Entre dos profundos
September 1996 Atlantik - Mittelmeer (Spanien)

Das Vorausschicken der Fahrräder ist von Deutschland aus nur noch mit erheblichen Komplikationen möglich, bald gar nicht mehr. Man empfiehlt uns den Schweizer Grenzbahnhof in Koblenz, wo wir die Räder problemlos nach Bayonne versenden können. Am 21. September wollen wir ihnen nachreisen. Doch schon der Start droht zu scheitern: Der Zug nach Basel ist ersatzlos gestrichen. Kurz entschlossen fahren wir mit dem Auto dorthin und parken es in einer Wohnstraße im Quartier hinter dem Badischen Bahnhof. Ob das gut geht? Auf jeden Fall kommen wir am Abend rechtzeitig am Atlantik an, können sogar noch unsere Fahrräder in Empfang nehmen und bei einem gemütlichen französischen Abendessen durchschnaufen.
22.9. Bayonne - Deba
Los geht`s, auf der Brücke über den Adour hinüber nach Biarritz und dann der Küste entlang Richtung spanische Grenze. Die Strecke von San Sebastian bis Santander bin ich 1993 mit dem Bus gefahren und weiß, dass sie brutal bucklig ist. Das wollen wir uns ersparen. Von einem Fährehafen gleich hinter der Grenze, wie er auf meiner veralteten Straßenkarte eingezeichnet ist, findet sich keine Spur. Dafür machen wir die Estacion der Privatbahn in San Sebastian ausfindig, die uns mit musikalischer Untermalung in den Abteils bis nach - ja, wohin? - bringt. An einem ziemlich verlassen wirkenden kleinen Bahnhof werden alle hinauskomplimentiert, die anderen steigen in einen Bus, da ist für uns mit den Fahrrädern kein Platz. Also lernen wir doch noch einen Abschnitt der hügligen Küstenstraße kennen. Es ist später Sonntagnachmittag. Ein kleines Stück begleitet uns wummernde Discomusik aus einer einzelstehenden Bar. Dann rollen wir hinunter zur Bucht von Deba. Der unansehnliche aber nicht zu übersehende Hotelklotz Miramar hat das passende Zimmer, das Restaurant Alvarez die uns genehme Speisekarte. Am Sonntagabend regiert in Spanien der Fußball und dröhnt aus allen TV-Geräten. Während wir an der Bar warten, fällt mir dahinter eine Schublade voll mit Zuckertütchen auf. Warum sie offensteht und wozu das gut ist, wird klar, als die baskische Erstligamannschaft eine "Hundertprozentige" versiebt: Mit beiden Fäusten klopft der echauffierte Wirt auf das Zuckerpolster, das seine frustigen Stöße geduldig abfedert. Auch der Kellner im Restaurant steht unter Fußball-Hypnose. Es gelingt ihm, uns verschüttfrei alles aufzutischen, ohne nur einen Moment den Blick vom Fernseher über und hinter ihm unter der Decke zu nehmen.
23.9. Deba - Solares
Die Trinkschokolade ist so dick, "dass der Löffel beinahe darin stehen bleibt" (Heyne TB 4081 "Geliebtes Frühstück"), und ich bin so ignorant, dass ich ein typisches spanisches Frühstück für eine verunglückte Lieferung aus der Hotelküche halte. Als Stärkung wäre es an diesem Tag ohnehin nicht nötig gewesen. Wir fahren zuerst mit der Eusko Trenbideak nach Bilbao, lassen uns dort den Weg zum anderen
BILBAO Areatzako Zubia
Bahnhof (estación de La Concordia) erklären, von wo der Zug weiter nach Santander http://www.feve.es aber erst am späten Nachmittag abfährt. So ist es bereits dunkel, als wir in Solares, etwa 40 Kilometer vor der Küstenstadt, aussteigen, und wir irren noch etwas umher, bevor wir das Hotel Don Pablo finden. Dadurch können wir uns gleich an die späten Mahl-Zeiten in Spanien gewöhnen.
