Umsteiger
HAUTES PYRÉNÉES"it's very easy to find yourself adrift from everyone you know"
(Sarah Hughes/The Guardian)
FRIMÆRKER
November 2011 Dänemark
Die Fahrplanauskunft bei bahn.de und auch der Computer am analogen Bahnschalter kennen für die Route nach Velje an der jütländischen Ostseeküste nur den Weg über Husum und Toender, also nordseeseits. Komisch. Als ich vor 17 Jahren aus Aarhus zurückfuhr, ging's auf der anderen Seite, über Flensburg. Das direkte Rückfahrticket nach Dänemark kostet nebenbei fast genausoviel wie fünf Tage Interrail. Und ich kann zwischen Frankfurt und Hamburg wahlweise über Kassel oder Köln fahren. Letzteres behalte ich mal im Auge, ich kann auf dem Rückweg den Besuch eines Bundesligaspiels "meines" FC (Stadien) einplanen.
15.-17.11 Uelzen - Kolding - Give
In Hamburg möchte ich nicht übernachten, also steige ich vorher in Uelzen aus. Das Wartehäuschen auf dem Bahnsteig erscheint mir etwas sonderbar, der Eindruck verstärkt sich in der Unterführung. Ich denke bei dem Dekor von dickgefugten Mauersteinen an ein Diskotheken-Design aus den 70er Jahren. Aber jetzt interessieren die Weiterfahrt am nächsten Morgen und vorher die Suche nach Unterkunft und Verpflegung. Das Bett steht im Frühstückshotel "Am Stern" in entgegengesetzter Richtung zum Zentrum. Im Dönerladen zwischen Stadtmitte und Bahnhof verbreitet ein Fernseher Aufregung mit den neuesten Nachrichten über die Neonazi-Morde.
Das Straßenschild auf dem Platz vor dem Bahnhof macht mich auf die Peinlichkeit aufmerksam: Dies hier ist der von Friedensreich Hundertwasser gestaltete Bahnhof, von wegen 70er Grotten-Disco. Höchst fatal, doch nur für mich: Vor ein paar Wochen hab' ich beim Basteln eines Kreuzworträtsels (www.raetselstudio.de) für die Lösung des Kfz-Kennzeichens von Uelzen die Frage mit ebendiesem Hundertwasserbahnhof verknüpft...
Über Hamburg bis vor die dänische Grenze zu kommen, ist dann allerdings keine Kunst. Ich darf nur in Niebüll nicht den Absprung vom IC verpassen, in dem alle anderen nach Westerland fahren. Mit aufgekratzter Freundlichkeit begrüßt mich der nordfriesische Zugbegleiter zur Fahrt durch einen sonnendurchfluteten Windräderwald. Wieder kurz vor der Endstation muss ich aus- und umsteigen, dann geht es von Bramming doch noch hinüber zur Ostseeseite, um in Fredericia gleich im Zickzackverfahren wieder seelandeinwärts umzubiegen. Bis Kolding. Hier stehe ich gegenüber dem Bahnhof vor zwei Hotelkästen, die beide nicht gerade billig aussehen. Und habe, euroverwöhnt, überhaupt keinen Plan, wie die dänische Krone umzurechnen sei. Im älteren Hotel frage ich mal, schrecke aber vor einer nur halb verstandenen Auskunft über den Zimmerpreis zurück: etwas um die 800 Kronen ungrad. Also hinüber zum First Hotel Kolding, das heißt, in die Traufe. Denn das Zimmer schlägt letztendlich alles in allem mit 925 Kronen zu Buche, das sind dann laut Kreditkartenabrechnung knapp 125 Euro. Den neuen persönlichen Zimmerpreisrekord schlucke ich genauso hinunter wie das mexikanische Essen im nächstgelegenen Restaurant.
Mit einem bescheidenen Fahrschein gelange ich von der Endstation meines Fernreisetickets zum Zielpunkt Give, nicht weit weg von Legoland, was man der Häusersammlung aber nicht ansieht. Ich decke mich bei Henriksens mit einer Handvoll Ansichtskarten und den dazugehörenden Frimærkeren ein und warte auf den nächsten Zug zurück.
18.-20.11. Schleswig - Ahlen - Köln
In Kolding geht die Suche wieder los. Ich brauche einen Briefkasten für die Kartengrüße und im Bahnhofsshop ein paar Süßigkeiten, um den verbliebenen Kronenmünzenbestand nutzbringend loszuwerden.
Dass die Reiseroute nun problemlos über Padborg/Flensburg führt, wundert mich nicht. SCHLESWIG
In Schleswig steige ich aus. Da es im Bereich des außerhalb gelegenen Bahnhofs keine Informationen über Unterkünfte gibt, versuche ich es mit instinktiver Vorgehensweise. Später stellt sich heraus, dass mich dies einen ziemlich großen Bogen laufen ließ, bis zum Hotel Gottorfer Hof im Ortsteil Friedrichsberg gegenüber dem Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgericht.
Bis Ahlen in Westfalen fahre ich am Freitag, wieder eine dieser konturenlosen Städte, die offensichtlich nicht dafür gedacht sind, einfach auszusteigen, zu übernachten und am nächsten Tag weiterzufahren. Nach einigem Umherirren vertraue ich mich in einer Querstraße zur Standardfußgängerzone drei klapprigen Damen an, die auch nicht mehr wissen als das Hotel zum Wersehof. Die Preise liegen so tief (Frühstück 2,50 Euro) wie die schräge Zimmerdecke unterm Dach, in die TV-Diskussionen über die NSU-Untaten mischen sich Ausflüchte und Selbstdarstellungen.
In Köln sichere ich mir als Erstes ein Ticket für das Spiel FC gegen Mainz 05. Die beim letzten Mal aufgespürte Pension im türkisch gefärbten Eigelstein hat diesmal nichts frei, aber zwei Ecken weiter kann ich im Hotel Ziegenhagen ein etwas großspurig eingerichtetes Zimmer bekommen. Auch ein wenig großspurig verabschiedet mich die Wirtin am Samstag zu einem halben Tag Köln zu Fuß und dann zum Spiel. Die Beine sind halbwegs schwer geworden, bis ich eine der fanverstopften Straßenbahnen zum Rheinenergie-Stadion entern kann. Es bleibt noch viel Zeit, um die Stimmung auf- und eine Bratwurst zu mir zu nehmen. 40 Minuten vor Anpfiff bewege ich mich Richtung Durchgang zu meinem Block. Doch da wehren drei Ordner ab, tun wichtig und wollen niemanden reinlassen? Ich nähere mich unauffällig in Hörweite und schnappe bald auf, was sich später als Grund herausstellt: Der Schiedsrichter, Selbstmordversuch, Pulsadern... Bis die offizielle Lautsprecherdurchsage den Spielabbruch mit einer allgemein formulierten Begründung verkündet, hat es sich längst durchgeflüstert, was passiert ist (www.youtube.com/watch?v=v61kDQhx4z0). Es gelingt mir wenigstens noch, an den irgendwie abgelenkten Ordnern vorbei in das Stadionrund zu gelangen und kurz die gespenstig wirkende Atmosphäre reinzuziehen. Erstaunlich, wie ruhig die Rückfahrt verläuft, abgesehen von ein paar wenigen geschmacklosen Kommentaren äußern die Fans in der Einser überwiegend Verständnis für die Absage. Madame Ziegenhagen weiss auch längst Bescheid und bedauert mich ein wenig gönnerhaft. Die Karte bleibt für das Nachholspiel gültig, die bin ich dann über Ebay noch losgeworden.
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