Telemark und Götterheim

Juli 1994  Norwegen

Im Zug nach Hamburg. Ins Abteil kommt ein Paar mittleren Alters, Zigeuner vom Aussehen, waschechte Mittelbadener vom Slang. Sie suchen und finden die reservierten Fensterplätze und unterhalten sich, unüberhörbar und zur Unterhaltung des gesamten Abteils,  voller Aufregung über das Reiseerlebnis und voller Bewunderung für den hypermodernen ICE.  Aber dann hadert der Mann mit dem Klapptischchen vor seinem Sitz, das nicht so klappt, wie er will. Und schon kratzt er am Absolutheitsanspruch seiner Lobeshymnen:  "An alles habe sie gedenkt!" Es dauert nicht lange, da findet er das nächste Haar in der Suppe. Als ihm wieder ein "An alles habe sie gedenkt"  entfährt, habe ich größte Mühe, nicht laut herauszuplatzen. Absurdes Theater von der köstlichsten Sorte: Waiting for the perfect Train.
In Arhus warten unsere Räder. In Reichweite zum Banegaden steht das Scandic Hotel, in dem ich im Frühjahr schon übernachtet habe. Als Missionshotel mit historischem Hintergrund wird es von einer evangelischen Jugendorganisation betrieben, was aber nicht weiter stört. Am Abend bummeln wir Richtung Seeluft und lassen uns von swingender Musik anlocken. Wir sind über das 6th ?rhus Jazzfestival gestolpert, da spielt gerade unter einem großen Zeltdach eine Bigband mit Bigbandleaderin. Noch gibt es das Bier in Plastikbechern zu akzeptablen Preisen.

17.-18.7. Arhus - Als - Frederikshavn

Jetzt fahren wir die Halbinsel Jütland an ihrer Ostseite hoch. Es hat tatsächlich ein paar Hügelchen hier, blumige Wiesen und drahtiges Meergras. 102 Kilometer weiter, zwölf Kilometer hinter Hadsund,
kommt das "Badehotel Als Krog" gerade richtig. Der Krug von Als liegt in einer S-Kurve der Straße nach Frederikshavn und war sicher mal eine wichtige Poststation.  Am Abend schauen wir in der Gaststube zwischen gut gelauntem Publikum das WM-Endspiel an. Brasilien oder Italien - das ist hier im Staate Dänemark für niemanden die Frage. Bibi, eine herzige blonde Dänin, schreibt uns eine Widmung: "Have a nice evening. I hope to see you again in Als. I hope you enjoy your stay in Denmark."              We enjoy - nochmal fast hundert Kilometer inklusive  einer Fähre über den Langerak, der Nordjütland vom Festland abtrennt, bis wir in Frederikshavn sind. Die Fähre nach Larvik in Südnorwegen legt erst in der Nacht ab. Die Zeit vertrödeln wir in der Fußgängerzone.  Eine Kabine kriegen wir für die sechsstündige Überfahrt nicht, richtig ein Auge zu demzufolge auch nicht.

Fähre nach Larvik

19.-20.7. Larvik - Notodden - Tinn Austbygd

Kaum von Bord, müssen wir die fahrradtaugliche Zufahrt zum Doppelstädte-Zentrum der Provinz Telemark, Porsgrunn und Skien, finden. Über Land öffnet sich bald das reinste Bilderbuch vor uns. In adrettem Rot oder Blau gestrichene Holzhäuser bestücken die wald- und wasserreiche Mittelgebirgslandschaft. In den Städten aber, sichtbar besonders in unserer ersten Station Notodden, ist mancher Lack deutlich ab.                                   Telemark Hotel Notodden
Da passen die jungen Kerle ins Bild, die an einem langweiligen Abend wieder und wieder ihre Runde ums Karree drehen - im beschränkten Balzrevier scheinen die ungeduldig aufjaulenden Motoren nicht ausgelastet.
http://www.telemarkhotell.no/
Gleich hinter Notodden halten wir im Schatten einer nationalen Sehenswürdigkeit. Die Stabkirche von Heddal ist in echt ziemlich klein, trotzdem eine imposante Schindelschnitzarbeit. Wir biegen jetzt von der Hauptstraße ab und betreten dünner besiedelte Gefilde. Hundert Kilometer weiter ist das andere Ende von Telemark erreicht. Ganz hinten im Tessungdalen praktizieren wir auf dem Campingplatz Heggland das "Hytteutleie". Wir beziehen eine Holzhütte mit Mückenanschluss, was wieder zu einer ziemlich unruhigen Nacht führt.

21.7. Tessungdalen - Hovet

Als größte zusammenhängende Hochfläche Europas rühmt sich die Hardangervidda. Aber wir bewegen uns an ihrem östlichen Rand, und da ist nicht viel mit "Fläche".  Nach dem ersten Aufstieg hinter Heggland und den ersten Hochgebirgseindrücken am Soenstevadn See führt uns eine Reliefkarte am Straßenrand drastisch vor Augen, was vor uns liegt: drei Hubbel mit zwar überzeichneten, aber doch respektheischenden Steigungen. Dazu wird die Straße streckenweise zur Piste. Gegen Ende des Tages erreichen wir Geilo und können sogar noch ein Stück zulegen, ohne dass es allerdings an diesem Tag zu vollen hundert Kilometern reicht.

