Zweiundvierzig Grad
"Und die Einsamkeit war so groß, dass er nicht wußte, ob sie in seinen Augen war oder seine Augen in der Einsamkeit." (Horst Bienek - "Der Verurteilte")
Juli 1995 Nordwestdeutschland - Ardennen
Alsfeld ist was zum Herzeigen. Ein Märchen-Marktplatz mit buckligem Fachwerk-Rathaus, hier könnte Zwerg Nase von der bösen Hexe verwünscht worden sein. Vor einem Monat war das Städtchen Auslauf einer hessischen Wandertour ("Im Märchenturm"), jetzt soll es mit dem Fahrrad weitergehen. Ein Bummelzug mit Führerstandsblick bringt mich hin. Im Hotel am Platz, der "Krone", ist diesmal kein Zimmer frei, sie schicken mich ein Stück weiter zum "Klingelhöffer". Da kann ich mir am Abend im TV ein dürftiges Spiel meines FC antun. Als wäre der Auftakt nicht schon verpatzt genug: ein großer Eisbecher für den gemütlichen mittelalterlichen Sommerabend, eine tapsige Handbewegung - schon ist das erste Hemd aus meinen knapp sortierten Beständen übel bekleckert.
9.-10.7. Alsfeld - Grebenstein - Lauenstein
9.7. An diesem Sonntag ist "Hessentag". Das Land feiert sich mit allerlei, in Schwalmstadt mit einer Ausstellung der "Augsburger Puppenbühne", die der Hessische Rundfunk einst für uns fernsehgierige Kinder ausgestrahlt hat. Jim Knopf und das Urmel in Lebensgröße - das lasse ich mir nicht entgehen, zumal kein Abstecher dazu nötig und eine Mittagsrast sowieso fällig ist. Kulturell gestärkt, steche ich zwischen Habichtswald und Kassel weiter gen Norden, bis Grebenstein im nordöstlichen Zipfel des Bundeslandes. In der "Deutschen Eiche" krieg ich zum Zimmer hin gerade noch was zum Essen. Heute feiert Hessen. Die Kellnerin ist als letzte des Gasthofs schon auf dem Absprung und empfiehlt auch mir den Rummelplatz zum Ausklang des Wochenendes.
10.7. Teilweise auf ungemütlichen Feldwegen buckle ich den Reinhardswald entlang hinunter ins Tal der Weser, wo mich als erstes der Kühlturm des AKW Würgassen begrüßt. Im Tal ist es zwar angenehm zu fahren, dafür bricht auf freier Bahn die Tachowelle. In Höxter beschaffe ich Ersatz und bekomme ihn auch ohne fremde Hilfe installiert. Nach getreulichem Studium der Karte schlage ich 20 Kilometer auf das angezeigte Tagespensum drauf, das mich über den Kreuzworträtsel-Ith bis Lauenstein, Gemeinde Salzhemmendorf, direkt dahinter, gebracht hat. Zwei nette Schwestern älteren Datums führen das kleine Fachwerk-Hotel "Lauensteiner Hof". Sie geben mir ein Zimmer und bringen das Abendbrot hinaus in den Vorgarten.
11.-12.7 Lauenstein - Fallingbostel - Walsrode
11.7. Ich komme nicht weit. Drei Kilometer hinter Lauenstein ist beim hinteren Reifen die Luft raus. Nach hunderten von Kilometern plattenfreien Fahrens hat sich die Mutter dermaßen festgefressen, dass ich mit meinem Schraubenschlüssel nichts ausrichte. Die Satteltaschen deponiere ich von der Straße nicht sichtbar im Graben und schiebe das Rad gegen die Fahrtrichtung nach Hemmendorf. Dort gibt es eine Werkstatt mit einem absolut mürrischen niedersächsischen Mechaniker. Ich kann froh sein, dass er mir für ein paar Mark die Schraube lockert und mich vor seinem Haus den Reifen wechseln, ja sogar anschließend die Hände waschen lässt! Immerhin, mein Gepäck ist noch da, und so kann ich mit etwas Verzögerung über Mittag an Hannover vorbeiziehen und ein paar Runden weiter die Lüneburger Heide ansteuern. Sie empfängt mich an der Südflanke mit dem Nato-Truppenübungsplatz, mitten drin ein paar Häuser, Osterholz, zu denen ich vordringe. Über die Betonpisten in der öden Osterheide strample ich weiter, ein ziviles Quartier im Visier. Da kommt mir ein Panzer entgegen, größer, lauter und schneller als in jedem Film. Das Ungetüm wirft mich fast aus dem Sattel, nimmt sich die Vorfahrt und ist schon wieder weg. Im Hotel im parkreichen Fallingbostel ist eine Art Ferienappartement mit Kochgelegenheit unterm Dach frei.
