Obanos!

 "Was steht am Ende der Reise?" (Heiko Zwirner/Spex)

"Der Anfang einer neuen Reise." (Jonathan Donahue/Mercury Rev)

 

April 1976 Niederrhein - Holland

Daniel ist Zwei, und wir schleppen ihn mit auf seinen ersten großen Trip. Vom Kindersitz auf der Rückbank aus sammelt er Reise-Impressionen: Papa fährt, Mama versucht, die Karte zu entziffern; oder Mama fährt, Papa versucht, die Richtung anzugeben. Schnurgerade nach Norden, Ziel der Niederrhein, kurz bevor er rübermacht nach Holland. Durch den Nordelsaß und die Pfalz, mit Zwischenstopp in der Eifel, bei drittgradigen Verwandten. Mit einkalkulierten Pausen alle zwei Stunden, für das Kind Ewigkeiten. "Wann mache mir Rast", litaneit er nach vorne, "bald", refraint es zurück.
Zur großen Rast haben wir uns im Waldschlößchen in Donsbrüggen, gleich hinter Kleve, angemeldet. Von dort aus starten wir unsere Ausflüge in immer größerem Radius - nach Mehr mit dem breit fließenden Rhein und einem alten Tanzbodengasthaus; nach Kleve und Kranenburg; ins gardinenlose Arnhem und zum Kroger Tierpark, wo echte Löwen ums Auto spazieren; nach Nijmwegen mit der Heiligland Stichting, einem Freilichtmuseum, das sich zu der Zeit auf die Verkörperung neutestamentarischer Stätten beschränkt; schließlich nach Amsterdam auf abends erstaunlich großzügig beleuchteten Autobahnen. In einem der Grachtenhäuser essen wir chinesisch. Daniel patscht mit dem Händchen auf die heiße Rechaudplatte, weint laut. Um Erste Hilfe bemüht, bugsiert uns die fast komplette chinesische Sippe eilig die schmale Treppe hoch zu ihren privaten Räumen, sucht nach Salbe und Linderung.  Es war mehr der Schrecken als der Schmerz. Am nächsten Tag ist alles vergessen, und die Heimfahrt bringt ein reiseerprobtes Kind tapfer an einem Tag hinter sich - mit der nötigen Anzahl Rastpausen, versteht sich.

 

August 1976  Rheinhessen

Im Hitzesommer 1976 fährt die Familienkutsche bis Undenheim, ein Dorf mitten im rheinhessischen Hügelland. Als wir aussteigen, um das Gasthaus "Zur Reichskrone" in der Bahnhofstraße in Beschlag zu nehmen, sticht uns scharfer Ammoniakgeruch entgegen.  Die Gülle aus den Ställen fließt in offenen Rinnen die Straße entlang. "Hier stinkt's nach Sau", rümpfen wir die Nase. Klein-Daniel, der gerade seine ersten Übungen auf dem Töpfchen absolviert, hat es sich gemerkt. "Hier stinkt's auch nach Sau", findet er nach erfolgreicher Verrichtung im Gasthauszimmer.

Undenheim war natürlich nicht als Luftkurort gewählt, sondern als billiger Übernachtungsort und günstiger Ausgangspunkt für Ausflüge. Von hier aus erkunden wir andere rheinhessische Dörfer, eines mit einem pittoresken alten Friedhof, Alzey, Bad Kreuznach, Oppenheim mit seinem Beinhaus, wo sich die Totenschädel bis zur Decke stapeln, wo es vor allem aber angenehm kühl ist.  Auch das Schiff von Mainz nach St. Goar hat etwas erfrischenden Fahrtwind für uns übrig. Als wir uns gegenüber in St. Goarshausen in einem schattigen Seitental die Füße vertreten wollen, kriegen wir einen Lärmschock verabreicht: Wie aus dem Nichts brüllen zwei Düsenjäger über uns weg. Wir müssen den total erschreckten Daniel beruhigen und fahren mit dem Zug zurück. Von den rheinhessischen Hügeln nehmen wir ein paar Fläschchen Friesenheimer Bergpfad aus dem Keller unserer Wirtsleute mit, der Tropfen bleibt aber nur wegen eines übriggebliebenen Etiketts in Erinnerung.

