Einmal noch

Juni/September 2004   Pyrenäen

In Aurillac im "Grand Hôtel de Bordeaux" habe ich im Mai meinen Vorstoß zu den Pyrenäen bahnstreikbedingt abgebrochen. Dort nehme ich die Fährte einen Monat später wieder auf. Diesmal bin ich mit dem Radl da. Noch einmal will ich das Gebirge überwinden. Aber mit nur einer Woche Urlaub im Guthaben müsste jetzt schon alles planmäßig klappen.

15.-16.6. Aurillac - Cajarc - Lafrancaise
Das tut es zunächst auch. Am ersten Tag lasse ich in der Auvergne 93 Kilometer hinter mir und lande am Abend in Cajarc im Tal des Flusses Lot. Farbige Leuchten tauchen den Pool hinter
dem "La Segaliere" in ein künstliches Licht. Im Laufe des nächsten Tages merke ich, wie die Kraft mich verlässt. Zwar schaffe ich in knapp sechs Stunden noch 87 Kilometer. Aber ich fühle mich so schlapp, dass ich die Unterkunft in der Ferme-Auberge "Arl de Trouilles" kurz vor Lafrancaise, etwa 70 Kilometer von Toulouse entfernt,  dankbar annehme (https://gite-lestrouilles.jimdo.com/). Hier sitze ich am Abend mit ein paar älteren französischen Feriengästen am langen Bauerntisch, wo das Essen für alle aus einem Topf geschöpft, der Wein aus einem Krug eingeschenkt wird, und bemühe mich radebrechend, ein Teil der Unterhaltung zu sein.

17.-19.6. Castelsarrasin - Pau -  Avignon - Besancon
Dabei wäre noch Zeit genug gewesen, um die 20 Kilometer durch die Ebene nahe dem Zusammenfluss von Tarn und Garonne zu durchqueren. Das ist dann aber auch alles, was ich am nächsten Tag schaffe.  Am Bahnhof von Castelsarrasin an der Linie Toulouse-Bordeaux, wo wenige Wochen später eine Etappe der Tour de France starten wird, warte ich entmutigt auf einen passenden Zug.  Zunächst zieht es mich immer noch Richtung Pyrenäen. Beim ersten Aufenthalt in Toulouse kaufe ich einen neuen Walkman. Den alten habe ich im Regionalzug vor Aurillac zwischen den Sitzen stecken lassen. Fast muss ich froh sein, ein solches Gerät noch zu kriegen. Während der Fahrt nach Pau kann ich auf dem Bahnsteig von Lourdes sehen, wie das Wunderheilgewerbe abgewickelt wird. Ein Sonderzug aus der Schweiz wird entladen. Es sieht so aus, als ob die geschäftigen Betreuer ihren Rollstuhlpatienten sogar die Last des Hoffens noch abnehmen wollen. Im ausgebuchten Hotel "Bristol" in Pau bekomme ich einen Abstellraum mit Bett und Dusche zum Sonderpreis.  Während ich drei Ecken weiter  etwas esse, übertragen sie im Bistro das Fußball EM-Spiel Frankreich gegen Kroatien (2:2). Die Franzosen haben keine rechte Freude daran.

In zweieinhalb Tagen werde ich 13 Mal beim Umsteigen Fahrrad und Gepäck Unterführungstreppen rauf und runter, in Zugabteile und Gepäckwagen hinauf und auf Bahnsteige hinab, durch schmale Abteiltüren und über hüfthohe Einstiege rein und raus schieben, drücken und wuchten müssen, bis ich zuhause bin. Noch ein Hotel "Bristol" erwartet mich am 18. am Cours Jean Jaurès in Avignon, der Hauptschlagader zwischen Bahnhof und Papstpalast. Obwohl es möglich erscheint, versuche ich am 19. nicht, "in einem Zug" nach Hause zu gelangen, sondern steige in Besancon aus. Ich möchte mir das EM-Spiel Lettland gegen Deutschland genehmigen. Es war`s nicht wert (0:0), das Hotel (halbe Baustelle) eigentlich auch nicht.


