marche, eh!

 

"...ich will einfach nicht von meinem Weg abgehen, obwohl ich in meinem Leben nie irgendwohin unterwegs, sondern einfach nur unterwegs war." (Samuel Beckett - "Aus einem aufgegebenen Werk")


Mich erbarmt ein Pferd

3.4.2001 Etréaupont - Guise         Picardie

Start zu dieser kleinen Wanderung ist am 1. April. Es geht gleich gut los. Zwischen Offenburg und Straßburg möchte ein Kundenbefrager was über meine Ansichten zur Bahn wissen. Kaum hat er notiert, dass ich es eigentlich ganz okay finde, bleibt der Zug auf freier Strecke stehen. Auf dem Bahnhof in Straßburg gerate ich prompt in Hektik und verpasse knapp den Anschluss an den (aus der Schweiz kommenden) überpünktlichen Zug. Das online reservierte Hotel in Charlesville-Mézières kann ich vergessen. Bis Metz reicht es noch an diesem Tag. Bahnhof, Post - alle Häuser hier haben Fassaden aus dicken Sandsteinquadern. Der Portier telefoniert für mich nach Charlesville.

Am 2. April lerne ich ein neues französisches Wort kennen: grève. Die Bahn streikt, den halben Tag sitze ich mit anderen verhinderten Reisenden im und vor dem Bahnhof von Laon nördlich von Reims. Aber hier regt sich niemand auf. Am späten Nachmittag fährt dann ein bescheidenes Züglein. In Vervins steige ich aus und laufe die zehn, zwölf Kilometer nach Etréaupont an der Oise.  Das Le Clos du Montvinage ist ein nettes kleines Landhotel. Aber das feine Essen im Restaurant wird angereichert durch schwer verdauliche Musik - Beethoven, Bruckner und anderer Klassikbombast passen nicht. Dafür blamiere ich mich (aber nur vor mir selbst), als ich auf der Speisekarte was von "Scherbet" lese und amüsiert denke, die wissen nicht mal, wie man Sorbet richtig schreibt.

3. April: Die Gegend hier heißt Thierache. Entlang des Flüsschens Oise gab es  früher mal eine Bahnlinie, die Trasse haben sie zu einem Touristenweg für Radler und Wanderer umfunktioniert. So 25 Kilometer werden es sein bis zum Städtchen Guise. Zwischendurch wechsle ich zur Straße, die parallel etwas oberhalb ein paar kleine Orte verknüpft. Da steht dieses Pferd. Ich wusste nicht, das Pferde so traurig kucken können. Der verwahrloste, struppige, dreckige Gaul hat sich mit den Vorderhufen im Stacheldrahtzaun verfangen. Im Gehöft gegenüber kein Mensch, nirgendwo ein Auto. Der Versuch, den Draht irgendwie vom Bein zu kriegen, bringt mir nur ein paar Schrammen ein, und schließlich gerät das Tier in Panik. Mit Gewalt strampelt es sich los und trabt die Straße entlang. Als zwei Männer heranfahren, flüchtet es ins Gelände, und die beiden machen sich ans Einfangen. Ich gehe weiter, meine Beine sind schon schwer genug.
In der Flussebene vor Guise steht teilweise noch das Wasser der Frühjahrsüberflutungen. Dazwischen Warnschilder. Der Rinderwahnsinn steht in Blüte. Aber die ganzen behördlichen Verfügungen und Vorsichtsmaßnahmen, Desinfektionssperren an den Grenzen, Fleischein- und -ausfuhrverbote, sind voller Lücken. Hätte ich den Wahnsinn an den Schuhen, ich hätte ihn längst eingeschleppt.