Mainz, Eisenturm

Ostern 1977  Trentino

Wir hatten zwei Wege, um über den Alpenkamm in den Süden zu kommen: Landeck und den Reschenpass oder Chur und den San Bernardino. So gelangen wir ins Veltlin/Valtellina im oberen Tal des Adda und verlegen das Ostereiersuchen für den Kleinen in die steinigen steilen Wege der Weinberge. Dazu passt der milde Frühlingsmorgen, während der Übernachtungsort Aprica in 1100 Metern Höhe noch ganz auf Wintersport eingestellt ist. Die Albergo Posta berechnet uns 14050 Lire für das Abendessen. Auf der Heimfahrt juckt es mich, das berüchtigte Stilfser Joch als Abkürzung zu nehmen, aber daran ist nicht zu denken. Weit unterhalb der ersten Serpentinen staut sich eine schmutzigweiße Schneemauer vor uns auf.

August 1977  Navarra - Baskenland

Ein Fiat 128, Farbe orange, Jung-Eltern, Jung-Opa, Kind -  die Kompassnadel zeigt nach Südwesten, quer durchs unbekannte Frankreich. Zuerst schrägen wir die Westschweiz und den Jura. Kurz vor Eintritt in die Tiefebene der Saone Rast unweit der Abtei Selignac. Wir vertreten uns die Beine, laufen einen Weg hoch, feucht und lichtabweisend. Eine Unzahl roter Schnecken schleimt um unsere Füße.

Nächster Erinnerungs-Flash: das Beaujolais. Mit den Dörfern auf den Hügelspitzen wirkt es im goldenen Nachmittagslicht wie ein Spielzeugland.

Am Abend in St.-Anthème erster Kontakt mit französischer Esskultur,   anekdotenreif. Bestellt wird per Fingerzeig zum Nachbartisch. Mit dem ersten Gang, einer einfachen aber köstlichen Kartoffelsuppe, gibt es keine Probleme. Dann stellt man uns eine Schüssel grüne Bohnen auf den Tisch. Wir kucken und warten. Doch das wäre der zweite Gang gewesen, und als er eine halbe Stunde später, vermeintlich verschmäht, wieder abgeräumt werden soll, reagieren wir  schnell und verdrücken das noch halbwarme Essen restlos. Jetzt kommt aber erst der Hauptgang, mit dem wir gar nicht mehr gerechnet haben.Tapfer kratzen wir die Schüsseln mit Bratwürsten und Kartoffelbrei einigermaßen leer. Frommage, Dessert?! Nein, jetzt geht nichts mehr rein.

Die erste Begegnung mit dem Massif Central und der Auvergne hinterlässt zwei Eindrücke: eine Fahrt mit der Seilbahn auf den Plomp du Cantal (1858m), kahl, grau, windig, regnerisch, trübe; ein sonntäglicher Straßenmarkt in Aurillac, begleitet von endlosen Werbedurchsagen aus scheppernden Lautsprechern. Weiter Richtung Gascogne fahren wir auf kleinen Nebenstraßen durch ein dünn besiedeltes Hügelland und müssen zur Quartiersuche etliche Kilometer zulegen. Im Tal der Garonne fackeln von weitem Gasbohrtürme in den Abend. Ein ebenso ungewohnter Anblick wie die großflächigen Sonnenblumenfelder. Erst ein gutes Stück weiter finden wir in  Lectoure eine Unterkunft. Der Ort hat bessere Zeiten gekannt. Das sieht man an der nach allen Seiten offenen alten Markthalle beziehungsweise dem überdachten Marktplatz. Ein paar Kilometer  westlich liegt das Städtchen Condom. Das kriegen wir aber nicht mit.  Condom ist in den 70ern genausowenig ein Thema für die Medien wie der Jakobsweg. Auf dem befinden wir uns nämlich längst. Den Trubel, der in St-Jean-Pied-de-Port am Fuße des Pyrenäen-Übergangs bei Roncesvalles herrscht, bringen wir nicht in Verbindung mit der Pilgerroute.

