Wind`s end
"Wer bedauert einen Schatten,
der sich in auftürmenden Wolken verliert?" (Du Fu)

September 1992 Holland - Nordengland - Schottland
31.8.-2.9. Tilburg - Dussen - Kijduin - Europort/Rotterdam
31.8. Lenker an Lenker stehen sie im Souterrain des Bahnhofs von Tilburg und warten auf ihre Pendler. Mein fiets steckt etwas abseits hinter einem extra Verschlag. Ich habe es als Gepäckstück vorausgeschickt. Als ich es nach draußen schiebe, hängt die Kette runter, und in den Reifen fehlt die Luft. Außerdem riecht es nach Regen, während ich mich seitwärts schlage und mir die Hände schmutzig mache. Trotzdem, es ist erst Mittag, ich kann noch ein Stück raus aus der Stadt. 27 Kilometer sind es bis Dussen hinter der Maas. Am Tresen des Hotels De Koppelpaarden bleibe ich in einer lustigen Runde stecken. Wir üben uns ganz erfolgreich im deutsch-holländischen Dialog und testen nebenbei unsere Trinkfestigkeit.
1.9. Der Regen kommt überfallartig, kaum bin ich losgefahren. Ich flüchte in einen Fietsenladen in Almkerk und kaufe eine grün-blaue Kombination - wasserdicht in beide Richtungen. Einmal gründlich befeuchtet vom eigenen Schweiß, kann ich die Überziehteile bald aufs Gepäck schnallen. Den Rest des Tages bleibt es trocken. Umso wässriger wird das Land ringsumher. Über die Mündungsarme des Rheins bringen mich die Veer nach Kop van het Land für einen Gulden zehn und der Veerdienst zwischen Kinderdijk und Krimpen für einen dreiviertel Gulden. Eingangs von Den Haag schließe ich mich einer Freizeitradlerfamilie an, so finden wir durch den Haagse Parken en Buitenplaatsen zwischen Meer und Innenstadt hindurch. Was ich zunächst nicht finde, ist ein Hotel. Erst am anderen Ende, am Touristenstrand von Kijkduin, blinken die vier Sterne des Atlantic Hotel. Nach einem 120-Kilometer-Tag nehme ich den Preis von umgerechnet 170 DM für das ebenerdige Zimmer, die Dünen direkt vor der Verandatür, in Kauf. Das teure Bett werde ich auch ausgiebig in Beschlag nehmen. Ich bin so müde, dass ich schon beim Abendessen kaum die Augen offenhalten kann und über dem Bier danach fast einschlafe, während "ein Wind von unendlicher Milde" (Honoré de Balzac) über die Batterie von Strandlokalen und ein geselliger Spätsommerabend an mir vorbei streicht.
2.9. Hoek van Holland war mal Endstation eines D-Zugs von den Alpen zur Nordsee und ist im Moment für mich einziger Anhaltspunkt, wie es von hier weiter gehen könnte auf die Insel. Wo der Haken liegt, wird mir 20 Kilometer weiter an der Spitze der breiten Lek-Mündung klar: Die Fähre nach Nordengland legt gegenüber ab. Auf der ersten Hälfte des Umwegs zum Europort, bis zur Fähre bei Maassluis, bläst mir ein gar nicht mehr milder Wind entgegen. Auf der anderen Seite stinkt mir ein petro-chemischer Mix aus den kilometerlangen Industrieanlagen hinterher. Die Radwege hier sind holprig und wenig benutzt.
Ich hätte mich gar nicht beeilen müssen. Einboarden ist erst am Abend. Laut Ticket der Reederei North Sea Ferries kommt der deutsche Fahrgast auf der M.V. "Norsun" aus "Wald zu Tingen".
Zum ersten Mal erlebt er an Bord einer Überseefähre dieses fieberhafte kollektive Besäufnis, begleitet von heftigen und unwillkürlichen Entladungen bei starkem Seegang. Der bereitet zwar meinem Magen keine großen Probleme (dank instinktiver Zurückhaltung vor dem üppigen Bufet), stört aber erheblich beim Einschlafen. Unter mir rütteln grollend die Brummis an ihren Ketten. Ist nicht gerade erst in der Ostsee eine Fähre abgesoffen, weil die Ladung nicht richtig festgemacht war?