24.9. Solares - Fombellida
In einer Panaderia besorgen wir das nötige Kraftfutter, ehe wir das Kantabrische Gebirge erklimmen. Irgendwo da oben bei Reinosa entspringt der Ebro, der uns schon mal vorausfließt zum Mittelmeer. Wir halten uns zunächst südwärts, lassen die Schneekette der Picos de Europa rechts hinter uns. An diesem Tag endet auch für mich mit einiger Verspätung das mechanische Zeitalter, soweit es den Tachometer betrifft. Beim Stand von 6991,8 Kilometern bricht die Welle. Das ist mir schon einmal passiert, im Jahr davor im Tal der Weser (Zweiundvierzig Grad). Diesmal aber werde ich am nächsten Tag einen Digi-Tacho kaufen und, um den Paradigmenwechsel auf die Spitze zu treiben, gleich noch meinen ersten Fahrradhelm dazu. Vorher machen wir im Hostal Fombellida, wenige Kilometer vor dem Puerto Pozazal (987m), Halt. 
25.9. Fombellida - Saldana
Auf der Plaza España in Aguilar de Campoo montiert Daniel mir den neuen Tacho. Es war in Cervera de Pisuerga (oder war es in Guardo?), wo wir zum ersten Mal auf den Geschmack des fortan bevorzugten Durstlöschers gekommen sind: Nes-Tè! Auf jeden Fall mussten wir bis hierher gegen den altkastilischen Wind kämpfen, ich zusätzlich mit dem ungewohnten, dauernd hin und her, vor und zurück rutschenden Helm. Aber als wir in Richtung Süden schwenken, läuft es plötzlich wie geschmiert. Bis Saldana, wo wir im Hostal Salse nächtigen, kommen so doch noch 113 Kilometer zusammen, für mich die ersten 88 auf dem neuen Tacho.
26.9. Saldana - Castrillo del Val
Hier schlagen wir den großen Haken, Steuer nach Ost-Südost. Das Kastilische Hochland hat bis Burgos nicht viel zu bieten, verschont uns dafür auch mit topographischen Herausforderungen. Nach Burgos finden wir uns auf der Jakobsspur wieder. Das Hotel Camino de Santiago in Castrillo del Val bedient den Pilger, der auf Komfort nicht ganz verzichten möchte. Uns kommt es gerade recht, bevor wir den Jakobsweg in Gegenrichtung gleich wieder verlassen werden, um den Kampf mit der Sierra de la Demanda aufzunehmen.
27.9. Castrillo del Val - Viniegra de Abajo
EMBALSE DE MANSILLA
Es muss ein trockener Sommer gewesen sein in den Bergen von Kastilien. Der Wasserspiegel im Stausee von Mansilla ist auf die Hälfte abgesunken, hat hässliche Uferränder und selbst im Tageslicht gespenstisch wirkende Ruinen freigelegt. Abgesunken ist auch mein Leistungslimit. Schon auf der ersten ordentlichen Passhöhe, dem Collado el Manquillo (1416m) hatte Daniel über 20 Minuten warten müssen, bis ich herangekeucht komme. Trotzdem machen wir am nächsten Hotel, dem Venta de Goyo, nicht Halt. Der Ehrgeiz reicht noch bis Viniegra de Abajo, um die 100-Kilometer-Tagesration zu schaffen. In Unterviniegra wird allerdings die Quartiersuche etwas schwierig. Wir machen schließlich ein Wandererheim am Ortsrand ausfindig und besorgen den Schlüssel.
Die Bude haben wir mangels Wanderer für uns und tauchen am Abend in der einzigen Bar des Ortes ab, wo das ganze Dorf versammelt scheint. Von uns nimmt niemand groß Notiz.
28.9. Viniegra - Almarza
Dass acht Kilometer weiter in Oberviniegra ein kleines Hotel gewartet hätte, lässt sich verschmerzen. Wir sind auch so mit Pan und Chorizo aus dem Kramladen satt geworden. Daniel hat sogar so viel Energie getankt, dass er sich beim Aufstieg zum Puerto de Piqueras (1710m) auf der N 111 zwei spanischen Rennradlern an die Fersen heftet und sie trotz Gepäck bis zur Passhöhe abhängt. Derweil habe ich noch mehr Mühe in der schon von goldenem Herbstlaub gesäumten warmen Bergluft. Bilanz dieses Tages: Für 79 Kilometer habe ich 59 Minuten länger gebraucht als mein Sohn. Wenn er sich trotzdem in Almarza am südlichen Ausläufer der Sierra zum Absteigen bewegen lässt, verdanke ich es nur dem Umstand, dass auf unserer Route so schnell keine weitere Unterkunft auszumachen ist. Der Barkeeper im Hotel El Valle fischt einen Pacharàn heraus, als ich den baskischen Anislikör in den höchsten Tönen lobe. Auf der Rechnung am nächsten Morgen erscheine ich als "Wolfgang Otto Deutsch".
