Ein Fuß vor dem anderen
"If the spirit doesn't move you what's the use in making plans?" (Gerry Rafferty - "Good Intentions")

Im Märchenturm
Juni 1995 Hessen
5.6. Rodgau: Ein unverschämt heiterer Pfingstmontagmittag. Ich steige in Klein-Umstadt aus dem Bummelzug und schlage mich nordwärts über die Spazierwege Richtung Großgemeinde Rodgau. Warum sich die lokalen Rockmatadoren Monotones nennen, leuchtet ein. Für die Wirtin des Gasthofs ist der fremde Wanderer, der da plötzlich auftaucht, zumindest kurzzeitig eine interessante Abwechslung.
6.6. Erlensee: Bis zum Main zwischen Klein- und Großauheim durchstreife ich viel deutsche Gemüsegartenbaulandschaft, immer mit AKW-Kühltürmen als Hintergrundkulisse. Auf der anderen Seite, dicht neben Hanau, muss ich zwischen Stellwerken und Lagerhäusern die Fernlinien der Bahn überqueren. Da sehe ich mal, wie schnell ein ICE ist. Zur Naherholung lädt mich am Rande des Naturschutzgebietes Staatsforst Wolfgang wieder gezähmtes Grünland rund ums Hanauer Kreuz ein - bis Erlensee. Das runde Turmhotel dort nennt sich Brüder Grimm und wird mich später in speziellen Träumen wieder aufsuchen. Wie war das damals? Die Gänge in jedem Stockwerk wie Ringe um fensterlose Zimmer gelegt? Oder war der Turm innen hohl, und die Zimmer lagen nach außen?
Auf jeden Fall war es irgendwie anders als jedes andere Hotel. Ich müsste nochmal hin.
(Nachtrag 2012: Zu spät. Das Hotel Erlensee im Turm gibt es nicht mehr)
7.6. Selters: Dicht an Erlensee hängt Langendiebach. Dort laufe ich einem Friseursalon über den Weg, aber die wollen mich nicht rannehmen. Also geht`s weiter, den nächsten Hügel hinan, von Dorf zu Dorf. Eine Schulbushaltestelle bietet sich an. Von hier komme ich ein paar Stationen weiter, bis zum Nachmittag ein gutes Stück. Außerhalb von Selters, Gemeinde Ortenberg, erspähe ich das Hotel Rotlipp, das allerdings noch Pause macht. Aber ich kann schon mal meinen Rucksack deponieren, laufe zurück ins Dorf und kriege dort sogar noch einen Friseurtermin.
8.6. Alsfeld: Ein Wandertag mit Lauflücken führt mich über den Vogelsberg. Teile fahre ich mit dem Bus (zwischen Nidda und Schotter), Teile muss ich durch Täler des Vergessens gelaufen sein. Dann bin ich wieder wach, unter mir liegt das nächste Dorf im Tal eines Flüsschens. Querfeldein laufe ich den direkten Weg hinunter, lasse mich auch durch Weidezäune nicht aufhalten. Aus dem Fenster eines der ersten Häuser spricht mich eine Frau an. Sie hat mich kommen sehen. Ob ich den jungen Stier auf der Weide nicht bemerkt habe? Doch, schon. Das sei aber ganz schön gefährlich, dem so einfach über den Weg zu laufen. Im Feldatal finde ich keine Anzeichen für einen öffentlichen Nahverkehr. Obwohl es mir reicht für heute, muss ich noch quer rüber laufen zur B 49. In der Pizzeria in Ermenrod bedauert man: Zimmer gibt`s schon lange nicht mehr. Aber ein Taxi können sie mir rufen. Es bringt mich nach Alsfeld. Hier ist vorläufig Endstation. Weiter geht's im Juli mit dem Rad (Zweiundvierzig Grad).