14.-15.9.  Paris - Castelsarrasin
Im September starte ich einen zweiten Versuch, diesmal ohne Zeitdruck. Zwei Tage Zeit reichen, um mit dem Fahrrad stressfrei per Bahn zurück an den Start in der Gascogne zu gelangen. In Paris übernachte ich diesmal in der Nähe des Gare de Lyon, damit ich am Mittwoch rechtzeitig den frühen Zug Richtung Süden erreiche. Das anvisierte, aber nicht gebuchte Hotel in Castelsarrasin ist "complet", aber die freundliche Madame telefoniert und weist mir den Weg städtchenauswärts zu einer Auberge am Rondell Omer Sarraut, wo ich ebenso freundlich empfangen und gleich nebenan im Restaurant "Le Saint-Louis" verköstigt werde: Blinis und ein Cote veau.

.Castelsarrasin, 1. place Omer Sarraut

16.-17.9. Castelsarrasin - Auch - Rabastens de Bigorre
Am ersten Tag komme ich bis zur  Hauptstadt der Gascogne, nach Auch. Die letzten paar der 88 Kilometer benötige ich dort für die Suche nach einem Zimmer. Das einfache Hotel "Le Relais de Gascogne", bei dem ich schließlich lande, hat wichtigere Zeiten gesehen. Auch am zweiten Tag erweist sich die Fahrtroute als etwas nickelig. Wie in Auch stehe ich am Abend zuerst hoffnungsfroh vor einem feinen Hotel, wieder blitze ich ab und nehme wenige Kilometer weiter mit einer einfachen, dafür preisgünstigen (24,50 Euro im "La Belle Epoque") Unterkunft vorlieb. Das Omelette im Imbiss am Place Centrale von Rabastens de Bigorre ist mir zu wenig, die zweite Portion, die ich mir im nächsten Bistro auftischen lasse, zu viel.

18.-19.9. Rabastens - Louvie-Juzon - Laugibar
Es ist Samstag. Ich bin bis in Sichtweite der Berge vorgedrungen und bräuchte einen Geldautomaten. Aber den gibt es in Louvie-Juzon nicht. Das Hotel Dhérété steckt in einer angegrauten Villa an der Straße nach Pau (25 Kilometer nördlich)  und richtet heute Abend eine Hochzeit aus. Also werde ich auswärts essen und vorsichtshalber die paar Euro auch mit Kreditkarte bezahlen. Die Hochzeitsgesellschaft unterhält mich bis in die frühen Morgenstunden. Den Geldautomaten finde ich dann gleich drei Kilometer weiter in Arudy. Als Sonntagsfahrer lasse ich es heute bei 65 Kilometern bewenden, halte mir die Berge noch vom Leib. Früh steige ich in der Auberge Laugibar (380m) ab, vor mir den Aufstieg zum Port de Larrau. Drei Wandersmänner aus Deutschland treffen mit mir ein, sie laufen aber eben mal noch die zweieinhalb Kilometer bis zum Dorf Larrau (636m) hoch und wieder zurück, als sie dort nichts passendes zum Übernachten finden. Ich habe derweil nichts zu tun, als mich über die dauerbesetzte Etagendusche zu ärgern und auf die Abendessenszeit zu warten.

20.9 Laugibar - Lumbier
Also gut. Es sieht zum Fürchten aus, gleich hinter der ersten Kurve. 15 Kilometer für 1200 Höhenmeter, mit Steigungen von durchschnittlich knapp acht, streckenweise 13 Prozent. Was ich da hinaufschleppe, zeigt das Bild. Wie? In Abschnitten zu jeweils etwa 50 Metern stapfe ich voran und hinauf. Fünf Stunden brauche ich bis zur Passhöhe (1585m), etwa die Hälfte der Zeit rollen die Räder, ebensolange brauche ich, um Lungen und Puls zu beschwichtigen. Hin und wieder schaut mir eine Kuh verständnislos zu, dafür streckt einer der wenigen Autofahrer beim Überholen anerkennend den Daumen nach oben. Mitten auf dem letzten Abschnitt zwischen dem "Vor-Pass" Erroimendy und dem Scheitelpunkt, wo es zum Teil etwas gemäßigter bergan geht, hält ein bärtiger VW-Bus-Pilot mit stark bayrischem Akzent neben mir und bietet seine Hilfe an, als ich gerade zum x-ten Mal am Abschnaufen bin. Weiter unten hätte ich mich sicher verführen und mitführen lassen. Aber jetzt, wo der Buckel fast bezwungen ist, lehne ich dankend ab.