29.9. Almarza - Luceni
Quer über Land umfahren wir weiträumig Sorìa und stoßen bei Matalebreras auf die N 122. Ein kurzer Halt für das Gasthaus, in dem ich elf Jahre zuvor abgestiegen bin, reicht aus. Hier hat sich kaum etwas verändert, umso mehr bei der Nationalstraße. Hinunter ins Tal des Ebro haben sie die Trasse radikal begradigt. Geländeverbrauch spielt hier keine Rolle. Wir rollen jetzt wie auf einer Rampe zu Tal, während die abgehängte alte Straße um die Hänge schleicht, von Agreda (921m) nach Tarazona (480m), da gibt es wieder einen Ice-Tea. Flott geht es die nächsten 50 Kilometer voran bis zur Autobahn. Parallel dazu verläuft die N 232, übervölkert von Lastwagen, die hier gratis gen Südosten brettern. Die A 68 nebenan bleibt leer - die Maut spart sich, wer kann. Daniel hat der Ehrgeiz gepackt: Er ist auf meinen Tagesrekord von 1985 scharf. Fast hätten wir ihn auch
geknackt, da steht dasHotel Imperial ("Ctra. Logrono, Km. 37") im Weg. Ums Absteigen kommt er nach 137 Kilometern nicht drumrum, immerhin ist der Rekord eingestellt.
30.9. Pedrola - Bujaraloz
Wie wir nach Zaragoza reingekommen sind, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Sehr gut bleibt mir dagegen im Gedächtnis, dass wir einige Mühe haben, wieder auf die N 232 hinauszufinden. Mit dem markanten Turm der Kathedrale als Orientierungspunkt und dem Ebro als Grenzmarkierung gelingt es uns schließlich nach etlichen Kilometern Stadt- und Vorstadtverkehr. Als nächster Übernachtungsort hätte sich Fuentes de Ebro angeboten, aber es ist erst halbfünf. Also lasse ich mich breitschlagen, und wir queren über den Rio Ebro auf die N 11. Für den Rest der Tour habe ich nur eine alte Michelin-Karte, die zeigt auf den nächsten 50 Kilometern nichts als ein "Hotel o Restaurante aislado" an. Der Kasten ist dann allerdings nicht nur isoliert, sondern auch verlassen - und es ist dunkel geworden! Wir formieren uns zum Notgespann - Daniel mit nicht funktionierender Vorderleuchte hinter mir - und fahren konzentriert zügig weiter. Zum Glück haben die Nationalstraßen in Spanien etwa ein Meter breite Seitenstreifen, die durch einen dicken weißen Strich von der Fahrspur getrennt sind. Die trügerische Sicherheit hält, aber beim einen oder anderen camiòn im Nacken spürt man schon die Unsicherheit des Fahrers, wenn plötzlich so ein unbekanntes Doppelobjekt aus der Finsternis auftaucht. Wir sind jedenfalls happy, dass die Fernfahrerstation bei Bujaraloz vor uns keine Fata Morgana ist, sondern vom Tankstellenshop bis zur Telefonzelle, vom Doppelzimmer bis zum Restaurant (in dem jetzt alles schmeckt) nach 126 Kilometern keine Bedürfnisse unabgedeckt lässt.
