Breakfast in England

 

Juni 1999   Newhaven - Lake District - Hull


5.-6.6. Paris - Dieppe - Newhaven

Anreise zum Tourstart mit Rädern und Gepäck im Schlepptau - anders geht es mittlerweile nicht mehr. Dank Internet können wir uns ein Hotelzimmer in Paris sichern, denn der passende Zug wird erst kurz vor Mitternacht am Gare de l'Est eintreffen. Aber ab dem nächsten Tag wird nur noch improvisiert, wie gewohnt. Gleich in Dieppe, da erfahren wir, dass die Mittagsfähre keinen Platz mehr frei hat. Für den Abend können wir uns nur einer Warteliste anvertrauen. Somit steht ein halber Tag bereit zum Verbummeln in der sonntäglichen Hafenstadt. Wir essen gemütlich, schieben über den ausgedehnten Straßenmarkt (es ist netterweise gerade Volksfest), amüsieren uns über die Brecher, die an der Hafenmole den einen oder anderen Passanten nass machen. Aber: Warte nur!, schäumt die See.                  Wir haben Glück, es sind Plätze frei geblieben auf der Schnellfähre. Das schnittige Boot muss sich durch hohen Wellengang pflügen, was einigen Passagieren gar nicht gut bekommt. Die Crew, mit Eimern und Putzlappen ausgerüstet, hat viel zu tun. Trotzdem lassen sich die Engländer nicht von der Versorgung mit diversen Genussmitteln im Duty Free Shop abhalten. Ich auch nicht. Ich stelle mich in die Schlange, stütze mich mit dem rechten Arm an der schwankenden Bordwand ab. Direkt vor mir die Tür zum Herrenklo. Da nähert sich ein junger Mann, furchtbar grün im Gesicht, aber durch und durch british: "You are not queueing for the toilet, are you?!", bringt er noch höflichst heraus, bevor er sich hineinstürzt. Nicht übel.                Auch nicht  übel ist  das Hotel, in dem wir uns am Abend einquartieren. Und da uns beiden auf der stürmischen Überfahrt auch nicht übel geworden ist, genießen wir im Restaurant des "Premier Inn" das erste english dinner und am anderen Morgen das erste üppige breakfast. Aber dann kann's los gehen. Tachostand bei Daniel: 0001, bei mir: 3002.

7.6. Newhaven - Goudhurst

Bis hinter Hastings mit seinem Strandboulevard zwischen Glanz und Elend fahren wir in Reichweite der Küste ostwärts. Links hat Vorfahrt, daran gewöhnen wir uns schnell. Später im Landesinnern wird es kaum mehr eine Rolle spielen - alles, was im entferntesten an eine Kreuzung erinnert, wird in England zum Kreisverkehr gemacht, und sei es mit ein paar einfachen Pinselstrichen auf dem Asphalt.  Kurz nach der Battle-of-Stadt biegen wir ab in die Grafschaft Kent. Die Bilderbuchlandschaft übt sich in Bescheidenheit. Orientierung ist hier gefragt, denn alle Nase lang müssen wir uns im engmaschigen Netz der Landstraßen entscheiden: nach links oder nach  rechts oder doch geradeaus? Hohe grüne Hecken verstecken Häuser, Abbiegungen und Hohlgassen.  Auch "The Vine Hotel" in Goudhurst scheint sich ans Gebot des Understatement zu halten und bietet hinter seinen weißgetünchten alten Mauern angenehme Gastlichkeit.

8.6. Goudhurst - Forest Gate (Greater London)

Der Moloch London rückt näher.  Die Themse überqueren wir mit der Woolwich Free Ferry, umkurven den kleinen City-Airport und bewegen uns northwestwards. Da haben wir längst bemerkt, dass wir mit meiner Karte, Maßstab 1:200,000, nie wie geplant durchkommen werden, auch wenn's "nur" schräg durch das östliche Drittel  von Greater London gehen soll. Vor Eintritt in die Area hatte ich in Swanley  zwar eine London-Karte im Ringbuch-Format gekauft. Aber auch da sind nicht alle Hindernisse verzeichnet. Zum Beispiel dieser Damm auf den Greenway, über den wir irgendwie müssen, um einen größeren Umweg zu vermeiden. Wir zwängen und hieven unsere Packesel über geländerbewehrte Durchlässe und müssen auch auf der anderen Seite kurz mal vom Tourenfahren auf Querfeldein-Gewichtheben umstellen. Kurz darauf können wir uns immerhin auf die Suche nach einem Zimmer machen.  Auf der Romford Road im Stadtteil Stratford halten wir uns ostwärts und finden uns, als wir es parallel dazu in der Sprowstone Mews versuchen, plötzlich in einer anderen Welt wieder. Alles sieht hier reichlich verwahrlost und ungemütlich aus, die Leute hängen herum oder basteln an rostigen Schrottautos, blicken uns finster entgegen und nach. Oder bilden wir uns das nur ein? Wir schieben unsere Räder einen Tick schneller durch den Matsch der asphaltlosen, slummigen Straße. Vorne in der Hauptstraße kommt uns dann aber bald eine Serie von Hotels entgegen. Hier scheinen sich die Monteure und Vertreter zu sammeln. Ein Guest House nach dem anderen ist belegt, erst im letzten bekommen wir noch ein Zimmer. Es liegt überall Misstrauen in der Luft. Umso mehr wundern wir uns, als wir vom Tisch eines afrikanischen Restaurants aufstehen, wo wir unbekümmert und unbeachtet geglaubt in unserem Dialekt gequatscht haben. Ein freundliches und etwas spitzbübisch klingendes deutsches "Auf  Wiedersehen" wird uns hinterhergerufen.