12.7. Das Ziel im Herzen der Heide rückt näher. Bis Soltau und eine Strecke darüber hinaus habe ich noch griffigen Asphalt unter den Reifen, dann biege ich rechts ab in einen Fahrweg. Der wird bald zur Sandpiste, durchgeharkt von Panzerketten. An Fahren ist da nicht zu denken. Das Schieben wird zur üblen Schufterei, bei der mir die Sonne genüsslich zukuckt. Doch irgendwann kommt das Zwischenziel "Forsthaus Einem" in Sicht, und nach kurzer Pause wird die Kehrtwendung, um plus minus zweiundvierzig Grad, vollführt. Von nun an geht es nach Südwesten und das - vorerst - auf normalen Straßen, über Schneverdingen zwischen Moor und Heide zurück nach Walsrode, das keine zehn Kilometer neben Fallingbostel liegt. Um die Ecke halten sie sich einen Vogelpark und huldigen Hermann Löns. Ein auf U.S.A. getrimmtes Lokal hat Pellkartoffeln in allen möglichen Variationen auf der Karte.
13.-14.7 Walsrode - Espelkamp - Drensteinfurt
13.7. Die Feuchtgebiete in Niedersachsen Süd - links der Weser - sind mit Menschen eher dünn, mit Brämsen dafür umso dichter besiedelt. Einmal komm' ich von der Straße ab, verfahre mich wieder einmal in immer verwachsenere und holprigere Feldwege, da fallen die Blutabsauger über mich her. Fahrrad schieben, Brämsen abklatschen, dabei auf der Karte den rechten Weg suchen - da geht die Zeit schnell rum. Unversehens nähere ich mich der Landesgrenze. An der Theke der letzten Kneipe vor Nordrhein-Westfalen tun sie, als ob ich gleich ins feindliche Ausland wechseln würde. So spannend ist es da aber auch nicht. Espelkamp, nach 126 Kilometern erreicht, wirkt wie eine Retortenstadt - weil sie eine ist, wie ich Jahre später erfahre. Viel Grün, aber irgendwie nicht viel Natur. Im "Mittwald" Hotelkasten ist Waschtag angesagt. Den Socken und Unterhosen, die ich am Zimmerfenster in die Abendsonne hänge, kann ich vom Innenhof aus beim Trocknen zusehen, während ich meine erste Bekanntschaft mit gebackenem Camembert mache.
14.7. Der Vormittagshimmel über Westfalen ist milchig und färbt das sonst braungraugrüne Wasser im
Mittellandkanal in mildes Weiß. Dahinter kommt der Teutoburger Wald mit zwei breiten Höhenrücken, zwischen denen ich mich in einem Ort mit Sparkasse, Café und allem vor Blitz, Donner und Wolkenbruch unter handtuchschmalen Arkaden in Sicherheit bringe. Während der Nachmittag trocknet, wird die Piste wieder flach. Trotzdem hätte ich in Sendenhorst für heute am liebsten ausgesorgt. Aber außer einer Unmenge Autoverkehr durch die Ortsmitte fällt hier nichts an und auf. Zwölf Kilometer weiter in Drensteinfurt gibt es schließlich ein altes, etwas verlottertes Gasthaus mit einem spartanischen Zimmer, das meinen Ansprüchen indes nach 119 Kilometern genügen kann.