3.-5.9. Kingston upon Hull - Whitby - Sunderland - Bamburgh
3.9. England ist Neuland. Aber an den Linksverkehr gewöhne ich mich relativ schnell. Und da ich die nächsten zehn Tage im wesentlichen nur darauf achten muss, die Nordsee rechts liegen zu lassen, kann ich mich auch (kaum) verfahren. Die 120 Kilometer am ersten Tag bereiten so nicht allzuviel Mühe, zumal der Wind noch abwartet und North Yorkshire noch nicht übermäßig rumbuckelt. Als ich nach den ersten 80 Kilometern mein Rad die Esplanade entlang nach Scarborough schiebe, kann ich nicht ahnen, dass Monate später ein Stück des Holbeck Hill ins Meer rutschen wird. Für heute macht der Regen dem Spaß ein Ende. Hinter Whitby steige ich ab. Sandsend sind ein paar Häuser, die links und rechts an der Mini-Bucht einer Bachmündung kleben. In meine tropfnassen Schuhe stopfe ich irgendwelches Papier und stelle sie auf die Fensterbank des Beach Hotel - mit Blick auf die wolkenverschleierte See. In der Dorfkneipe um die Ecke stellen sie Schüsseln voll mit gekochtem Gemüse, Fleisch und Kartoffeln vor mich hin, im Bed & Breakfast lässt man mich im TV-Zimmer mit einem halbwegs verstehbaren Quiz- und Showprogramm aus BBC-Kanälen alleine.
Sandsend
4.9. So "gemütlich", wie es angefangen hat, geht es heute nicht weiter. Gleich hinter Sandsend schraubt sich die Straße in die Hügel und macht mir für den Rest des Tages schwer zu schaffen. In viel zu kurzen Abständen mit viel zu vielen Kurven folgen viel zu kurze Abfahrten viel zu steilen Anstiegen. Ich fühle mich nicht recht wohl wegen der Auto- und Lastwagenfahrer, die geduldig hinter mir herstottern und erst mit sicherem Abstand überholen, wenn ich sie vorbeiwinke oder sie selber freie Sicht bekommen. So werde ich heute meine Hunderter-Marke nicht schaffen. Aber dann kommt mir das letzte Stück zu Hilfe, das mich langgezogen sanft hinunter nach Sunderland zur Küste geleitet. Bei Kilometer 101 finde ich ein Zimmer mit Strandblick und zwei Straßen landeinwärts Fish & Chips zum Mitnehmen.
5.9. Die Anlegestelle der Fähre über die Mündung des River Tyne zwischen den Newcastle vorgelagerten Orten South und North Shields ist nicht so einfach zu finden. Aber wahrscheinlich hätte ich auch die Autobahnbrücke nehmen können. Jedenfalls lande ich zwischendurch unversehens auf einer vierspurigen Schnellstraße, ohne dass ein Verbotsschild den Radfahrer zurückgewiesen und ohne dass irgendein vierrädriger Verkehrsteilnehmer daran Anstoß genommen hätte. Ein paar Kilometer fährt ein drahtiger Sechziger, der zum nächsten Ort will, neben mir her. Auch er sieht es nicht so eng mit der Schnellstraße und erzählt, wie er einmal in Deutschland bei Bremen mit dem Rad auf eine Autobahn geraten ist, und wie die Leute, ihm völlig unverständlich, einen fürchterlichen Aufstand deswegen gemacht hätten. Nach der ausgedehnten Industriezone um Newcastle geht die Landschaft in altweibersommerliche Beschaulichkeit über: Northumberland mit Nordseeküste. Mit undurchblickbaren Kricketspielen und den unfotogenen mächtigen Schlossmauern mitten in Warkworth. Mit einer surrealen Begegnung: An einer Kreuzung liegt ein Schwarzer im Gras, neben einem Fahrrad, vollbepackt wie meines, und werkelt mit Pumpe und Flickzeug am Vorderreifen. "May I help?" "No thank you". Ich fahre weiter. Bei der Alnmouth Bay verlasse ich die A 1068, weil sie die Küste verlässt, und es gelingt mir nach ein paar einfachen Wegkreuzungen doch tatsächlich, beinahe die Orientierung zu verlieren. Aber zu guter letzt komme ich doch noch bis nach Bamburgh und zur Budle Bay. Die Camping- und Guesthouse-Anlage Waren Mill hat alles, was es nach 110 Kilometern für einen gemütlichen nordenglischen Ausklang braucht, inklusive düster-romantischem Ausblick seewärts zum Bamburgh Castle.