11.6. Forest Gate - Bedford

Um aus dem Größeren London herauszukommen, brauchen wir nochmal einen halben Tag. Es ist, als ob ein Dorf am anderen liege, jedes mit seinem kleinen Zentrum, und  natürliches jedes mit einem Kreisverkehr am anderen. Bei soviel Kreisverkehr verlier' ich auch mal den Überblick, fahre hinein in die Manege und nehme einem von rechts kommenden Lieferwagen die Vorfahrt. Der Fahrer steigt auf die Bremse, kurbelt die Scheibe runter und deutet trocken mit dem Zeigefinger auf seinen Untersatz: "This is a lorry!" Im Zweifel wäre ich platt gewesen - jetzt bin ich`s auch. 
ENFIELD  This is a lorry
Unterdessen erreichen wir in Enfield endgültig den Ortsrand, schön sinnfällig gemacht mit einer großen Gärtnerei. Und es soll noch grüner werden: Die nächste größere Stadt Letchworth nennt sich Garden City und sieht auch aus wie im Gewächshaus hochgezogen. Bis Bedford geht es für den Rest des Tages meilenweit durch green old England. Im Hof des Edwardian House Hotel in der Shakespeare Road laden wir unsere Satteltaschen ab und beziehen Room No. 28.

10.-11.6. Bedford - Kirby Muxloe - Buxton
Von der einen oder anderen Etappe dieser Radtour durch England bleibt nicht viel haften. In den Midlands, zwischen Bedford westlich von Cambridge und Kirby Muxlow, einer Ortschaft am Rande von Leicester: Die Landschaft wirkt nett, aber nicht aufregend. Trotzdem strampeln wir an diesem Tag unsere plus minus hundert Kilometer ab. Bemerkenswert an dem netten kleinen "Forest Lodge Hotel" in Kirby ist, dass sie vergessen, uns den Rotwein zum Dinner auf die Rechnung zu setzen. Wenn meine Erinnerung nicht zurechtgebogen ist, haben wir das zu spät bemerkt.               Der nächste Tag schleppt sich hin, erst am Nachmittag kommen wir in den Peak District National Park, und es wird interessanter. Bucklige Straßen trüben jedoch den Genuss der rauhen Landschaft, bis wir eine verlockende Spur kreuzen. Auf einer alten Bahntrasse - und die schneidet sich nun mal ohne Steigungen und Gefälle durch die Hügel - haben sie einen Rad- und Wanderweg angelegt. Einen mit sehr grobem Belag allerdings, und so fängt sich Daniel bald einen Platten ein. Insgesamt  sind wir für etwa dieselbe zurückgelegte Strecke wie am Tag vorher eine Stunde länger im Sattel. Der Kurort Buxton mitten im Nationalpark offeriert zum Dinner ein spanisches Restaurant, die Tapas Bar Flamenco, um eine Ecke neben dem Hauptplatz. .