1.10. Bujaraloz - Vinebre
In neuer Frische starten wir und fahren auf der eintönigen Nationalstraße Richtung Lerida - 72 Kilometer bis Fraga. Eintönig ist allerdings nur die Straße. Die Gegend hat sich in eine bizarre Mondlandschaft verwandelt, mit unterhaltsamen Farben und Formen. Meine veraltete Karte ist auch für angenehme Überraschungen gut. Statt der vorgezeichneten umwegreichen Route geraten wir unversehens auf eine traumhafte Abfahrt. Die neue Straße führt kilometerlang, mit genau dem richtigen leichten Gefälle, in sanften Windungen zurück ins Tal des Ebro, der seit langem schon nur noch in Schlangenlinien fließt. Im größeren Ascò finden wir keine Unterkunft, dafür in Vinebre auf der anderen Flußseite das Hostal Sant Miquel. Dort entdecken wir in einem Schreibwarengeschäftchen auf der Suche nach Ansichtskarten kuriose Fotokitschkarten aus den 70ern, die eine verhuzzelte alte Frau zwischen Computerspielen und Lotteriescheinen hervorkramt. Lauter Liebespaare mit Schlaghose und Minirock. Die sind so "hübsch-hässlich" (Heinz Rühmann -"Er kann`s nicht lassen"), dass wir am nächsten Morgen nochmal hingehen und die Restbestände aufkaufen.
2.10. Vinebre - Tarragona
Am letzten Tag müssen wir nochmal über einen mittelhohen Gebirgsrücken. Dabei lerne ich noch einen Spanier von der fiesen Sorte kennen: Das Überholen muss ihn so genervt haben, dass er gerade auf gleicher Höhe mit mir voll auf die Hupe drückt und mich fast aus dem Sattel holt. Aber dann, über den höchsten Punkt (546m) hinaus, kommt ein blassblauer Streifen Mittelmeer in Sicht. Die restlichen 40 Kilometer bis zur Küstenstraße und dann bis Tarragona sollten ein Zuckerschlecken sein. Aber bei Daniels Fahrrad geht ein Teil entzwei - was das Weiterfahren für ein Gemurkse war, merke ich erst, als wir später auf dem Heimweg in Basel mal die Räder tauschen. Jetzt folgen wir in Tarragona noch kurz meiner Illusion, wir könnten von hier aus eine schöne Fähre Richtung Frankreich oder gar Italien finden. Sowas braucht außer uns heutzutage aber niemand mehr, also verfrachten wir uns und die Räder in einen Zug nach Barcelona. Als wir dort spätabends vom Restaurant zum Hotel zurücklaufen, schauen wir kurzentschlossen nochmal beim Bahnhof rein, wegen der Weiterfahrt am nächsten Morgen. Da eröffnet sich an einem Infoschalter eine äußerst verlockende Möglichkeit. Es gibt einen komfortablen Nachtzug direkt nach Zürich, mit Sonderangebot: ein Abteil für vier Personen zum Preis für zwei Personen. Die zwei anderen Plätze im Talgo könnten wir mit unseren Fahrrädern belegen, meint der Senor. Inzwischen ist es aber nach Mitternacht, und als er in der Zentrale in Madrid anruft, niemand mehr zu erreichen.
3.-4.10. Wir stehen extra früher auf und eilen zum Bahnhof, aber jetzt ist der Traumzug ausgebucht! Etwas enttäuscht lösen wir zwei Tickets zur Grenze, um dort weiter zu sehen. In Cerbère verkauft man uns die nächsten Billets avec Velo. Also wuchten wir die Räder beim hintersten Einstieg in den Zug. Der Schaffner will protestieren, ich verweise radebrechend auf die Zusage des Mannes hinterm Fahrkartenschalter, und bevor es für ihn zu kompliziert wird, bleiben wir halt drin. In Valence übernachten wir und beschließen, uns für den Rest der Heimreise von den Rädern zu trennen. Ein eifriger junger Mensch am Gare kriegt fast die Krise wegen des Transportauftrags, dabei hat er ihn weit besser als erwartet erledigt: Als wir auf dem Gare SNCF in Basel am Zug entlanglaufen, werfe ich aus Gewohnheit einen Blick in den Gepäckwagen: Da stehen unsere Räder, sind die ganze Zeit mitgefahren, ohne etwas zu sagen! Wir hieven sie schnell raus und radeln über den Rhein. Hinter dem Badischen Bahnhof hat mein Auto geduldig gewartet, sich nicht mal einen Strafzettel zuschulden kommen lassen. Mit ihrem verträumten "Under the Bridge" geleiten uns die Red Hot Chili Peppers nach Hause.
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