Stelle d`Italia

Juni 2002 Savoyen Piemont Levante
Auf der Anfahrt bin ich noch im Vorteil. Ich kenne bereits den zügigen Übergang zu den französischen Bahnsteigen in Genf. Im Knotenpunkt Culoz habe ich im April schon einmal die Züge gewechselt (marche eh!/Zweigeteilt...). Da bin ich auch schon bis kurz vor den Startort Pontcharra, zum Brückenkopf an der Isère, herangekommen. Angenehm ist es, an diesem warmen Sonntagabend zum Essen draußen zu sitzen. Gar nicht angenehm wird die Nacht im "Le Vauban". Im ebenerdigen Zimmer staut sich die Hitze. Hoffnungslos uneingeschlafen versuche ich irgendwann sogar, draußen, wo es auch nicht richtig dunkel werden will, frische Luft zu schnappen. Aber ich finde keine.
24.6. Pontcharra - St. Michel-de-Maurienne
Unausgeschlafen ziehen wir los. Die ersten Kilometer im Tal der Isère sind noch flach genug, um es behutsam anrollen zu lassen. Doch da fängt sich Daniel einen Platten ein. Nachdem das behoben ist, biegen wir um die Ecke ins Tal des Nebenflusses Arc, Maurienne geheißen. Autobahn, Eisenbahn und Nationalstraße teilen es sich, um durch den Tunnel du Frèjus beziehungsweise über den Col du Mont Cenis nach Italien zu kommen. Ich jammere bald wegen des schleichenden Straßenanstiegs und schleppe mich ziemlich kraftlos voran. Aber nach fünf Stunden und zehn Minuten reiner Fahrzeit haben wir St. Michel erreicht und können es für heute sein lassen. Der Ort liegt schon mal 500 Meter höher, und auch die Bahnlinie direkt hinter dem "Savoy Hotel" kann uns nicht davon abhalten, ein paar Portionen Schlaf nachzuholen.

Es wird eine Alpenüberquerung extra-light: Bis zum Grenzbahnhof in Modane (1057m) sind es 17 Kilometer, aber der Zugverkehr durch den Tunnel du Frèjus nach Italien fällt aus.
Ersatzweise fährt ein Bus durch den Straßentunnel nach Bardonecchia (1312m), wir können unsere Räder einladen. Die anschließende flotte Abfahrt unterbrechen wir in Oulx, um eine Bar zu suchen, wo wir das WM-Spiel gegen Südkorea ankucken wollen. Für die Italiener sind die Fußballweltmeisterschaften gelaufen, die Spiele interessieren sie nicht mehr, wir bleiben ungestört. Deutschland gewinnt. Unsere Leistungen sind auch an diesem Tag mit 83 Kilometern, das meiste davon bergab, nicht gerade überwältigend. Das soll uns nicht davon abhalten, in Avigliana in Reichweite von Turin in einem Hotel namens Sport zu übernachten http://www.hotelsport.org und uns am Corso Laghi ein gutes Abendessen zu gönnen.
Im wesentlichen führt dieser Tag durch die Po-Ebene südlich von Turin. In None halte ich in einem Schreibwarengeschaft Ausschau nach abgefahrenen Ansichtskarten. Aber solche Funde wie in Spanien sind hier nicht zu machen. Etwas ungewöhnlich als Postkartenmotiv wirken immerhin die Fotos trister Fiat-Vorstädte, die wir verschicken. Zur Übertragung des zweiten WM-Halbfinales haben wir eine piemontesische Bar ganz allein für uns. In Alba übernachten wir mitten in der Stadt in einem älteren, aber doch noch ziemlich vornehm wirkenden Kasten.http://www.hotelsavona.com/
Auf dieser Tagesetappe durch das Piemont bleiben wir wie bei allen anderen auch unter der früher fast obligatorischen Hunderter-Marke. Wir landen nach 87 Kilometern in Ovada am Autobahnstrang von Alessandria zur Ligurischen Küste. Übernachtet wird in der Albergo "Italia",
bestens gespeist in der Osteria L´Archivolto.
