sud-ouest
Juli-August 1988 Schweiz - Südfrankreich
30.7.-1.8. Fraubrunnen - Moudon - Farges
Vor unserer Haustür liegt in jeder Richtung genügend Land, um eine Radtour open end zu starten. Wir nehmen Südwesten. Das Alpenvorland ragt zwar lange nicht so bedrohlich vor uns auf wie der Schwarzwald hinter uns, aber die Hügel des Bötzbergs können fürs erste auch schon ins Schwitzen bringen. Dennoch, das Staffelegg (621m) ist eine harmlose Vorstufe zu dem, was wir noch erklimmen werden. Erstmal müssen wir an der Ewigkeit vorbei, komprimiert in einem Dörfchen bei Wolfwil, ins Aaretal, während der Kanton langsam dem Wochenende entgegenschlummert, und darüber hinweg ins Berner Unterland. Bis wir am Samstagabend den Gasthof "Zum Brunnen" in der Gemeinde Fraubrunnen ("Der Ort besitzt auch ein Wirtshaus mit einem Napoleon-Zimmer, da sich der Korse dort aufhielt, als er 1797 von Italien nach Rastatt reiste." - Margrit Hauser: "Der Glücksritter") ausfindig gemacht haben, kommen für die erste Etappe stolze 126 Kilometer auf den Tacho.
An Bern vorbei verabschieden wir uns langsam vom deutschsprachigen Teil der Schweiz. Zwischen den Hauptverkehrswegen, den ineinanderfließenden Kantons- und Sprachgrenzen macht das Land einen harmlosen Eindruck. Am auffallendsten noch das Paar mit dem Tandem, das auf dem Weg hoch überm Schiffenensee stramm an uns vorbeizieht. In Romont legen wir eine Schippe drauf. Hinüber in den Kanton Waadt und das Tal der Broye zieht es uns nicht zuletzt deswegen noch, weil sich hundert Kilometer als Tagessoll zu etablieren beginnen. In Moudon sind es dann 105, und wir können zufrieden im "Hotel du Pont", Chambre No 17, Einzug halten.
Durch die westliche Gewerbezone von Lausanne gelangen wir zur kantonalen Uferstraße des Genfer Sees. Daniel übt sich im Windschattenfahren, zunächst mit mir, dann mit einer Gruppe von Rennradlern. So bolzen wir Tempo, bis ein paar Kilometer vor Genf. Wir zweigen nach rechts ab, unterqueren Bahnlinie und Autobahn und sehen hinter den schmucken Wohngebieten in der Mittagswärme ein trockenes Stück Brachland vor uns. Die Jurawand mit dem Crêt de la Neige dahinter zeigt uns, wo's jetzt lang geht: Wir bleiben gerne unten und machen nach 108 Kilometern im Hotel "Château de Farges" Schluss, auch wenn es nicht ganz billig aussieht. Dennoch genießen wir Abendessen (mit Blick hinüber zu den Lichtern von Genf) und Frühstück hinreichend entspannt im Freien. Dass wir noch gar kein französisches Geld haben, ist auch kein Problem. Der Wirt fährt zum Einkaufen in den Ort und nimmt mich mit, damit ich derweil zur Bank kann.
2.8.-3.8. Farges - St. Rambert-en-Bugey - Cour-et-Buis
Bis Bellegarde-sur-Valserine radeln wir noch morgendlich relaxed, aber dann wird's ernst. Wir müssen über den Jura-Riegel, der uns nach anstrengendem Tagwerk auf einem dermaßen schmalen, steilen und löchrigen Sträßchen ins Tal des Bugey lässt, dass auch die Abfahrt zur echten Schinderei an den Bremsgrifffen wird. Und endlich unten, müssen wir auch noch die Gegenrichtung einschlagen, wieder im großen Bogen nordwärts fahren. Abweisend wie die Felswände des Jura stellen die Häuser von Tenay ihre Fassaden fugenlos entlang des schmalen Bürgersteigs auf. Erst am Ortsrand von St. Rambert, wo sich das Tal etwas öffnet, finden wir ein nettes kleines Hotel. Ohnehin haben wir heute nur 96 Kilometer geschafft. Ein junges Wirtepaar mit kleinen Kindern führt das "Le Tryptic"., heute nennt es sich "Le Refuge de'l ermite". Daniel vertelefoniert von hier 22 Einheiten zur immer noch regelmäßig gewünschten Standortmeldung nach Hause.