Ans "Ortsschild" auf dem Port de Larrau hat jemand einen ausgepumpten Gummireifen gehängt. Ich stelle mein tapferes Sursee-Rad dazu und sehe der sonnigen Abfahrt ins Tal des Rio Salazar entgegen. Unten im ersten größeren Ort erkenne ich einen alten Bekannten wieder: Ochagavia. Das Dorf, durch den breiten Bach von der Straße getrennt, durch einige Steinbrücken mit ihr verbunden, hat sich auf den ersten Blick nicht sehr verändert. Aber die Steinhäuser sind in den letzten 27 Jahren schön aufpoliert worden. Um diese Zeit hält der Ort Siesta. Alles ist zu, kein Mensch zu sehen. Etliche Radumdrehungen weiter stoppe ich vor einer Bar und trinke einen eisgekühlten Orangensaft. Das hätte ich besser nicht getan. Nach ein paar hundert Metern muss ich schleunigst vom Rad. Annahme verweigert, signalisiert der überforderte Magen. In hohen Bögen schwallt der Saft über die Leitplanke und färbt das staubige Gebüsch hellgelb. Mehr verwundert als lädiert setze ich die ansonsten angenehme Talfahrt fort.  In Navascués hoffe ich, für heute abbrechen zu können, und radle auf ein Spritzenhaus am Ortseingang zu. Das Feuerwehrauto war, wie ich noch hören konnte, gerade im Einsatz. "No hay Habitaciòn aqui", soviel spanisch verstehe ich. Die Aussicht auf weitere 25 Kilometer schmeckt mir am späten Nachmittag gar nicht. Zu allem Überfluss macht auch noch die Straße ein paar Klimmzüge, ich quäle mich über einen Puerto de Iso, während sich der Rio unter mir in einer malerischen Schlucht vergnügt. Aber schließlich öffnet sich die Landschaft, geht vom Grünen ins Braune über, und vor mir liegt Lumbier (Navarra). Den Aufstieg zur Altstadt hätte ich mir sparen können.  Das Hotel "Iru-Bide" liegt an der Umgehungsstraße im Tal. Es beherbergt eine bunt gemischte Gesellschaft, von spanischen Matronen über mich bis zu englischen Bikern. Und ewig läuft das TV.

21.9. Lumbier - Jacca
Schon beim Aufsatteln suche ich instinktiv den Schatten vor dem Hotel. Trotzdem lasse ich meinen Fahrradhelm einfach liegen. Er sitzt nicht mehr richtig, nervt nur noch. Mit den zwei aufmerksamen Briten habe ich allerdings nicht gerechnet. Sie sind mir nachgefahren und wollen mich sogar zurückbringen "to your helmet", lassen sich das aber gleich ausreden. Sie düsen weiter nach Pamplona, für mich geht`s jetzt links ab auf die Carretera de Jaca, zum Embalse de Yesa. Hier ist wieder Jakobspilgerzone. In der Ferne sehe ich auch welche laufen, erkenne des öfteren die Muschel als Wegzeichen und werde hin und wieder angesprochen: ob ich auch nach Santiago wolle? Nein, mein Pilgerziel für heute liegt in der entgegengesetzten Richtung. Der Weg führt in Schlangenlinien am halb ausgetrockneten Stausee entlang, hindurch zwischen bizarren hellen Felsen, mit grünen Büschen durchmischt. Nach der Cafeteria hinter Yesa, am Abzweig zum bekannten Kloster von Leyre, kommt lange nichts mehr, mal abgesehen von einem verlassenen Steindorf oberhalb der Straße, und einer Tankstelle mit Getränkeautomat. Da ist die Grenze nach Aragonien längst überschritten. In der Provinzstadt Jaca nehme ich ein Zimmer im Hotel "Ramiro I" im Zentrum. Am Abend laufe ich zum Bahnhof etwas außerhalb der Stadt. Es gibt hier eine Bahnlinie von Zaragoza nach Canfranc im Norden an der Grenze, aber es lässt sich nicht herausfinden, wie es von dort weitergehen soll. Noch einen Pyrenäenpass (Col du Somport) brauchen mein Rad und  ich jedenfalls nicht.

