Pluie, Vent
September 1993 Niederlande - Belgien - Nordfrankreich

4.-5.9. Amsterdam - Brielle
Das Hotel "La Cave Internationale" in der Herengracht (aus dem großen Polyglott Holland/Belgien, 8. Auflage 1980/81 gepickt) gibt es nicht mehr. Herengracht
Aber ganz in der Nähe findet sich ein anderes, schmales, in dem wir mit etwas Gewürge auch unsere Fahrräder unterbringen. Als abendfüllendes Programm bietet sich eine Kinopremiere mit Tex-Avery-Trickfilmen ("That`s all Folks!") an, für die wir uns (als "Mr. Flight") mit Erfolg auf eine Warteliste setzen lassen.
Unser Fernziel ist die französische Atlantikküste. Die ersten drei Tage und 377 Kilometer haben wir schönsten Spätsommer, den ersten Tag zwischen Amster- und Rotterdam allen holländischen Radfahrerkomfort. Zwischen Maassluis und Rozenburg queren wir den ersten Mündungsarm des Rheins mit einer Fähre, den Rest über Brücken. Wieder auf Festland, weichen wir ein paar Kilometer von der direkten Route ab und fahren ein Stück zurück nach Brielle, weil das Städtchen in der Nobelstrat, mitten im herausgeputzten historischen Zentrum, ein Hotel - dazu noch ein kleines, feines - zu bieten hat. So kann`s weitergeh`n.
6.-7.9. Brielle - Eeklo - Noyelles-sous-Lens
Zwischen Land und Meer hindurch führt der größte Teil der zweiten Holland-Etappe. Zuerst kriechen wir wie zweirädrige Käfer unter den gigantischen Zähnen des Gezeitenkraftwerks vor dem Heringfliet vorbei, dann über die Dämme des Rijkswegs und Provincialewegs, links die Meeresarme Grevelingen und Oosterschelde, rechts der Damm mit Ketten von Fritten- und Backfischbuden, drüber hinweg der Badestrand. Schließlich der große Marktplatz von Middelburg, gut für eine faule halbe Stunde Rast, die Fähre von Vlissingen über die Westerschelde, voll mit Feierabendheimkehrern, die Grenze und die erste ordentliche Kleinstadt in Belgien, Eeklo. Wir haben ein ebenerdiges Hinterhofzimmer. Vorne im Gasthaus wähle ich aus einer ellenlangen Liste von Biersorten das letzte, dunkelste, teuerste, öligste und stärkste, mit einer schier undurchdringlichen Schaumkrone und einer Menge Alkoholprozenten.
Der Rest Belgien ist schnell erledigt. Vor Roubaix übertreten wir die nächste Grenze und tauchen im Großstadtraum von Lille unter. Es braucht gründliches Kartenstudium, um da wieder herauszufinden. Einmal hab ich Glück. In einer langen Reihe geparkter Autos reißt unmittelbar vor mir einer die Tür auf, ich kann gerade noch mit einem Schlenker ausweichen. Dann müssen wir auch schon wieder die Währung wechseln. Gestern noch hatten wir bequem den belgischen Geldautomaten geplündert, jetzt bei Lille ist noch einmal Old School angesagt: Die Tür der Bank öffnet sich erst nach Betätigen der Klingel. Um den Eurocheque einzulösen, muss ich den Reisepass vorlegen und zwei, drei Formulare unterschreiben. Ein solitärer Abraumhügel weist uns südlich von Lens den Weg zu einem Hotel in Reichweite der Autobahn. Das Zimmer liegt im Erdgeschoss, unsere Räder können wir gleich nebenan deponieren.
8.9. Noyelles-sus-Lens - Pont-de-Metz
Im September der Wetterseite entgegen, nach Südwesten - das kann nicht lange gut gehen. Im Pas-de-Calais beginnt sich der Wind zu drehen. Und schon wird die Strampelei durch das gewellte Ackerland ganz schön anstrengend. Wir brauchen lange, bis wir nach etwa 90 Kilometern auf langen Serpentinenstraßen durch die Vororte von Amiens ins Zentrum hinterm linken Ufer der Somme tauchen können. Wenigstens geht es auf der anderen Seite nicht wieder hoch, sondern in das Tal eines Nebenflusses. In Pont-de-Metz steigen wir im "Ach` Cadoreu", einem Fernfahrerquartier, ab. Es gibt ein einfaches Abendessen, und es schmeckt einfach gut.