Der erste Eindruck von Spanien, gleich nach der Passhöhe: schlechte Straßen, die Seitenstreifen übersäht von Müll. Und der erste von vielen Kontrasten: eben noch grüne feuchte Berghänge, wenige Kilometer weiter ausgedörrte ockergelbe Flusstäler. Südlich von Pamplona halten wir eben mal an und pflücken einen schönen Trockenblumenstrauß.  Nebenan steht auf freiem Feld die achteckige Kirche Eunate, auf dem Berg oberhalb die Eremitage von Arnotequi, gegenüber Obanos  - das hier ist Polyglottland, ein Stück weiter der Jakobsweg-Knotenpunkt Puente de la Reina mit der steinalten Brücke. Zimmer gibt es hier keine, in einer Bar telefonieren sie für uns ins Hostal nach Obanos. Dort können wir unterkommen, aber nur bis zum Wochenende. Der Ort bereitet sich auf das Mysterienspiel vor, das alle zwei Jahre Ende August aufgeführt wird.

Ermita de Arnotegui

Obanos-Navarra-Baskenland: Obanos ist ein großes staubiges Dorf, die obere rechte Ecke des Hauptplatzes begrenzen die Kirche und das Hostal, dazwischen führt ein Torbogen in den Hof, in dem das Mysterienspiel geprobt wird. In der Mitte des Platzes die rechtwinklige Betonwand, ein halber Raum ohne Dach, höher als die Kirche, für Pelota, den baskischen Nationalsport. Die ganz toughen Burschen spielen den kleinen harten "Squash"-Ball hier mit der bloßen Hand - Daumen und Zeigefinger werden zur Schlägerfläche gebogen. Überhaupt geben sich die Basken besonders todesmutig. Einer zeigt in der Bar stolz auf ein Plakat der Stierhatz durch die Gassen von Pamplona: Hier ein Amigo von ihm muerte!
Hart im Nehmen versuche ich auch zu sein - wir sind zu einer Party eingeladen von der Schauspielertruppe um Alfonso Segura aus Pamplona (Ergänzung: seine Frau heißt Carmencita, ist klein und schwarzhaarig, B. Heute spielt er laut Programm - http://www.misteriodeobanos.blogspot.com - den San Francisco, sie die Mujer Plaza 1), die das Dorfensemble unterstützt. Alemanes? Ah, Fuhrer!! werde ich begrüßt. Ah, Franco!! grüße ich zurück. Dann wird die Riesenpfanne Paella vertilgt - gut durchfeuchtet: abwechselnd mit Cuba Libre und Pacharan, dem süßklebrigen roten baskischen Likör mit Anisgeschmack. Zum Nachtisch erzählen sie Witze, wir verstehen kein Wort. Im Gegenzug soll ich einen "Chiste aleman" beisteuern. Der Schädel brummt beim Ausflug am nächsten Tag nach Ochagavìa, dort wo die Pyrenäen dem Schwarzwald sehr ähnlich sind. Es hilft nur wenig, die Füße  in das eiskalte Wasser des Rio Salazar zu stecken.

Was war noch? In San Sebastian fast das Auto nicht mehr gefunden, obwohl es quasi vor unserer Nase geparkt war. In Estella Stierkampf mit Extrazuschlag: Am Schluss strömt das mehr oder weniger besoffene superharte Volk in die Arena, und dann werden ein paar junge Stiere reingelassen. Ein Mädchen kommt unter die Hufe und wird auf einer Trage hinausgeschleppt, die Arme hängen leblos links und rechts herunter.