15.-16.7. Drensteinfurt - Heiligenhaus - Eschweiler
15.7. Jetzt kommt das Ruhrgebiet dran. Da ist nichts mit rußig und rostig. Viel Grünland - wenngleich oft Brache - geleitet mich in den Pott, zwischen Castrop und Rauxel, durch Bochum Mitte. Vorbei am Ruhrstadion und einem großen Menschenauflauf. Aber für Fans des VfL sehen die viel zu adrett aus - ein Bundeskongress der Zeugen Jehovas hat die Fußballarena in Beschlag genommen. Das Zentrum von Grönemeyers 4630 sieht dann aus wie überall und nirgends. Hinab zur Ruhr herself, sie fließt zwischen kurvigen Hängen westwärts, irgendwo muss ich da wieder hinauf. Bevor ich Velbert erreiche, gerate ich in eine Kleingartensiedlung mit lauter Stichstraßen, von denen es kein Entrinnen in der gewünschten Fahrtrichtung gibt. Bedient vom Herumkurven, frage ich einen Mann nach dem nächsten Quartier. Er kennt eines in Heiligenhaus, aber "dat is nich gerade billich, woll!" Jetzt auch egal. Das "Waldhotel Heiligenhaus" http://www.wald-hotel.de/ macht einen fürstlichen Eindruck und gibt mir für 152 Mark sein kleinstes Einzelzimmer. Im Restaurant bestelle ich, noch unschlüssig, erst einmal eine Vorspeise. Der Herr Ober meint wohl, mehr könne ich mir nicht leisten, und legt statt nochmal die Karte gleich die Rechnung auf den Tisch. Jetzt auch egal. Heute Abend ist hier Industriellenhochzeitsgesellschaft. Die Gäste sind im feuchtwarmen Park hinter dem Haus versammelt, während sich im Personalraum neben der Hotelbar eine Combo mit farbiger Sängerin auf deren Unterhaltung einstimmt. Irgendwie rutsche ich vom Barhocker in Richtung Festtafel. Irgendwann tief in der Nacht verrät dort die ebenfalls etwas angeschickerte Mutter des Bräutigams dem vermeintlich angeschwägerten Tischnachbarn, dass sie sich für ihren Jungen eigentlich eine andere Partie vorgestellt hat... Ich kann schweigen.
16.7. Die Reste des Sommerregens, der die Hochzeit aus dem Park vertrieben hatte, hängen über den äußerst golfplatzkompatiblen Hügeln. In Düsseldorf stören lediglich die Straßenbahn und ein paar einzelne Autos die Sonntagsruhe. Da durchzufinden ist einfacher, als auf der anderen Seite aus Neuss wieder hinaus. In einem der rheinischen Nester bewegen sich ein paar Blaskapellen, dekorierte Wagen und bonbonfarben bekleidete Festjungfern durchs Dorf: Schützenfest! Ich schiebe mein Rad möglichst unauffällig in Gegenrichtung zum anderen Ortsausgang. Bis Jülich muss ich noch einen Abraum-Tafelberg umkurven. Ausgangs der Stadt versäume ich es, die vorhandenen beziehungsweise fehlenden Hinweise gebührend zu würdigen. Auf meiner 20 Jahre alten Karte sind zwei Dörfer, Pattern und Erberich, verzeichnet, zu denen ich kein Hinweisschild finde. Dafür sagt eine Tafel an, dass die vor mir liegende Straße nach zwei Kilometern endet. Mit dem Rad werde ich schon weiterkommen, also los geht's!
Zwei Kilometer weiter weiß ich es besser: vor mir, wo einmal die zwei Dörfer gewesen sein könnten, der Abgrund. Der riesige Krater eines Braunkohle-Tagebaus, nichts als Loch, kilometerweit in alle drei Richtungen. Ob ich links oder rechts drum herum will, ich kann es mir aussuchen. Ich nehme die Dampfwolke eines Kraftwerks auf der anderen Seite ins Visier und schiebe mich geduldig über diverse Feldwege voran - links herum schließlich - biege zu guter Letzt um das weiträumig umzäunte Kraftwerksgelände. Eingangs von Eschweiler bemühe ich mich in der "Stadtkrone" erfolgreich um ein Hinterzimmer. Wieder sind 115 Kilometer geschafft. Unter mir klappert das Küchenpersonal. Für ein Verdauungsbier spaziere ich später stadteinwärts. An der Theke im Brauhaus Peltzer lallen zwei Typen. Einer kommt aus Emden, der andere aus Berlin. "West-Berlin oder Ost-Berlin?" will der Ostfriese wissen und eröffnet eine weitschweifende Diskussion. "Und wo kommst du nun her, West-Emden oder Ost-Emden?", frage ich ihn beim Hinausgehen.