6.-8.9. Budle Bay - Portobello - Carrick - Aberdeen
6.9. Heute kommt mein neuer Regendress zum Zug. Ich packe mich ein und fahre hinaus auf die A 1. Stur spule ich eine Meile nach der anderen ab, nicht viel mehr als ein verschwommenes Stück Asphalt vor Augen. Die Brille habe ich weggesteckt - zwecklos ohne Scheibenwischer. Einzige Abwechslung bringt in Tweedmouth vor Berwick upon Tweed ein Supermarkt, der zu meinem Erstaunen am Sonntag ein paar Stunden offen hat. Später gönne ich mir eine zweite Pause auf einem Rastplatz mit Orientierungstafel. Irgendwo dazwischen habe ich die Grenze zu Schottland überfahren und allmählich die Richtung gewechselt. Es hat aufgehört zu regnen, dafür kommt der Wind jetzt voll von vorne. Mit Mühe rücke ich an Edinburgh heran. Am Strand von Portobello beziehe ich ein Zimmer im "Joppa Turrets", diesmal allerdings mit Hinterhofblick. Aber die Seepromenade hat nach diesem missratenen Sonntag ohnehin Federn gelassen. Hinter der Wintergartenverglasung des Pubs langweilen sich ein paar Leute mit quengelnden Kindern bei dünnem Bier und aufdringlicher Musik in den Abend hinein. Ich flüchte mich auf die Joppa Road zu einem Chinesen.
7.9. Vor mir liegt Edinburgh. Denke ich. Nach ein paar Kilometern vorbei an grauen Mauern, Lagerschuppen und Ladekränen wird mir klar, dass die vielgerühmte Stadt dem Meer nur das Hinterteil zukehrt. Und dass ich aus Versehen den Zimmerschlüssel mitgenommen habe. Egal, im Moment habe ich andere Sorgen: ich muss über die Brücke der A 90 auf die andere Seite des Firth of Forth. Der Wind kommt jetzt von der Seite und spielt sich da oben auf, als ob er mich mit aller Gewalt ins Meer blasen wollte. Aber kaum bin ich wieder auf festem Boden und habe in Inverkeithing auf dem Postamt den klobigen Hotelschlüssel in einem dünnen Briefumschlag zurückgeschickt, da wird derselbe Wind zum Freund. Er stößt mir kräftig ins Kreuz und schiebt mich die Nordküste des Firth entlang, dass es eine Freude ist. Ich versuche, mit meiner Regenjacke Segel zu setzen und noch mehr Schubkraft einzufangen. Der Übermut soll mir aber bald vergehen. Zwischen Largo- und St. Andrews-Bay schneidet die Hauptstraße eine breite Landzunge ab. Mittendrin und zwischen ein paar kurzen aber heftigen Regenschauern erwischt es mich: Platten. Ich schiebe das Rad ein Stück weiter zu einer Werkstatthalle auf freier Flur. Sie haben nichts dagegen, dass ich den Reifen im Trockenen wechsle, lassen mich sogar allein in einer Ecke weiterwerkeln, obwohl inzwischen Feierabend ist. Dankbar melde ich eine halbe Stunde später im Wohnhaus nebenan "ready" und fahre die letzten Kilometer hinunter nach St. Andrews. Ich muss meine Geldvorräte auffüllen, aber in der Bank kann meine mit dem Eurocheque vorgelegte EC-Karte nicht gelesen werden. Why not mal draußen am Automaten versuchen?! Und siehe da: Ein weiterer Schritt zum sorgenloseren Reisen im Ausland gelingt auf Anhieb. Gleich besorge ich auch noch einen passenden Ersatzschlauch und steige dann nochmal in den Sattel, weil ich meinen Kilometerpflichtsatz noch nicht erfüllt habe. Erst bei St. Michaels Inn, einem Bed & Breakfast mit urgemütlicher Bar an der strategisch günstig gelegenen Kreuzung nahe dem Royal-Airforce-Stützpunkt Leuchar sind es dann 105, und ich steige zufrieden mit mir und dem wechselhaften Tag ab.
8.9. Noch einmal muss ich, auf Dundee zu, auf trotzig hoher Brücke einen windigen Meeresarm überqueren. Aber dann macht die Küstenstraße am Saum der Highlands für den Rest des abwechslungsarmen Tages keine Umstände mehr. Arbroath, Montrose, Stonehaven - und am Ende der 129 Kilometer Aberdeen, total mit grauem Schiefer bedeckt. Aberdeen, Kings Street
An der nördlichen Ausfahrt, in Bridge of Don, kehre ich im Brig Inn Hotel ein.