12.-13.6. Buxton - Blackburn - Grange over Sand
Auch diese Etappe beeindruckt nicht besonders, den halben Tag manövrieren wir uns durch diverse Vororte von Manchester. Wieder mal komm ich in einem der Halbkreisverkehre in Konflikt, diesmal aber nur mit mir selbst. Beim Halbabstieg zum Kartenstudium gerät durch den  unvermittelt nach hinten verlagerten Schwerpunkt die Einheit Fahrrad, Fahrer und Gepäck aus dem Gleichgewicht. Auf einem Bein tanze ich die Balance aus und bewahre mich vor dem endgültigen Bodenkontakt, kriege sogar von meinem Gefährten Sonderapplaus für halbartistische Showeinlagen.            Im Schlussspurt auf Blackburn zu werden wir dann voll begossen. Das Hotel in der Industriestadt, die samt ihrer Fußballmannschaft, den Rovers, schon bessere Tage gesehen hat, ist sehr einfach. Wir legen vor dem Dinner einen Waschtag ein. Diesmal gibt es "indisch" - eine Premiere, und immer noch kein Chinese.              Durch ein ziemlich baumloses Hügelland ziehen sich endlose Sträßchen Richtung Irische See - wir sind meistens "unter Schafen". Vor der Zielankunft an der Morecambe Bay wird's wieder ordentlich feucht. In Lindale am Fuße der Cumbrian Mountains sind wir hier, im Greenacres Country Guest House wie im Lindale Inn über der Straße ist es trocken, warm und gemütlich, und voll freundlicher Leute. Wie schon auf meiner Schottland-Solotour Wind`s end ist mein Versuch, ein etwas leichter verdauliches Frühstück zu bekommen, zum Scheitern verurteilt. Ich bestelle unbekannterweise "Black Pudding" und sollte mich über die heiße, in Bratfett schwimmende Blutwurst eigentlich nicht zu sehr wundern.

14.-15.6. Lindale - Ambleside - Ilkley
Auf der Karte sieht es aus, als steckte der Lake District ein plumpes Euter ins Meer. Nach 30 Kilometern quer über die ersten beiden Halbinseln stoßen wir nordwärts ins Duddon Valley und hinauf zu den zerklüfteten  "Highlands". Bei Boot, wo wir die große Biege Richtung Osten machen (und wo elf Jahre später ein Amokschütze wüten wird), liegt unten am Meer die Wiederaufbereitungsanlage Sellafield. Ein putziges Bähnle bringt die Touristen hoch und runter.
Wir rasten an der Endstation   DALEGARTH.      
ULPHA Duddon Valley

Zwei ganz giftige Pässe warten noch auf uns, zwar nur etwa 600 Meter hoch, aber so steil, dass man sich auf der Kuppe fast nicht traut, "hoch zu Ross" da runter zu fahren. Da unten - 25 Prozent weiter - liegt das Herz des Lake District. Eine feine Gegend, das wird beim ersten Anklopfen zwecks Quartiersuche gleich deutlich. Der Portier des Landhotels kuckt erstmal an mir runter, nennt dann den Zimmerpreis von umgerechnet etwa 350 Mark und empfiehlt, nach Ambleside sei es nicht mehr weit. Da gibt es günstige Unterkünfte. Und viele Souvenirs. Und auch einen Italiener, zu dem ein Kino gehört, heißt drum Zefirellis, bei dem wir heute zur Abwechslung dinieren.     Es folgt eine problemlose Etappe, da bleibt kaum was hängen. Weit ins Land können wir einer längeren Abfahrt entgegensehen. Der Kompass ist jetzt stur auf den Fährehafen Hull an der Nordsee gerichtet. Knapp 120 Kilometer sind es bis Ilkley, einem Städtchen unweit von Leeds (http://ilkley.org). "Would you mind to pay in advance?", säuselt die Lady des Guest House. Meine knappe und sprachlich inkorrekte Antwort "No!" irritiert sie nur kurz. "Ah, you're joking!"

16.6. Ilkley - Hull - Rotterdam
Vor der Abfahrt kuck ich auf die Karte, und insgeheim juckt es mich. Aber ich sage nichts. Mindestens 130 Kilometer werden es sein bis Hull, topographisch stimmt allerdings alles, Wind und Wetter sind auch okay. Zügig rollen die Räder, knapp und kurz sind die Pausen. Und dann kommt das furiose Finale: auf den letzten 15, 20 Kilometern vierspurige Schnellstraße vor Hull, ein heißer Ritt. Lastzug nach Lastzug brettert dicht neben uns her, hoch konzentriert halten wir Tempo, im Schnitt gut 35 km/h, anzuhalten empfiehlt sich nicht. Wir bleiben auch in Hull-Area im Lauf, über Kreuzungen, Bordsteine, um Ampeln herum, immer stur weiter, am Zentrum vorbei bis zum Fährehafen. Ich weiß nicht mehr, wann genau vor sieben Jahren das Schiff für meine Rückfahrt nach Rotterdam abgefahren ist, irgendwann am Abend. Aber da liegt sie, bei Kilometer 134, die Norsea, es hat tatsächlich gepasst. Jetzt kann ich natürlich genüsslich damit rausrücken: Darauf hab ich den ganzen Tag spekuliert.
Während der Überfahrt kommt Daniel mit dem Ingenieur ins Gespräch, der für den Bau der Fähre verantwortlich war. Zur Pensionierung hat er eine Reise auf "seinem" Schiff geschenkt bekommen, und jetzt erklärt er uns, warum ein Unglück wie das der Estonia hier nicht möglich wäre. Mit soviel Vertrauen an Bord kann ja nichts schiefgehen.     


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