HAAKONSAET Street View
Da steht das Haakonsaet Hotel in Hovet am Weg, ein gemütlicher Holzbau. Der Ort hat, ganz fortschrittlich, eine Post im Shop, und wir entdecken, ganz exotisch, zum Abendessen Rentierfleisch auf dem Teller, ehe wir die Karte (auf der steht Reinsdyrgryte) richtig entziffert haben. Unmissverständlich ausgewiesen ist hingegen der Preis für eine Halbe dünnes Bier: 40 Kronen, umgerechnet 10 D-Mark.

22.7. Hovet - Sogndal

Hier oben im Norden ist die Natur um 1000 Meter tiefergelegt. Baumgrenze, Schneegrenze, Vegetationsgrenze - alles 1000 Meter tiefer. Als wir uns zum Strandavaen See auf 1000 Meter über dem Meer hochgewunden haben, finden wir uns in alpinem Hochgebirge wieder. Und dann kommen die Tunnels. Da müssen wir durch, ein Umweg mit weniger als hundert Kilometern steht nicht zur Auswahl. Wir formieren uns zum Gespann, Daniel mit kaputtem Rücklicht voraus, ich als (noch) intaktes Schlusslicht. In der fahlen feuchten Beleuchtung treten wir von Tunnel zu Tunnel stur geradeaus. Der längste hat fünf Kilometer, da dröhnt jeder simple Personenwagen wie ein kompletter Güterzug. Dann senkt sich die Straße ins Aurlandsdalen. Beim letzten der jetzt kürzeren aber unbeleuchteten Tunnels erwischt es mich. Wir haben immer gewartet, bis ein Auto kommt, und sind dem gleich hinterher gespurtet in die Finsternis,  um den Schein der Rücklichter so lange wie möglich als rote Leitspur zu nützen. Diesmal aber sind wir zu hastig, vergessen, den Dynamo anzuwerfen, und stürmen los. Plötzlich macht der Tunnel eine Kurve, das Auto ist weg, und wir stecken im Dunkeln. Panische Zurufe, ich touchiere das Hinterrad und stürze. "Ist was passiert?" "Nein, glaube nicht"... Aufrappeln, schnell weiterschieben, um die Biege ins Helle. Na ja, die Blessuren sind nicht so schlimm. Wir rollen runter zum Aurlandfjord. Jetzt wäre eigentlich nochmal eine saftige Gebirgsüberquerung zum Laerdalfjord fällig gewesen. Aber es reicht. In Aurlandsvangen steigen wir aufs Schiff um und lassen uns, nur mit halbem Auge für die vorzeigenswerte Landschaft, nach Kaupanger bringen. Drüben in Sogndal machen wir uns auf Quartiersuche. Hotelzimmer sind keine frei, dafür finden wir Platz im Wandrarheim, einer Jugendherberge; und an diesem Ort das für jede Tour obligatorische Chinarestaurant.

23.7. Sogndal - Lom

Beim Sturz ist ein Teil an meiner Bremse abgebrochen, und wir suchen im Sogningen Storsenter, im Gemischtwarenhaus von Sogndal, nach einem Ersatzteil. Ich weiß nicht einmal mehr, ob wir eins gefunden haben. Auf jeden Fall können wir weiter, landeinwärts den Lustrafjord entlang. Auf halber Länge, in Gaupne, wär`s dann links abgegangen ins Jostedalen, hinauf nach Faberg und mitten ins Götterheim. Im kleinen Touristenbüro versuche ich noch, herauszufinden, ob es einen für uns geeigneten Übergang  zum Ottadalen gibt. Es sieht nicht so aus, und wir wählen den risikolosen Weg, radeln noch bis zum Ende des Fjords und warten dort auf den Bus hinauf zum Sognefjell.  Den Aufstieg von Null auf 1440 Meter wollen wir in der zweiten Nachmittagshälfte nicht mehr in Angriff nehmen. Wir werden oben einen jungen Einzelkämpfer von ganz anderem Kaliber treffen, der will mit dem Rad bis ganz hoch in den Norden. Wir strampeln uns ja nur im unteren Viertel des Landes ab. Als wir bei der Sognefjellhytta aus dem Bus steigen,  entfährt Daniel ein kurzer Laut des Staunens. Die Götter haben ihr Heim wirklich prächtig ausgestattet. Wir verlassen es auf einer göttlichen Abfahrt hinunter ins Ottadalen nach Lom. 114 Fahrkilometer sind es dann doch noch geworden.