4. April: Soll ich weiterlaufen? Ein Blick aus dem Fenster meines Zimmers im Hotel de Guise macht mir die Entscheidung leicht. Heftiger Dauerregen gilt als Entschuldigung. Mit dem Taxi lasse ich  mich nach St-Quentin bringen. Vorbei an einer großen Zuckerfabrik, da riecht es auch nicht  besser  als gestern auf dem Fußweg hinter einer Mülldeponie entlang, nur anders. Bei der SNCF wird unverdrossen gestreikt, erst am Mittag fährt ein einzelner Zug nach Paris. Unterwegs merken etliche Leute, dass es nicht ihre Richtung ist. Große Aufregung. Nach Straßburg geht es erst am Abend weiter, also mache ich Zwischenstopp in Nancy. Dort sitze ich am nächsten Morgen ziemlich  alleine auf dem Bahnsteig, wo mich zwei Reporter vom Lokalradio erwischen: Was ich zum Streik zu sagen habe?  - Ist mir egal, ich hab Zeit. Etwas enttäuscht suchen sie weiter, nach griffigeren Statements.



Zweigeteilt und dazwischen

24.-25.4.2002 Le-Pont-de-Beauvoisin - Chapareillan      Savoyen

23. Mai: Erste Station  ist das Gleisdreieck Culoz (Genf - Lyon - Grenoble) im  Tal der Rhone, die seit Bellegarde erstmals gen Süden strebt, weiter unten aber nochmal einen Schlenker macht, ehe es ab Lyon mit der Saone endgültig Richtung Mittelmeer geht. Es ist einer der Bahnhöfe zwischen den Gleisen. Bis der Zug kommt, hänge ich einige Zeit auf den Bahnsteigen rum. Mit dem Feierabendzügchen lande ich schließlich in dem geteilten Ort auf der Grenze zwischen zwei  Departements, Le-Pont-de-Beauvoisin.

24. Mai: Der Weg führt mich gegen den Strich der nord-südwärts verlaufenden Bergrücken und Flußtäler. Den ersten Anstieg zu einem Flecken namens St. Franc nehme ich noch, die steilen Aussichten verleiten mich dann aber doch zum Abbiegen hinunter ins Tal des Guiers. Les Echelles ist der nächste zweigeteilte Ort auf der Departementsgrenze. Gegenüber der Ortsumfahrung St. Christophe, am Eingang zur pittoresken Gorges du Guiers vif. Aber davon weiß ich noch nichts, trödle vielmehr zwei Stunden an einer Bushaltestelle zwischen Glascontainern und Streusandboxen, bis ich merke, dass ich den flattrigen Fahrplanzettel falsch verstanden habe. Also laufe ich mit vom vielen Stehen schweren Beinen in die felsige Schlucht. Sieht wirklich gut aus hier, nur wenig Sonne kommt jetzt am späten Nachmittag rein. Nach etwa zwei Dritteln der zehn Kilometer bis St. Pierre d´Entremont gabelt mich unaufgefordert ein junger Mann mit einem Kombi auf. Der Ort "zwischen den Bergen" ist noch nicht so ganz aus dem Winterschlaf erwacht, aber im Hotel du Guiers bekomme ich ein Dachzimmer mit interessanter  Vogelperspektive auf die Leute, die am Abend die einzig offene Kneipe und am Morgen die einzig offene Baquetterie ansteuern. Der Wirt tischt mächtig auf und wundert sich, als ich ihm angesichts der üppigen Platte zum ersten Gang zu verstehen gebe, dass ich mehr nicht runterkriegen werde. Wo ich doch "en marche" war?!

25. Mai: Immerhin. Ein Kind ist lebhaft an dem interessiert, was der Mann da macht, der allein beim Frühstück sitzt.  Als die Mutter merkt, dass es mich nicht stört, wendet sie sich wieder ihren Freundinnen zu, während vorne im Laden die Baquettes über die Theke wandern. Ich wandere die Straße hoch zum Col du Granier (1134m), über dem sich der Mont Granier (1933m) wie ein mächtiger Schiffsbug über das Land südlich Chambéry schiebt. Unter dem Gipfel vorbei biege ich nach rechts ab auf die Straße hinunter ins Tal der Isére. In Chapareillan nehme ich zusammen mit einer älteren Dame ein Buswartehäuschen in Beschlag. Es ist warm. Im Bus nach Chambéry schaue ich durch das Fenster zurück:
Aus dem Wald am Nordhang des Mont Granier, irgendwo an dem Sträßchen, auf dem ich vor knapp zwei Stunden noch gelaufen bin, steigt eine dicke Rauchwolke hoch! Ich kann`s nicht gewesen sein, tröste ich mich, erinnere mich aber: Irgendwo war mal ein Auto geparkt, hörte man was von Leuten im Wald. Am nächsten Morgen beim Frühstück im Art Hotel von Chambery entdecke ich in der Zeitung tatsächlich eine Notiz über ein Feuer am Granier.