 

August 1978    Por segunda vez

Ein Jahr später noch einmal dasselbe. Ich hab`s mir in den Kopf gesetzt. Eine schriftliche Anfrage beim Hostal Arnotegui wird mit einem maschinengeschriebenen Brief in purstem Spanisch beantwortet: Muy Sres. nuestro. Wie auch immer wer auch immer uns den übersetzt hat - wir fahren los, auf der gleichen Spur. Aber das Sequel wird an das Original nicht heranreichen.
Am ersten Tag kommen wir ein Stückchen weiter in die Auvergne hinein als 1977, bis St. Germain-l`Herm. Mit dem Unterschied, dass es toujours regnet, und die Elektronik des inzwischen neuen Fiat - 128 Berlinetta - versucht, mich deswegen in Panik zu versetzen: drohend rot signalisiert sie stur wider bessere Erkenntnis eine angezogene Handbremse. Das legt sich erst mit abnehmender Luftfeuchtigkeit.
In Obanos gibt es diesmal kein Misterio, keine Partys und keine aufregenden Erlebnisse. Auf der Suche nach Abkühlung landen wir im Schwimmbad des Clubs U. D. Chandrea in Pamplona, wo man es allerdings missbilligt, wenn Infantile und Madre am Beckenrand sitzen und die Füße ins Wasser stecken. Auf den weißgrauen Felsen am "Strand" des Embalse de Yesa liegt es sich unbequem.
Marina, eine junge,  untypisch hellblonde, skandinavisch gemixte Spanierin aus der Clique vom vorigen Jahr langweilt sich mit ihrem Mann im Sommerhaus ihres Vaters. Sie laden uns zum Abendessen ein, zeigen uns  - auch sie mit einem Anflug von Stolz - Einschusslöcher von irgendwelchen Eta-Aktivitäten in Pamplona  und  werden uns im nächsten Februar in Deutschland besuchen, wo wir nur mit landestypischem "Carnevale" angeben können.
Eine interessante Übernachtung bleibt von der Rückfahrt in Erinnerung. Die einsame verlotterte Auberge an der Landstraße mitten in Frankreich wirkt zuerst gruselig, entpuppt sich aber als urharmlos. Und das einfache Abendessen, das sie uns in der Wohnküche auf den Tisch stellen, schmeckt einfach formidabel.

 

Spätsommer 1979  Bosnien - Kroatien

Im hellgrauen Berlinetta startet die Familie, um meine drei Jahre jüngere Schwester Bärbel aufgestockt, in Richtung Jugoslawien. Immer stur geradeaus, man richtet sich nach meinem Geschmack. Also wird der Hauptkamm der Alpen nicht über den San Bernardino überquert, und schon gar nicht über den Brenner, sondern über das Timmelsjoch (2497m). Sehr zur Freude der italienischen Zöllner dort, die sich vor meiner rassigen Schwester spreizen. Die erste Nacht verbringen wir in Vipiteno/Sterzing. Das alte Gasthaus im Zentrum kann ich 21 Jahre später bei einer Radtour in umgekehrter Richtung beim besten Willen nicht wiederfinden.
Irgendwo im Pustertal kaufen wir ein. Mein Tick, Unbekanntes zu probieren, spielt mir den ersten Streich: Ich glaubte, eine Flasche heimischen Wein aus dem Regal genommen zu haben. Erst beim Picknick sehe ich den Verschluss und rieche den Essig, lasse mich auch noch stolz als Trottel fotografieren. Die nächste Pleite folgt  im Val Pesarina. Dabei hatte der knochentrockene Maisfladen,den ich in der Osteria bestellt hatte, einen so illuster klingenden Namen! Im Friaul umfahren wir die Trümmer, die noch vom schweren Erdbeben 1976 übrig sind, und wechseln, wieder auf einem abseitigen Sträßchen, hinüber nach Slowenien, das Triglav-Massiv vor der Nase. Zwei Orte vor Ljubljana finden wir Zimmer in einem Privathaus.