22.9. Jaca - Huesca
Dennoch stellt sich mir nochmal ein Hindernis in den Weg. Der Puerto de Monrepos (1262m) führt über eine vorgelagerte Bergkette mit prächtigem Pyrenäenblick im Rückspiegel. Der Pass ist zwar nicht so brutal steil, dafür brennt die Sonne. Also nochmal ein ordentliches Stück Arbeit. Zu allem Überfluss taucht auch noch ein Tunnel auf, drei Kilometer lang, wenigstens in der Abwärtsbewegung. Dass er eine lausige Sicherheitswertung hat, erfahre ich viel später. Jetzt genieße ich den Auslauf nach Huesca: kilometerlang sanft geneigt mit mildem Rückenwind. Gelegentlich ein Tritt in die Pedale, ansonsten läuft das Rad fast von alleine bis vor das Hotel "San Marcos" im Zentrum von Huesca.

Huesca, Calle San Orencio

So steht es im Fahrtenbuch: 88, 72, 77, 65, 84, 82, 77.
Das waren schlappe 545 Kilometer in sieben Tagen.

 

 

 

 

 

 

 

23.-24.9.  Huesca - Barcelona - Montpellier
Den Rest besorgt Renfe, die spanische Bahngesellschaft. Die neue Estaciòn vor den Toren von Zaragoza strotzt vor Kühle und Securitas. In Barcelona irre ich zwischen den Bahnhöfen Sants und de Franca hin und her, bis mir klar wird, dass es nicht von de Franca, sondern von Sants aus nach Frankreich geht. Aber für heute gebe ich auf und suche ein Hotel. Davon mag es  in Barcelona zwar viele und auch erschwingliche geben, aber nicht da, wo ich herumkurve. Aus zwei, drei Häusern befördern mich Zimmerpreise um 250 bis 300 Euro schnell wieder zurück ins Freie, ehe es in einer weniger feudalen Straße klappt. Von dort finde ich mit Hilfe der Aufzeichnungen des Portiers am Morgen auch wieder zurück zum Bahnhof Sants. Die Fahrt zur französischen Grenze kostet bescheidene 8.25 Euro.  Ein Stück weit teile ich die Strecke mit einem englischen Cyclisten. Er taucht von irgendwo aus Spanien auf und nach irgendwo in Frankreich wieder ab, etwa in meinem Alter, aber drahtig, braungebrannt, mit einem professionelleren Equipment und viel länger unterwegs als ich. Dafür habe ich am Grenzbahnhof in Cerbères das Gefühl, im Wechselspiel  von Warten und schnellem Improvisieren geübter und weniger angespannt zu sein. Ohne Hektik komme ich an diesem Tag noch bis Montpellier.

25.-26.9.  Montpellier - Lons Le Saunier
Richtung Nimes: Hinter mir sitzen zwei in Blond. Sie unterhalten sich in einer Sprache, die ähnlich klingt wie meine. Nein, aus Dänemark kommen sie nicht, sondern aus Flamen. Jetzt spähen sie nach dem Mont Ventoux aus. Ich mache sie darauf aufmerksam, als der berühmte Bergkegel schräg vor uns auftaucht, damit sie rechtzeitig ihre Kameras in Stellung bringen können. In Lons Le Saunier war ich schon mal, im Winter. Da hatten sie mitten im Ort zur Belebung der Geschäfte eine Eislaufbahn aufgebaut. Jetzt ist hier noch weniger los.
Ich übernachte beim Bahnhof, esse im Restaurant des  Hotels, in dem ich letztes Mal abgestiegen bin. Der Kellner scheint nicht so recht zu glauben, dass ich mir das leisten kann, aber die Madame - obwohl sie mich garantiert nicht wiedererkannt hat - pfeift ihn zurecht.


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