Der nächste Tag verläuft ohne besondere Vorkommnisse. Wieder überqueren wir die Rhone, die wieder einen Bogen um uns gemacht hat, passieren die Autobahn Lyon - Grenoble und bringen es 110 Kilometer weit. Solange haben auch die ersten Gewitterschauer warten können.
4.-5.8. Cour-et-Buis - St. Agréve - Langogne
Das Cafe-Restaurant an der einzigen Straßenkreuzung in der Dorfmitte von Cour südöstlich von Lyon (heute als Pizzeria D'Mot im Internet, http://annuaire.118712.fr/Isere-38/Cour-et-buis-38122/Le-b-mot-0474793246_3O0020L00001D40400C50071S), hat zwei zusammenhängende Schlafkammern für uns, in denen man sich neben den Betten kaum um die eigene Achse drehen kann; dafür gibt es gegenüber eine funktionierende und auch ziemlich regendichte Telefonzelle. Von hier aus fahren wir hinüber ins Tal der Rhone, die wir nebst Kanal bei Chanas überqueren. Gleich hinter der Brücke in Serrières werden die Baquette-Vorräte aufgefüllt. Vor uns liegt das südöstliche Zentralmassiv mit Ardeche und Cevennen, eine Menge Berge. Als kleiner Vorgeschmack schiebt sich die D 820 über den ersten Hügelrücken nach Annonay (357m). Und denselben Mittag noch müssen wir zuerst hinauf auf über 1000 Meter nach Lalouvesc, auf steiler, schmaler Abfahrt hinab ins Tal des jungen Doux und nochmal hinauf auf 1050 Meter nach St. Antheme. Auf den letzten Kilometern gerate ich immer deutlicher ins Hintertreffen. Aber das ist am Abend in der "Auberge des Cevennes" schnell vergessen.
Hotel du Languedoc heißt unsere nächste Absteige 99 Kilometer weiter, in Langogne. Dazwischen durchschneiden ein paar Täler die Region nördlich der Cevennen, deren Gewässer uns nicht den Gefallen machen, unsere Richtung einzuschlagen. Auch die blutjunge Loire, die hier ganz in der Nähe aus dem Massiv des Mont Mézon sprudelt, lässt uns gleich wieder im Stich und enteilt nach Norden. Wir wechseln hinüber ins Tal ihres Nebenflusses Allier und müssen noch etliche Höhenmeter aufs Konto legen.
6.-7.8. Langogne - Vebron - Millau
Es geht munter so weiter im Departement Lozére. Aber die Höhen zwischen den oberen Tälern von Lot und Tarn kriegen wir auch noch gebacken, inklusive den Rekord-Pass dieser Tour, den Col de Finiels,
der zwei stolze Strampler und Schieber in 1548 Metern über dem Meeresspiegel begrüßt. Wieder unten, könnte Florac uns zum Bleiben verleiten, aber auf der Tageskarte fehlt noch ein Stück, wir verlängern bis Kilometer 106.
http://www.map-france.com/Vebron-48400/photos-Vebron.html
Im Flur des rustikalen Gästehauses in Vebron hängt eine große Reliefkarte, die deutlich macht: Es stapeln sich noch einige Bergketten vor uns. Zu Essen bekommen wir hier nichts, aber einen Tip. Tatsächlich, gut einen Kilometer das enge Flusstal hinunter hat die "Auberge du Tarnon" neben gutem Essen eine überaus appetitliche Mademoiselle im Service zu bieten.
Ein Stück weit folgen wir dem Tal des Tarnon, dann steigen wir hinauf zu einer Hochfläche zwischen den Schluchten, karg und windig. Kurz vor der Abfahrt ins nächste Tal passiert es: Zwei Speichen an meinem Hinterrad brechen. Der Achter ist nicht mehr gerade zu biegen. Mühsam schleifen wir uns die knapp 20 Kilometer bis zum nächsten Bahnhof in Millau, machen der Tour nach 924 Kilometern ein Ende und uns am nächsten Tag auf den Heimweg.
Kurz vor Mitternacht erreichen wir Lyon. Direkt beim Gare Perrache findet sich im "Hotel de Normandie'" auch noch ein schnelles Zimmer für den Transit.
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