Schnee im Mai 

   "Daher habe ich es auf mich genommen zu reisen"  (André Gide - "Autour de M. Barrès")

10.-12.5.2004   Leigneux-en-Forez - Fournols      Monts du Forez

Wäre ich, wie vor Internet-Zeiten, einfach auf Verdacht nach Boen-sur-Lignon gefahren, ich wäre, wie vor ein paar Wochen ein Stück weiter nördlich in Amplepuis, dumm dagestanden.  Mit dem Auto hatte ich mich da schon mal umgekuckt, aber nicht einmal im Internet finde ich etwas zum Übernachten in der etwas tristen kleinen Industriestadt rund hundert Kilometer westlich von Lyon. In der Nähe ist immerhin ein Zimmer zu haben, es gibt allerdings nur eine Telefonnummer dazu. Jemand mit Französischkenntnissen ruft für mich an, macht etwas aus.

9. Mai: Genf, Lyon, St. Etienne, nochmal umsteigen in einen Regionalzug. Am Bahnhof von Boen warten zwei alte Leutchen (das ist nicht abwertend gemeint) auf mich.  Dominique Cheze und seine Frau bringen mich in einem klapprigen Kleinwagen über den Berg zum Gehöft Les Junchuns. Der Sohn betreibt die Landwirtschaft inklusive Weinbau, sie kümmern sich um die Feriengäste, an die sie hauptsächlich den Sommer über ein Vierbettzimmer vermieten, mit prächtigem Ausblick zurück nach Nordosten weit ins Loiretal. Und wie sie sich kümmern! Wir können  uns nur  mühsam verständigen und unterhalten uns doch prächtig. Ich bekomme eine exklusive Weinprobe im Keller, wo die Chezes mit verblichenen Urkunden und verstaubten Pokalen von glorreichen Winzerzeiten erzählen. Aber ihre Produkte von heute sind auch nicht ohne. Freundlich und stolz bitten sie in der gemütlichen Küche zu Tisch. Heute gibt es für sie auch mal warm am Abend, wenn ein Gast da ist. Zum Frühstück werde ich dann alleine im guten Salon sitzen und an den Wänden noch mehr Bilder und Dokumente bewundern dürfen. Auch die Verabschiedung gerät fast feierlich, vorher soll ich mich ins Gästebuch eintragen. Am Abend bin ich oberhalb des Hanges gestanden, den ich am nächsten Tag  hinunter muss, und habe Richtung Westen geschaut. Auf der Anhöhe gegenüber, vor dem letzten Licht der untergegangenen Sonne, die Silhouette des Chateau de Couzan - der märchenhafte Anblick lässt meine Phantasie schon mal vorauslaufen.

10. Mai: In Wirklichkeit wird es dann ein recht mühsamer Aufstieg. Ich steuere auf eine alleinstehende Auberge zu. Schade, es ist noch nicht mal Mittag. Also geht es weiter nach Chalmazel, eine Art Ferienort zwischen den Bergen. Mittendrin eine kompakte Burg, hinter deren dicken Mauern ein paar komfortable aber auch teure Hotelzimmer stecken müssen. Aber das wirkt alles verschlossen bis abweisend, nicht einmal ein richtiger Eingang ist auszumachen. Dafür macht die Madame in einem Cafe allerlei Anstalten, mir bei der Suche nach einer Unterkunft zu helfen. Sie schleppt Prospekte an, telefoniert herum und schickt mich schließlich zu einem Nest namens La Chaise fünf Kilometer weiter. Bis ich dort bin, kann ich nochmal die Tüchtigkeit meiner Regenjacke testen. In dieser Gegend dürfte sonst einiges los sein, aber jetzt, zwischen Wintersport und Sommerfrische, kommen die einzigen nennenswerten Laute von einer Kuhweide herauf zur Herberge, da unten versucht eine Magd des 21. Jahrhunderts mit durchschlagendem Erfolg, das Hochtal mit Techno zu beschallen. Der Patron schüttelt den Kopf und werkelt weiter an seinem neuen Garagentor. Die Madame sucht für mich nach Plänen und macht mir eine Fotokopie von der Wanderkarte, nachdem sie gehört hat, wohin ich weiter will. Zum Abendessen gibt es Rührei mit Salat. Mit einer und noch einer Karaffe Hauswein feiere ich im einfach möblierten Zimmer in den Geburtstag hinein, TV gibt`s heute wieder nicht.

