Wohin auch immer

Warum das Baskenland? Warum der Sudan?  Warum Indiana?  Warum Kiew?

Ausgerechnet?  aUSGERECHNET!


Es ist die Faszination des Zufalls. Dorthin, wo - im übertragenen Sinne - bei geschlossenen Augen der Finger auf dem rotierenden Globus zeigt, soll die Reise führen. Beliebigkeit?  Kneifen vor der Entscheidung? Nein. Ich bestimme, dass der Zufall bestimmt. Ich programmiere den Zufallsgenerator. Und erlaube mir, wenn nötig, auch das Ergebnis zu manipulieren. Dann doch lieber ein Hotel am Golf von Sayonikos als die Halbinsel in der Antarktis. Sollte aber der Finger auf Mallorca zeigen, werde ich dorthin fliegen. Deshalb fahre ich als nächstes ausgerechnet nach London. Obwohl allein der Name die lebensmüden Schmetterlinge in meinem Bauch noch mehr foltert. (Febr. 09)



Dezember 1994   Kiev/Vorzel

Um hin zu kommen, brauche ich ein Visum. Brauche ich praktischerweise ein Reisebüro. Brauche ich eine Kreditkarte. Bis jetzt bin ich gut ohne ausgekommen, selbst in den USA. Aber das einzige buchbare Hotel, Ukraina, verlangt Sicherheit.
Am 16. Dezember ist Abflug. In der Ankunftshalle des Airports Borispil fallen die Mausfallenhändler über mich her: Change Money? Want Taxi? Ich flüchte zu einem halbwegs seriös aussehenden Schalter und bekomme für 90 Dollar ein dickes Bündel von Banknoten, 10.800.000, die aussehen wie Spielgeld. Einen Taxivermittler, der etwas englisch spricht, lasse ich dann doch gewähren. Der will aber nichts von dem ukrainischen Geld. 40 Dollar soll ich beim Hotel zahlen. Etwa 30 sind alles, was ich dort aus meinem Geldbeutel noch zusammenkratze. Der Taxifahrer versteht eh nix und zieht ab.
Am 23. Dezember geht`s zurück. Der Taxifahrer will 50 Dollar für die 40 Kilometer zum Flughafen. In der Abflughalle lasse ich dem Mädchen hinter der Kaffeemaschine meine Kassette von den Lightning Seeds (Cloudcuckooland), als Alternative zum Dauerläufer Joe Cocker. Der Uniformierte an der Ausgangssperre lässt mich die paar übriggebliebenen Spielgeldscheine trotz des Devisenausfuhrverbots mitnehmen - als Souvenir.

Dazwischen liegt Kiev. Am unteren Ende der "Prachtstraße" Kreschtschatik der Bessarabische Platz, links die Bessarabische Markthalle, rechts rum der Boulevard Taras Shevchenko. Gleich am Anfang das Hotel Ukraina, im zweiten OG mein Zimmer, umgerechnet über 150 Mark die Nacht. Es ist sparsam möbliert, sparsam beheizt, sparsamst mit rationiertem Klopapier versorgt. Ein Fernseher steht drin mit sparsamem Programmangebot. Tagsüber gibt es Aerobic in verschiedenen Trikotfarben. Abends alte Ami-Filme, sparsam synchronisiert: Eine emotionslose Stimme spricht alle Rollen. Jede Etage hat ihre eigene Zimmerfrauenkolonne, mit oberschwesterhaft dreinblickendem Personal. Direkt neben dem Hotel eine Boxschule. Davor parkt ein roter Porsche.

Jetzt habe ich eine Woche Zeit, von hier aus die fremde Stadt, in der ich die meisten Schriften nicht entziffern kann, kennenzulernen. Bei Temperaturen von elf Grad minus durch die Straßen zu laufen, bremst den Forscherdrang. Abgasluft, wie ich sie schwach aus Ostberlin in Erinnerung habe, stinkt auch tiefgekühlt zum Himmel. Später sinken die Temperaturen um ein paar weitere Grade, es wird draußen noch ungemütlicher. Ich bin froh, dass ich die schwarzen Wollhandschuhe eingepackt habe, die mir vor  Jahren eine Bekannte für 20 Mark gestrickt hat. Die trage ich sonst nie. Genauso, wie ich nie eine Jacke oder einen Mantel zuknöpfe. Hier gilt das nicht. Da ist auch jeder öffentliche Raum hochwillkommen als Zuflucht vor der Kälte.