Doktor Sterba
April 2003 Fläming 
14.4. Belzig: Die Straßenmeisterei hat ihr Tagwerk längst begonnen, als ich den Burghof verlasse und den Weg über den hohen Fläming einschlage. Bis Wiesenburg führt die Straße. Schon spekuliere ich wieder auf einen Bus, da hält plötzlich ein junger Kerl mit einem klapprigen Kastenwagen und lädt mich auf, einfach so. Zwei Kilometer bis zum Bahnhof außerhalb des Städtchens lasse ich mich gerne chauffieren, dann erwische ich auch noch einen Bus bis zur nächsten Ansammlung von Häusern, Medewitz. Von dort laufe ich die paar Kilometer quer durch den Wald nach Nedlitz. Das liegt an einer anderen Busroute, was mich mit ein bisschen Warten noch `n Stück weiter bringt, nach Loburg. Dort gibt es eine Pension, schräg gegenüber der Endstation einer Nebenlinie von und nach Magdeburg - und einen türkischen Imbiss. Der Tag ist halbwegs gerettet.
15.4. Von Loburg trete ich die Heimreise an, nicht ohne mir die Pension als Ausgangspunkt für die nächste Radtour zu merken.
Zwei Richtungen
Juli 2005 Schwarzwald
3.7. Balingen: Der Bahnhofsvorplatz von Balingen macht auf harmlos. Es ist ja auch Sonntagmorgen. Ich wechsle über die Gleise und stiefle durch Wohnstraßen bergauf. Kein Blick zurück - es wäre der Blick zum Binsenbol, in eine aussichtslose Zukunft, gewesen. Nach etwa zwölf Kilometern durch Wald und Wiesen kommt Rosenfeld, und schon hab ich keine Lust mehr. In einer Stunde soll ein Bus nach Oberndorf fahren. Er wird von einer leutseligen Frau in Begleitung ihres ausgewachsenen behinderten Sohnes gesteuert. Nach der Marscherleichterung reichen die Kräfte noch locker, um aus dem Neckartal hinauf zum Hotel "Zum Wasserfall" zu steigen. Gemütlich sitzt es sich zum Abendessen draußen, mit dem rauschenden Bach als Tafelmusik. Dass mich ein junges Elternpaar am Nebentisch als Kinderschreck missbraucht ("wenn du nicht aufhörst, so rumzurennen, schimpft der Mann"), hätte ich mir allerdings verbitten sollen. Wie so oft, fällt mir das viel später viel zu spät ein.
4.7. Oberndorf: Weder ahne ich beim Verlassen der Stadt, an was für einer Waffenschmiede ich da vorbeilaufe, noch kann ich wissen, dass zwei Jahre später all meine Gedanken hierhin wandern werden - nichts sieht in dieser Gegend nach Unglück aus. Etwas seltsames passiert mir allerdings wenige Kilometer weiter im Eschachtal zwischen Fluorn und Winzeln, den beiden mit einem Bindestrich verknüpften Orten: Meine Orientierungssinn dreht sich um. War er bisher auf Ost-West ausgerichtet, so kommt es mir zeitweise vor, als ob ich in die entgegengesetzte Richtung laufe. Beim Abstieg ins Kinzigtal stimmt die Peilung wieder. Dafür droht mir jetzt ein gewaltiges Gewitter. Im schwarzen Wald unter den schwarzen Wolken finde ich keinen anderen Unterstand, als ausgerechnet eine große Umspannstation. Aber ich bin mir ohnehin nicht sicher, ob das jetzt gefährlich ist. Schließlich stapfe ich durch den triefenden Wald hinunter nach Schenkenzell. Das Angebot der Bahn, mich weiter zu befördern, schlage ich nicht aus. So komme ich um den großen Kinzigbogen herum, bis 20 Kilometer vor Offenburg.

Biberach: Vom Fenster des Dachzimmers im Gasthaus Kreuz geht der Blick westwärts zur Ruine Hohengeroldseck am Firmament zwischen Regenschleiern und Gegenlicht. Ein unwirklich scheinendes Ziel, zu dem ich am nächsten Morgen aufbrechen muss.
5.7. Lahr: Umso profaner wird das bergan Trappeln dann auf asphaltierten Verbindungssträßchen, Seitenarmen der B 415 über den letzten Bergkamm vor dem Rheintal. Die erste Bushaltestelle im Lahrer Vorort Reichenbach kommt gerade recht.
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