanien schnell. In dem Fall hat es, soweit ich es verstehe, etwas mit der internationalen Zugverbindung zu tun. Für meine Beförderung in die Dunkelheit und in den Dauerregen von Hendaye lege ich also nochmal 9,50 Euro drauf.
Der Mann am Spätschalter im französischen Grenzbahnhof zuckt die Schultern. Eine Reservation im TGV nach Paris für den nächsten Tag ist nicht mehr möglich, und überhaupt sind die Fernverbindungen über Bordeaux am Ostersamstag sehr limitiert. "Face a la Gare", nach wenigen Schritten zusätzlich bedröppelt, quartiere ich mich schnell im Hotel "La palombe bleu" ein und gehe nebenan etwas essen. Was, krieg ich nicht mal in dem Moment richtig mit. Es lässt mir keine Ruhe, wie's weitergehen soll. Nicht nur morgen.  Aber dafür  wenigstens habe ich plötzlich eine Idee, schnell laufe ich nochmal zum Mann am Schalter: Wenn ich ein Stück zurückfahre, über Toulouse? Ja, das passt. Er stellt mir, sichtlich zufrieden mit mir und sich, für 3 Euro eine Reservation aus, die zusammen mit meinem Passe Eurail für den TGV 8548 Toulouse - Paris gilt.
Dafür darf ich jetzt, an Tag Vier, dem zwischen Kreuzigung und nicht stattfindender Auferstehung, über zehn Stunden im Zug quer und hoch durch Frankreich sitzen. In Paris regnet es schon wieder oder immer noch. Herbergssuche ist zwar was für Weihnachten, aber auch hier sind die erschwinglichen Hotels um den Gare de l'Est durch die Reihe complet. Nur einer hätte noch was frei, aber da fließt heute kein Wasser - drinnen, wegen Leitungsbruch.  Später werde ich aber doch noch fündig und zahle im Belta Hotel Résidence bereitwillig die 110 Euro für eine Nacht zum Austrocknen. http://www.beltahotel.com Erst am nächsten Morgen beim Frühstück gehen mir die Augen auf: Im selben Hotel haben wir vor neun Jahren zum Anmarsch auf Britannien (Breakfast in England) übernachtet, im Flur im Untergeschoss unsere Fahrräder. Es war damals meine erste Buchung über Internet.
Zwei Drittel von Tag Fünf und fünf Euro für den TGV-Zuschlag bis Basel reichen locker, um nach Hause zu kommen. Was aus der Postkarte geworden ist?

 


 

 

 


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