Am Ende eines langen Tages wird's erst richtig interessant. Vorher durchfahren wir das halbleere Lubljana, streifen durch die unspektakulären Landschaften zwischen Slowenien und Posavina, südlich an Zagreb vorbei. Stückchenweise sind wir dabei auf dem gefürchteten Autopud, der seinen Ruf als Todespiste der Balkan-Rostboliden auch geflissentlich mit ein paar ausgebrannten Autowracks garniert. Als Alternative dazu gibt es häufig nur Nebenstrecken, für die der Asphalt nicht mehr gereicht hat. Dafür dick belegt mit grobem Schotter. Einmal so dick, dass mitten auf einer Art Kreuzung mitten im Unterholz der Save-Niederungen der Wagen steckenbleibt. Gerade ist die Begleitmannschaft ob des stundenlangen Querfeldeinmanövers halbwegs eingedöst, da muss ich sie wachrütteln, um das Schiff mit vereinten Kräften wieder flott zu machen. Was auch gelingt. Der fünfjährige Daniel hinterlässt an dieser Stelle, inspiriert von der genervten Mutter, einen legendär gewordenen Fluch: "Scheiß Tschotter!!"
Es war nicht die erste und nicht die letzte Heimsuchung für das arme, auf abenteuerliche Ausflüge mitgeschleppte Kind. In Richtung Dämmerung verlassen wir wieder einmal den Autopud und steuern über kilometerlange Dreckpisten durch rot-grün gefleckte Paprikafelder das Dorf Davor an der Save an.  Hier sollte es einen Übergang geben. Wir tasten uns über die verschlammte Dorfstraße an Schweinen und Gänsen, Hunden und verblüfften Davorern vorbei zum Flussdamm vor, hinter dem ein kleiner Schock wartet. Auf dem Holzkahn, der sich Fähre nennt, wird außer unserem Auto nicht viel mehr Platz haben! Daniel kriegt Angst und weigert sich zunächst, da mitzumachen. Bis der Berlinetta auf den Bohlen steht und die Erwachsenen tapfer vorangehen. So schaukeln wir, von der untergehende Sonne im Rücken verabschiedet, unbeschadet hinüber nach Bosnien.
Im nächsten Ort, Grdac, gibt es zwar einen sozialistisch kahlen Einkaufsmarkt, aber keine Spur von einer Übernachtungsmöglichkeit. Wir treten die Flucht nach vorne an und fahren in die Dunkelheit, südwärts auf der Hauptstraße über 70 Kilometer weit in die Provinzhauptstadt Banja Luka. Die Straßen sind überfüllt, irgendeine große Sportveranstaltung kauft uns jeden Schneid ab, nach einem Zimmer zu fragen. Also weiter durch die Nacht. Noch einmal weit mehr als 70 Kilometer, wir kommen nach Jajce. Ein kleines Touristenbüro hat noch offen, sie geben uns eine Adresse. In seiner  klitzekleinen Wohnung überlässt uns ein altes Ehepaar das Schlafzimmer und kocht für Daniel spätabends noch einen Tee. Der Stress hat ihm auf das Bäuchlein geschlagen.

Ein frischer Morgen, und die Welt ist für uns wieder in Ordnung. Der Krieg, der 13 Jahre später hier aufziehen wird, liegt noch lange nicht in der Luft. Bedächtig dreht eine breite Matrone unter ihrer Haustür den Strudelteig über ein Stöckchen. Ein klasse Motiv für meine Schwester, die als gelernte Fotografin die visuelle Dokumentation unserer Reise übernommen hat. Aber während ich als Pressemensch den schnellen Schuss bevorzuge, muss sie ihre Aufnahmen bis zur letzten Einstellung sorgfältig vorbereiten. Darüber habe ich schon oft genug gelästert. Ihr Model in Jajce wird inzwischen immer ungeduldiger, denn der kunstvoll dünn gedrehte Teig droht ihr vom Stock zu fließen. Aber schließlich wird gerade noch rechtzeitig abgedrückt, und die Fahrt kann weitergehen.