11. Mai: Von der Straße zum Col de la Loge (1243m) führt eine Abzweigung in einen Freizeitpark mit Feriendorf. Ich stelle mir vor, dass es dort zur Zeit noch genauso still ist wie auf der Passhöhe, zu der ich jetzt komme. Skiliftstation, Souvenirladen, Raststätte - alle Fensterläden sind verrammelt. Auch auf dem über acht Kilometer langen Höhenweg südwärts zum Cole du Béal (1390m) begegnet mir kein Mensch. Verspätete Frühlingsblumen drängeln sich zwischen den hartnäckigen Schneefeldern heraus, über die ich zeitweise stapfen muss. Von oben stöbert es versuchsweise nochmal nach. Auf der Passhöhe zwischen  Chalmazel und Vertolaye ist man derweil schon schwer beschäftigt.  Die Touristenstation ist Großbaustelle. Die 15 Kilometer und fast 900 Höhenmeter bis hinunter ins Tal  der Dore schaffe ich auch noch. Das waren sie also, die Monts du Forez. In Vertolaye übernachte ich im Hotel des Voyageurs gegenüber dem ehemaligen Bahnhof, der gerade zu einem Fitness- oder Solarstudio umgebaut wird.

12. Mai: Zum Provinzstädtchen Ambert weiter flussaufwärts fahre ich mit dem Bus
An der Gemeindehalle mit Tourist-Info wird eine deutsche Reisebusgruppe bequatscht. Ich frage mich, wie die hierher gekommen sind. Die aufgekratzte Madame frage ich, ob es eine Verbindung über die nächste Bergkette Richtung St. Germain l`Herm westwärts gibt. Nein. Sie empfiehlt Autostopp. "Wir sind hier auf dem Land, da nimmt Sie immer mal jemand mit." Ich laufe erstmal los, in die Berge. Für ein ganz kurzes Stück darf ich auch bei einem Bauern einsteigen, aber der große Rest der 20 Kilometer bis Fournols bleibt meinen Füßen nicht erspart. In dem Dorf gibt es zwar ein Hotel, aber das hat um die Zeit noch geschlossen. Also tipple ich weiter. Noch ein paar Kilometer, da hält eines der ganz wenigen Autos, denen ich ab und zu eher verschämt den Daumen gezeigt habe. Der freundliche aber schweigsame (wie auch sonst, wenn ich kein französisch kann) Mann fährt nach Issoire, einer Stadt südlich von Clermont-Ferrant. Das ist hier die Auvergne, erklärt er mir, aber sonst ist nix mit Konversation. In Issoire gibt es einen ordentlichen Bahnhof, und einen Zug, der mich durch eine schöne Gebirgslandschaft nach Aurillac bringt. Dort will ich gleich für den nächsten Tag eine Fahrkarte kaufen, höre aber unversehens das bekannte Wort: grève. Sie streiken wieder maL. Morgen wird man weiter sehen.

13. Mai: Die Pyrenäen sind noch ganz schön weit weg. Und jetzt langt es mir auch, ich mache mich auf den Heimweg. Das alte Spiel: auf Bahnhöfen herumsitzen, warten, schauen, wie`s weitergehen könnte, und dann wieder ganz schnell entscheiden. Eine Entscheidung ist halbwegs falsch: eine Fahrkarte zu kaufen im Glauben, ich könnte irgendwie über Dijon nach Mulhouse und Basel kommen. Der Zug, der schließlich mal abfährt, geht aber Richtung Norden. Nochmal übernachten in Nevers, dann beim Umsteigen nicht mehr als flüchtige Blicke auf Paris und Straßburg.


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