24.7.  Lom - Eidsdal

Die ersten 80 Kilometer das Ottadalen hinauf bis über die Kante zum Geirangerfjord, konstanter Anstieg von unter 400 auf 1000 Meter Höhe, packen wir getrennt. Daniel nabelt sich ab, schaltet einen Gang hoch, und ich bin leicht angesäuert - vielleicht liegt`s auch am Biermangel. Dabei wäre die Abfahrt nach Geiranger  ein Extragenuss, dafür wird der nochmalige Anstieg von Null auf 600 auf der anderen Seite eine Extraherausforderung. Dazu brennt die Sonne auf die Serpentinenstraße. Wohnwagentouristen aus Ostdeutschland halten mir auf halber Höhe einen Becher Wasser entgegen, als würde ich mich gerade zu einer Bergwertung der Tour quälen. Sie hätten seit Lom meinen zähen Kampf mit dem Berg verfolgt. Das schmeichelt natürlich, trotzdem habe ich bei der Ankunft in Eidsdal keine Lust mehr und bleibe bockig auf dieser Seite des Norddalfjorden, auch wenn an diesem Abend noch einige Fähren übersetzen und es hier außer einem sehr bescheidenen Zimmer nichts gibt.

25.7. Eidsdal - Molde

Neuer Tag, neuer Anlauf.  Noch einmal geht es von Meereshöhe hinauf auf 850 Meter, dann die Serpentinen des Trollstigen - Ansichtskartenklasse I - hinunter nach Andalsness. Ein paar Fjorde weiter ist plötzlich Schluss: Der Straßentunnel nach Molde schwingt sich unter der Meeresbucht hindurch - aber nicht für Fahrräder. Müssen wir jetzt am späten Nachmittag noch einen Umweg von mindestens 70 Kilometern machen? Doch was für`n Glück: Schon in der Rückwärtsbewegung, fragen wir an einer Haltestelle - es ist ein Sammeltaxi, der Fahrer hilft, unsere Räder und das Gepäck irgendwie in den weißen Mehrsitzer zu bugsieren. Steil geht es den Tunnel hinab, und ebenso steil zieht die Kurve wieder nach oben. Drüben steht eine Rucksackmädchen am Straßenrand, sie kommt aus Litauen, Geld hat sie kein`s, wir nehmen sie mit nach Molde rein. Was für die Allgemeinbildung: Hier findet jedes Jahr ein bekanntes Jazzfestival statt, wir haben es knapp verpasst. Dafür gibt es im "Hotell Molde As" MTV mit Beavis & Butthead...

26.7. Molde - Kristiansund

Keine Kraxeleien mehr, aber es ist schwül, und unausgesprochen merken wir: Die Luft ist raus. Bis zur Hafenstadt Kristiansund werden wir noch die gesetzte 1000-Kilometer-Marke übertreffen. Doch vorher stoppt uns ein weiterer Tunnel von der Insel Bergsöya unterm Meer hindurch. Diesmal üben wir uns in geduldigem Warten an einer Busstation hinter der imposanten Gjemnessundbrücke.

Gjemnessundbrua

In Kristiansund ist neue Orientierung gefragt, es geht jetzt um den Heimweg. Eingangs der Hafenstraße liegt ein großer Pott vor Anker, an dem wir unschlüssig vorbeifahren. Als wir vom anderen Ende zurück sind, ziehen sie gerade die Verladerampe hoch. "Do you know a ship to Bergen?"  Na, hier ist es doch! Ein Zuruf nach innen, und die Rampe senkt sich wieder - wir können "eintreten", beim Zahlmeister ein Ticket lösen. Was für ein Glück! Wir sind auf der "Kong Harald" gelandet, der Hurtigruten-Linie. Post- und Touristenschiffe zwischen Bergen und dem Nordkap. Nachts legt der "Dampfer" in verschiedenen Häfen an zum Be- und Entladen von Fracht. An Bord sind fast nur ältere Leute, erzählen uns zwei Schwedinnen, blond, etwa mitte 20. Sie hätten deshalb so nen "Club unter 40", ob wir nicht Lust hätten, to join? "Sorry, but I`m over 40", geb` ich, leicht geschmeichelt, zu. Macht nix, kommt es schlagfertig zurück, dann erhöhen wir auf "unter 50".

Fähre nach Bergen

27.7.ff Bergen - Hirtshals - Hamburg

Von Bergen kommen wir gleich mit der nächsten Fähre weiter nach Hanstholm, am nächsten dänischen Bahnhof verschicken wir die Räder Richtung Heimathafen und die Radler zum Auslaufen nach Hamburg. Auf der Reeperbahn spielen sie "Eating Raoul" - an alles habe sie gedenkt.

(Eine Woche später nehme ich noch einen Nachschlag in München. Zwei Übernachtungen im Hotel Bonifatiushof inklusive einem sehr schönen Konzert von Eva-Maria Hagen, der Mutter von Nina, die sich einen etwas jüngeren Pianisten als Frischzellenkurschatten hält, im Cafe Giesing)


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