Ich hatte meinen Anteil, quer durch ins unbekannte Land - jetzt sind die Damen dran. Wir drehen ab Richtung Adria, über den kargen Gebirgskamm gelangen wir hinunter nach Dalmatien. In Split gibt es noch ein paar Altstadtmotive zu fotografieren, auf der Quasi-Insel Murter finden wir am Abend das geeignete Hotel - Marke staatlich, nüchtern, günstig - mit Strandzugang. Murter
Nach ein paar Tagesrationen Schnorcheln und Bräunen - und einmal Hummer essen, weil's hier so preiswert ist - treten wir die Rückreise an. Wir wollen noch auf der Insel Rab Station machen, bei Bekannten meiner Schwester. Am unteren Ende setzen wir mit der - diesmal ordentlich gebauten - Fähre über, am nördlichen Ende uns am nächsten Morgen schon wieder ab. Das Wetter hat umgeschlagen, mi ihm unsere Stimmung. Es reicht. Unsere Quartiersgeber halten mit ihrer Enttäuschung nicht zurück  und knöpfen uns wenigstens die Dinare für die vereinbarten Übernachtungen ab.
Um das Fürchten zu lernen, sind wir eigentlich nicht ausgezogen. Aber noch ist es nicht überstanden. Auf der schmalen Straße entlang der dalmatinischen Steilküste überfällt uns ein heftigster Gewitterregen und baut dermaßen eine Wasserwand um unser Auto auf, dass wir uns minutenlang nicht weiter trauen. Jetzt lernt Daniel auch noch ganz drastisch die Bedeung des Wortes Platzregen kennen. "Scheiß G'witter!!"

 

Sommer 1980  Österreich - Istrien

In der Ferne lockt Ungarn. Ohne dass ich eine Ahnung habe, wie wir da ohne Visum und dergleichen reinkommen sollen, fahren wir einfach mal los. Die erste Rast machen wir im ersten bayrischen Ort am Bodensee, in Wasserburg, wo der Nebel noch bis hinunter zum Kieselstrand reicht. Das enge Halltal hinter Innsbruck lockt allenfalls zu einem kurzen Spaziergang. Interessanteres hat eine Seilbahnfahrt auf den Hausberg von Zell am See zu bieten. Über die Tauern reicht es gerade noch an diesem ersten Tag, in einem alten Gasthof in Mauterndorf nehmen wir ein geräumiges Zimmer mit niedriger Decke. Am nächsten Tag bietet uns hartnäckiger Regen sein Geleit an. Zu mehr als kurzem Beine vertreten, selbst in Graz, reicht es da nicht. Die Programmänderung ist schnell beschlossen: Wir fahren gen Süden, nach Istrien. Am nächsten Tag erreichen wir Moscenicka Draga und überraschen die alte Katinka, bei der wir vor sieben Jahren mit Schwiegereltern in spe Ferien gemacht hatten. Schimpfend und klagend, aber glücklicherweise hat sie doch noch eine Kammer für uns drei. Der mediterrane Garten hinter ihrem Haus, die Kakteen und Palmen in Töpfen und Dosen wuchern vor sich hin wie eh und je.
Etwas leichtsinnig gehen wir am folgenden Abend zum Tanzen am Strandpavillon und lassen den Kleinen allein. Als wir leicht angeschwipst zurückkommen, ist alles dicht und dunkel. Im Klettermaxe-Stil gelange ich irgendwie ins Innere.
Diesmal ist der Abschied von Katinka endgültig, das spüren wir alle. Auch die Kleinfamilie wird es in der Besetzung nicht mehr lange geben.

 

 


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