Wir müssen nochmal über einen Bergriegel und den Passo di Turchino (532m), der immerhin einen Straßentunnel mit Ampelverkehr zu bieten hat, bevor wir in Voltri auf Meereshöhe sind. Dann beginnt ein anderer Trip: auf der N1 die Küste entlang, inklusive Genua, mindestens 20 Kilometer meist mehrspuriger Stadtverkehr auf italienisch. Das kostet zwar einiges an Nerven, aber ich fühle mich eigentlich gar nicht so unwohl mit italienischen Autofahrern im Nacken. Man spürt, dass sich hier jeder verantwortlich fühlt für das, was sich vor ihm abspielt, und deshalb keiner groß zurückschauen muss, ob ihn jemand von hinten umfährt. Ist es so? Auf jeden Fall kommen wir auf der anderen Seite heil wieder aus Genua heraus. Es ist heiß geworden, und Ausläufer des Appennin schieben sich unter die Küstenstraße. Bis Rapallo schaffen wir es. In dem Badeort mit mondänem Namen finden wir ein einfaches Hotelzimmer. Kumpel von Daniel touren durch Italien und sind gerade heute gerade hier. Sie simsen sich zusammen für einen Sommerabendtreff im abendlichen Touristengewühle.
Der Küstenabschnitt vor uns ist so schön wie heimtückisch - für Radler jedenfalls. Nach einer dösigen Spätvormittagsrast in den Strandpromenaden von Chiavari betreten wir die Cinque Terre. Die Orte kleben zwischen steilen Bergfalten am Meer, eine durchgehende Küstenstraße ist nicht vorgezeichnet. Hinter Sestri Levante stehen wir vor einem Sträßchentunnel mit Ampelregelung - und lassen es lieber. Der Zug bringt uns nach Déiva Marina, zu dem eine Stichstraße hinunterführt. Wir quälen uns dort hinauf, wo sich Autobahn und Nationalstraße durch die Berge schlängeln. Klatschnass erreiche ich als Zweiter den Scheitelpunkt der Straße, bevor es nach schattiger Rast zurück geht zum Meer. In Levanto finden wir das auch nicht mehr ganz taufrische Hotel Stella d´Italia. Hinter die in 4 Stunden 18 Minuten zurückgelegten 49 Kilometer im Logbuch setze ich ein Ausrufezeichen. Am Abend mischen wir uns unter die Touristen, Strandbummler und Eisesser.
Etwas Regen zieht auf, und wir ziehen es vor, mit der Bahn weiterzufahren, bis La Spezia. Wegen des WM-Finales lässt dort eine Wirtin am Sonntagmittag für uns zwei Tedesci ihr Café länger auf und den Fernseher länger an. Brava, kommentiert sie gutmütig die kämpferische Leistung der unterlegenen Deutschen. Halbwegs tapfer treten auch wir nochmal in die Pedale und passieren an die 50 Strandkilometer bis Viareggo.
Aber auch wir haben das Spiel verloren. Gereizte Stimmung geht plötzlich über in gegenseitiges Anschweigen. Am nächsten Morgen kehren wir um. Der Schaffner eines gerade von Mailand abfahrenden Transitzuges in die Schweiz bleibt stur - no BicinTreno, nicht für uns mit Fahrrädern. Dafür gibt es nur einen Zug täglich, wir müssen nochmal übernachten. Im Schatten des lädierten Pirelli-Hochhauses, in das vor wenigen Wochen ein Kleinflugzeug gestürzt ist, finden wir ein Hotel mit getrennten Betten. Zum Frühstück News von Zuhause: Zwei Flugzeuge sind über Überlingen zusammengestoßen. Das passt zur Katerstimmung während der Heimreise: War die letzte gemeinsame Tour eine zuviel?
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