9.-11.9. Bridge of Don - Cullen - Avoch - Lybster
9.9. Weiterhin einfach, aber ansehnlich öffnet sich die Küste nördlich von Aberdeen. Keine wilde Inselwelt, keine zerklüftete Fjordlandschaft. Die Linie zwischen Land und Meer ist - im Moment, bei Flut - klar gezogen. unterbrochen von ein paar Fischerdörfern und dem angeblichen alten Piratennest Peterhead. Die äußerste Spitze der breiten Landzunge mit Fraserburgh im Nordosten und den Grampian Mountains im Rachen schneide ich ab. Jetzt geht es wieder Richtung Westen, das heißt gegen den Wind, tief hinein in den Moray Firth. Die Nordsee verhält sich heute ganz ruhig.
Moray Firth
Über ihr hängt zwischen polierten Felsklippen das braungelbe Wiesenland wie das Oberdeck eines Kreuzfahrtschiffes. Am Ortsausgang von Banff fasse ich Proviant und zögere den Aufstieg aus der Bay noch ein wenig hinaus. Das "Seafield Arms", zwei Orte weiter in Cullen, macht dem Tag ein Ende. 133 Kilometer sind geschafft, und das Hotel empfängt mich mit seiner gepflegt-behaglichen Atmosphäre. Für 4,80 Pfund telefoniere ich meine Position nach Hause durch und mühe mich dann im noblen dampfigen Bad mit den Gepflogenheiten der Briten ab. Mischwasser zu Duschtemperaturen haben sie nicht. Brühheiß kommt es aus dem einen Hahn, eiskalt aus dem anderen. Keine Kompromisse. Gegenwind oder Rückenwind.
10.9. Am Ortsausgang überspannt eine hohe Steinbrücke die A 98. Reste einer Zusatzschleife, mit der die Bahnlinie Glasgow - Aberdeen einmal einen Küstenstreifen bis nahe Banff miterschlossen hat. Den größten Teil des Tages schiebe ich wieder Unmengen Wind vor mir her, vergeblich versucht er abermals, mich kurz vor Inverness von der Brücke über den Moray Firth zu blasen. Von der Stadt sehe ich so gut wie nichts, geschweige denn von Loch Ness dahinter. Beides lasse ich im Rücken, meine Hauptrichtung ist wieder Nordosten. In Avoch finde ich nochmal ein typisches Bed & Breakfast, in einem der Häuser in der zweiten Reihe zwischen Main Street und Küste. Ein paar Jugendliche vertrödeln sich auf der Straße, sonst ist hier absolut nichts los. Ich geh` früh ins Bed und freu` mich aufs Breakfast. Gerne hätte ich mal etwas anderes zum Frühstück als diese fetttriefenden Wackersteine, als hams oder bacons oder sausages oder eggs. Die Karte hier hat etwas mit rätselhaftem Namen zu bieten. Aber frisch gewagt ist nicht halb verdaut. Das Überraschungsei entpuppt sich als fettgebackene Ölsardinen!
11.9. Zwischen zwei Halbinseln klemmt sich der nächste Schottenfjord. Ich folge der A 832 bis zu ihrem Ende am bescheidenen Fährehafen. Eineinhalb Pfund kostet die kurze Fahrt über den Durchlass zum Cromarty Firth mit der Nigg/Cromarty Ferry der Seaboard Marine. Wie ein Bollwerk gegen Feinde steht eine Ölplattform am Eingang der Meerenge. Noch zwei Meereseinwucherungen muss ich passieren - den Dornoch Firth über eine neue Brücke, den Loch Fleet mittels Umkurven. Dann wird die Küste wieder geradliniger. Nach 133 Kilometern steht ein Hotel in schmuckem Hellgrau am Straßenrand: "The Portland Arms". Ein schlaksiges Mädchen führt mich zum Schuppen, wo ich mein Rad unterstellen kann. Vor dem Dinner mache ich einen Spaziergang ins "Dorf", das aus einer einzigen eineinhalb Kilometer langen, natürlich extrem windigen, Straße bis zum Rand der Steilküste besteht - gesäumt von ein paar trutzigen kleinen Häusern. Nach dem Dinner genehmige ich mir in der Bar neben dem Restaurant als einziger Gast an diesem Freitagabend etwas Konversation mit der jungen Frau hinter der Theke. Sie hat ein auffallendes Muttermal im hübschen Gesicht und schenkt mir aus der wandfüllenden Flaschenbatterie einen Whisky pur ein, wie ich noch keinen getrunken habe. Mild fließt er über die Zunge, als wenn nichts wäre.
