Dernieres Charmes
"Diese Episode verstärkte meinen Wunsch, mich der Welt zu entziehen, um so mehr." (Corneliu Baba)

August 2005 Vogesen
Die Anreise nach Lahr im Nahverkehrszug ist Routine. Es hat wenig Aufregendes, sich im Fahrradabteil zu sortieren, auch nicht zwischen neurotisch wirkenden und Ansprüche stellenden Velomitschleppern. Als ich in Lahr aussteige, habe ich noch einen halben Tag Zeit zum Einfahren. Über den Rhein und den Rhone-Rhein-Kanal komme ich auf einer Zickzackroute nach Frankreich. Es ist ein warmer Nachmittag in der Oberreinischen Tiefebene. Ich steige ab und schiebe ein Stück, noch bevor die geringste Steigung in Sicht kommt. Die Krampfwarnsignale ungeübter Muskeln sind mittlerweile nur zu bekannt. Ein sportiv wirkender Radler erkundigt sich etwas besorgt, ich beruhige ihn. Ich mach halt einfach halblang. Ein paar Kilometer Umweg am Fuß der Vogesen von einem Weinort zum nächsten bis zum Hotel "Le Vignoble" bleiben mir aber nicht erspart. 
DAMBACH-LA-VILLE
Es kommt mir so vor, als ob ich von den 227 Kilometern in dreieinhalb Tagen mehr als die Hälfte schiebe. Die schmalen Regionalstraßen winden sich über die Vogesenbarrieren von Tal zu Tal, ohne Erbarmen für nachlassendes Leistungsvermögen. Zäh genug bin ich noch, um mich in über fünf Stunden 62 Kilometer weit bis Raon zu schleppen. Von meinem Zimmer in der obersten Etage des "Relais Lorraine Alsace" schau ich nach unten auf eine Hochzeitsgesellschaft und höre von Norden mit dem Walkman-Radio die Übertragung dramatischer Bundesliga-Schlussminuten aus der Pfalz.
RAON
51 Kilometer - eine bessere Halbetappe an einem müden, warmen Sommertag vom Tal der Meurthe über ein paar Buckel ins Tal der Moselle. Kein Hunger mehr. Wenn an diesem Sonntagnachmittag vom menschenleeren Bahnhöfchen in Charmes ein Zug nach Nancy oder Epinal abgefahren wäre, wäre hier schon Ende gewesen. Vor dem Hotel "Le Maxevoy" bemüht sich vor mir schon ein Radlerpärchen - sie kommen aus ostdeutschen Landen - um ein Zimmer. Aber: complet! Irgendwie erklären der Patron und sein Sohn uns, wo man noch eine Unterkunft finden könnte - so in 40, 50 Kilometern Entfernung. Schöne Aussichten. Aber kaum sind die beiden anderen abgeschoben, ruft der Mann mich zurück. Sie hätten da doch noch ein chambre, mir würd er`s geben.
Das Städtchen Neufchateau liegt im Tal der sehr jungen Meuse. Schon 17 Kilometer vorher in Chatenois (25 Kilometer weiter unten die Eaumineralmetropolen Vittel und Contrexeville) lechze ich nach einem Bahnhof. Aber diese Nebenlinie gibt`s nur noch auf meiner alten Michelin-Karte. Von einem kärglichen Schatten zum nächsten schiebe ich mich nochmal Steigungen hinauf. Erst jetzt beim Schreiben wird es mir bewusst: Das waren die letzten Tage meiner Radtourenkarriere, die immerhin fast 25 Jahre gedauert hat - mit vielen Höhen und ebenso häufigem Gegenteil davon. Das Hotel "L`Eden" war also das letzte, bei dem ich nicht nur nach einem Zimmer, sondern auch nach einem Platz für mein Sursee-Rad fragen musste. Gut, dass man es in dem Moment nicht weiss, sondern mit der üblichen Logistik beschäftigt ist - abladen, auspacken, duschen, trinken, Karten studieren, TV-Programme, Bahnhof und Züge für den nächsten Tag checken, Verpflegung besorgen, essen, nochmal die Beine vertreten, Logbuch führen. Letzter Eintrag: + km 60, h 4:37.
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