9.9. Pont-de-Metz - Tourny
Ab dem fünften Tag bläst uns der Wind konstant entgegen. Die Gegend im Übergang von der Picardie zur Ile de France gibt auch nicht viel her, das Vorwärtskommen artet in Arbeit aus. Wenn`s hoch kommt, zuckt die Tachonadel bis zur 13. Die mickrigen Departementsträßchen sind holprig von Kuh- und Schlammfladen. Bis zum Nachmittag bleibt es halbwegs trocken, nässt sich aber immer mehr ein, als wir bei Bernouville zum ersten Mal nach einem Zimmer fragen. Bevor wir unverrrichteter Dinge weiter ziehen, ziehe ich frustriert meine Nikon aus dem Gepäck. Ganze sieben Mal habe ich erst abgedrückt und halte jetzt einfach mal drauf auf die trübe, verregnete Straßenpartie in der Haute Normandie.
Bézu-Saint-Eloi
Fast acht Stunden sind wir dann im Sattel gewesen für die 124 Kilometer bis Tourny, dem abseitigen Nest unweit der Seine, das immerhin - doch relativ nahe an Paris - ein ordentliches Hotel mit Restaurant zu bieten hat: "Le Lion d'Or". Dass wir mit schlammigen Schuhen auf den flauschigen rosafarbenen Teppichboden im Zimmer stapfen, quittiert Madame mit einem gnädigen Lächeln. Und der Patron im "Löwen" ist ein wahrer König der Küche.
10.-12.9. Tourny - Brezolles - Tuffé - Baugé
Äußerst mühsam geht es heute wieder voran, immer häufiger meldet sich jetzt der Regen. Ein einzelnes Haus auf der Höhe lockt zum Eintreten: Wir zweckentfremden triefend und fröstelnd eine sehr uninteressante Gemäldeausstellung. Nach 90 Kilometern ist dann auch genug. In Brezolles, westlich von Paris, finden wir mit etwas Glück im "Du Relais" zwar ein Zimmer, aber das Restaurant hat Ruhetag. Das Abendessen besorgen wir deshalb aus dem Tankstellenshop.
Zunächst einmal regnet es beharrlich am nächsten Morgen. Wir stehen am Ortsrand in einer Remise und vertreten uns zwischen Traktoren und Erntegeräten die Beine. Erst gegen Mittag können wir los, schaffen trotzdem an diesem Tag noch etwas über hundert Kilometer. Bis Tuffé, einem Nest nahe der Autobahn Paris-Nantes und der Linie TGV-Atlantique mit einem ordentlichen kleinen Gasthaus, der Auberge L'Oiseau Couronné.
Sonntag im Großraum Le Mans. Ich will meinem Begleiter die Abwechslung einer Gocart-Bahn nicht gönnen. Obwohl das Gelände jetzt wieder abflacht, hält der Widerstand der Südwestströmung an. Im Städtchen Baugé im Dreieck Tours - Le Mans - Angers machen wir nach gut hundert Kilometern Halt.
Baugé
Der Fernseher in der Bar verrät uns, wie`s am nächsten Tag weitergeht: viel Regen, windig bis stürmisch. Es reicht. Wir werden umkehren. Nix Atlantik, lieber noch eine Runde Paris. Daniel vermerkt im "Logbuch": "pluie, vent - die Einträge enden hier".
13.-14.9. Baugé - Rambouillet - Paris
Nach Sablé bis zum nächsten Bahnhof sind es 50 Kilometer, nord-, nordwestwärts, die schaffen wir mit dem Wind im Rücken in zweieinviertel Stunden. Mit der Bahn fahren wir nicht nach Paris rein, sondern steigen in Rambouillet aus. Die Qualität unserer Absteige ist der des berühmten Schlosses, in dem sich die Weltdiplomatie zu treffen pflegt, total entgegengesetzt. Einfacher ausgedrückt, das Zimmer ist versifft. Zur Abwechslung essen wir hier einmal nicht chinesisch, sondern vietnamesisch. Und werden beim Verdauungsspaziergang Zeugen eines klassischen Beziehungsdramas: Fürchterlich schimpfend, wirft eine Frau aus dem ersten Stock ihrem Kerl auf der Straße seinen Krempel vor die Füße. Die Fahrt im vollgestopften Pendlerzug am nächsten Morgen nach Paris hinein ist auch kein Vergnügen. So wenig wie der Aufenthalt in der verregneten Metropole. Da lasse ich mich vor der Heimfahrt sogar noch zur Flucht ins trockene McDonald`s überreden.