12.9. Lybster - Thurso - Inverness
85 Kilometer liegen noch vor mir bis Thurso, zum nördlichsten Bahnhof von Schottland. 50 Kilometer vor dem nordöstlichsten Zipfel kommt mir einer entgegen. Mit voll aufgerüstetem Raddampfer, Gepäckwägelchen hintendran, beflaggt und behängt. In John o`Groates ist er gestartet und hat ganz Britannien bis zum südwestlichsten Zipfel in Cornwall, wo er mit dem Fahrrad hin will, noch vor sich. Dabei seien die ersten 50 Kilometer schon soo übel gewesen. Er gibt mir seine Kamera, damit ich ihn fotografiere, ich gebe ihm meine, damit er mich fotografiert.
Zwei Hochlandrinder
Auch mir blühen, nachdem ich hinter Wick nordwestwärts abgebogen bin, noch einmal 50 schlimme Kilometer mit viel Wind von schräg und vorne. Aber es sind die letzten. 1346 Kilometer habe ich in zehn ganzen und zwei halben Tagen seit Tilburg zurückgelegt. Und jetzt schicke ich mich gleich an, in zwei Nächten und zweieinhalb Tagen in einem Rutsch nach Hause zu fahren. Um 14 Uhr bin ich in Thurso angekommen, um 16 Uhr schiebe ich mein Rad in den Zug nach Inverness. Als ich am Abend dort aussteige, ist die Stadt bereits in ihr Wochenendvergnügen getaucht. Haufenweise torkeln und schwanken, singen und grölen sie über den Bahnhofsvorplatz. Meine Nachtfahrt quer und kreuz durch Schottland startet erst kurz vor Mitternacht, Zeit genug, um die kollektive Trunkenheit der Jugend von Inverness über mich ergehen zu lassen.
13.-14.9. Inverness - Glasgow - Hull - Rotterdam
Die Route dieser Nachtfahrt krieg`ich nicht mehr zusammen. Wir waren mal in Aberdeen, ich glaube auch mal in Edinburgh, sind auf jeden Fall auch mal ein großes Stück auf derselben Strecke zurückgefahren, sind auf jeden Fall auch mal lange Zeit auf einem dunklen Bahnhof stehen geblieben. Mit wir meine ich zunächst einen jungen Typen im Abteil, der sich als Deutscher entpuppt, aber einer von der anmaßenden Sorte, dem ich mich lieber nicht als Landsmann zu erkennen gebe. Er mault rum ("Zustände sind das hier"), stellt Ansprüche und weckt mich irgendwann in der Nacht aus meinem Dösen, um sich dreist meinen Walkman auszuleihen. Mit wir meine ich aber auch zwei coole Schotten, mit denen ich gegen Morgen ins Gespräch komme. Sie arbeiten bei der Railway Company und fahren übers Wochenende mit ihren Freikarten mal eben nach Glasgow auf Sauftour. Da ich in Glasgow durch die halbe Innenstadt von Bahnhof Charing Cross http://www.train-stations.co.uk/index.php?station=CHC zur Central Station wechseln muss, hänge ich mich dankbar bei ihnen ein und lass mir den Weg zeigen. Àm Nachmittag bin ich in Hull, und es reicht gut für die Fähre nach Rotterdam, diesmal allerdings ohne Kabine. Dafür sitze ich zum Abendessen mit einer Gruppe deutscher Studenten zusammen, die in den Highlands irgendwas praktisches studiert haben und von dort einen Mordshunger mitbringen. Sie nehmen mich mit auf ihre Raubzüge zum schon wieder üppigen Bufet. Und da die See diesmal Ruhe gibt, halte ich mich jetzt auch für die schaukelnde Fastenkur auf der Hinfahrt schadlos.
In Rotterdam muss ich durch die immer noch stinkende Morgenluft die über 30 Kilometer vom Europort zum Hauptbahnhof abspulen, dann kann ich mein Fahrrad aufgeben, und am Abend bin ich zu Hause.
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