17.-19.7. Eschweiler - Werbomont - Membres - Rethel
17.7. Mich führt der Weg weiter nach Südwesten. Im weiten Bogen um Aachen herum zur belgischen Grenze, wo es zwar keine Zollkontrollen mehr gibt, aber eine Wechselstube brauche ich doch. In Vervier tanke ich Geld und Verpflegung. Während ich vor der Bank meine Sachen verstaue, komme ich unversehens in den Genuss einer kleinen voyeuristischen Vorstellung. Ein paar Schritte weiter beugt sich eine junge blonde Frau über einen Kinderwagen. Die weit offene Sommerbluse gibt unendliche Sekunden lang den Blick frei auf einen lekker geformten perlmuttfarbenen runden Kelch. Das Bild prägt sich für immer ein. Es sei mir gegönnt. Schließlich werde ich den Anblick eines in Kieferhöhe sauber abgetrennten Frauenkopfes neben den Eisenbahnschienen gleich neben meiner Wohnung auch nie mehr los.
Mit vollen Augen radle ich weiter, in die Ardennen hinein. An diesem Tag reicht es noch bis Werbomont nahe der Autobahn Lüttich - Bastogne. Nicht nur mit dem Radrennklassiker muss das Motel Montana seine Erfahrungen gemacht haben. Heute lese ich auf der Internetseite www.tvtrip.nl/werbomont-hotels/motel-montana: "Wenn Sie Radfahrer sind, bitten wir Sie, keine Massageprodukte zu..." Also ich war's nicht, ehrlich.
18.7. Ich hab`andere Probleme am nächsten Tag. Schutzblech, Gepäck und Reifen reiben sich. Das schleifende Geräusch hinter mir, hügelauf, hügelab, nervt. Ich kann biegen, ziehen, drücken wie ich will, es lässt sich nicht abstellen. Dabei muss ich mich auf den rechten Weg konzentrieren in einem Gewirr von Landstraßen, das schließlich in Gedinne-Station endet, in einem verlotterten Cafè an einer trübsinnigen Kreuzung mit deutlichen Zerfallserscheinungen. Hier ist kein Bleiben. Wenigstens geht es die restlichen Kilometer bergab in das Tal des Schlangenflusses Semois. In Membre finde ich im familiären kleinen Hotel des Roches ein nettes Zimmerchen mit etwas niedriger Decke.
19.-21.7. Der elfte Tag zerfällt in zwei Teile. Bis zur Grenze, die keine mehr ist, und dann bis Charleville-Mézières verläuft er ganz gemütlich. Ich muss mir den Weg aus der Stadt erklären lassen, eigentlich sollte das kein Problem sein, denn sie liegt in einer Flussschleife der Meuse. Doch dann wird es immer wärmer und immer mühsamer. Die 1000 Kilometer sind längst geschafft, so geht es wieder einmal ganz schnell: Bei Tageskilometer 86 in Rethel wartet schon der Bahnhof, und ehe der Nachmittag rum ist, sitze ich im Zug nach Reims. Dort verbringe ich noch einen sehr heißen Tag und zwei sehr warme Nächte. Mein nicht klimatisiertes Zimmer liegt direkt über der Dunstabzugshaube der Hotelküche. Außerdem ist mir nichts besseres eingefallen, als im Restaurant rohen Tartar zu bestellen, der mir in Folge den letzten Rest Schlaf raubt. In der prachtvollen Kathedrale bewundere ich vor allem die temperaturregelnden Eigenschaften des halbdunklen Gewölbes. Als ich in die Sonne zurücktrete, ruft jemand meinen Namen hinter mir her. Frankreich ist klein, es ist unser ehemaliger Bauamtsleiter. Die Frau, mit der er die historischen Kriegsschauplätze in den Ardennen betourt, ist zwar nicht diejenige, die ich zuhause als seine Ehefrau kenne. Ich lasse mich aber gerne zu einem Glas Eaux Mineral einladen.
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