Park am Dnjepr


Kirchen: Sie sind museumsreif geworden, wie die Sophia-Kathedrale mit den goldüberladenen Zwiebeltürmen. Neugierig schließe ich mich am ersten Tag dem Glockengeläut und den Leuten an, die ihm in die St. Vladimirs-Kathedrale folgen. Andacht ist dort Privatsache. Jeder einzelne wendet sich seinen Kerzen oder seinem Heiligenbild zu, spricht Gebete vor sich hin, zwischen ihnen kann ich ungestört umhergehen und staunen. Derzeit unbelästigt von Fremden das Lavra-Kloster. Ein paar Gestalten huschen zwischen die Gebäude, ein paar Tauben setzen sich ungeniert einer alten Frau auf die Hand, die sie füttert. Ich steige auf den einsam dastehenden Aussichtsturm, mache ein paar Aufnahmen zum Dnjepr hinunter. Plötzlich kommt eine Gestalt aus irgendeinem Schlupfloch, hält die Hand auf und zeigt fordernd auf das Schild mit der Kamera und der Aufschrift "1 Dollar", das ich arglos ignoriert habe.
Kaufhäuser und Cafès: an den Fingern einer Hand abzuzählen.
Der Bahnhof: Die große dunkle Schalterhalle wirkt abweisend. Wie soll ich von hier zu meinem Zielort kommen, der etwa 50 Kilometer außerhalb liegt? Ich versuche es mit der Metro. Die Station Universitet lässt sich auch kyrillisch geschrieben orten, einen 20-Pfennig-Chip erstehe ich mit unauffälliger Verhaltensanpassung an die Menge und fragend-hilfloser Mimik im richtigen Moment. Die Endstation Svijatosino kann ich nicht verpassen. Dort soll es laut Falkplan einen Vorortbahnhof geben. Eine Haltestelle entdecke ich tatsächlich, aber ich blicke nicht durch. Also tummle ich mich auf dem großen Markt zwischen Jeans und Stockfisch, und fahre wieder zurück.
Zwei Tage später, am 21. Dezember, ein neuer Anlauf. Diesmal gelingt es mir tatsächlich, an einem zufällig geöffneten Schalterfenster in Svijatoshyn eine Art Rückfahrkarte zur zehnmal so weit entfernten Stadt Korosten zu ergattern. Bei dem Preis (etwa 3 Mark) spielt das keine Rolle, auch nicht, dass der aufgedruckte Betrag durchgestrichen und handschriftlich durch das Zehnfache korrigiert wird. Die richtige Richtung ist mir auch klar, also steige ich einfach beim nächsten Zug ein. Aber wo aussteigen? Ich wende mich an vermummte Gestalten im Waggon, indem ich den Namen Vorzel auf einen Zettel kritzle. Einer kann tatsächlich ungefähr hundertmal mehr englisch als ich russisch (ein Wort: spaciba. "Budka" zählt ja wohl nicht): three Stations! Da stehe ich also an einem Haltepunkt mit Eisentreppe über die Geleise und ein paar hinter Schnee und Eis versteckten Gebäuden. Eines sieht aus wie ein Kinderheim in den Winterferien. Eines sieht nicht nur so aus, sondern ist ein Kaufladen. Viel zu kaufen gibt es da allerdings nicht. Eine Stunde später fährt ohnehin wieder ein Zug zurück.
Restaurants: Gleich am ersten Tag entdecke ich im Krust eines Zeitungsstandes ein Faltblatt mit Reliefplan der Innenstadt, das ein bescheidenes Spielgeldscheinchen kostet, aber ungleich wertvolleres zu bieten hat. Eine Liste von Restaurants zum Beispiel. Am ersten Abend bin ich gerade nur um die Ecke gegangen, in die hoteleigene Speisegaststätte. Bestellen geht wie überall: mit dem Fingerzeig zum Nebentisch, wo schon getafelt wird. Für das Getränk zum Essen reicht der zweite Teil meines russischen Wortschatzes. Dafür gibt es den "Budka" im Wasserglas randvoll eingeschenkt. Zwei weitere Speisegaststätten sind mir in Erinnerung. Eines staatlicher Abstammung mit viel herumstehendem Personal in einem großen ungemütlichen Speisesaal ohne Gäste außer mir und schlappweich gekochtem Essen; am letzten Abend ein Italiener im Süden der Stadt, bei dessen Preisen ich mich schon wieder wie zuhause fühle.
Museen: Die idealen Orte zum Aufwärmen. Sonst wäre da kaum was hängen geblieben - wenn nicht...
Zwei Straßen hinter dem Boulevard Kreschtschatik versteckt sich in einem unscheinbaren Altstadthäuschen das Memorial House Taras Shevtschenko. Hier hat der ukrainische Nationaldichter gelebt und gearbeitet. Man öffnet mir und will etwas erklären. Als ich verständnislos schaue, heißt es "moment", und sie holen zwei jüngere Frauen dazu. Die können ein paar Brocken englisch: Das Museum ist wegen Renovierung geschlossen, aber wenn ich will, können sie mir alles zeigen. Galyna und Valentina sollen die Bibliothek  im Keller katalogisieren. Jetzt nehmen sie sich fast zwei Stunden Zeit für mich und versuchen mir so umständlich wie liebenswert klar zu machen, was es mit all den Erinnerungsstücken auf sich hat. Zum Schluss geben sie mir sogar einen Band mit Gedichten in kyrillischer Schrift nebst Widmung mit. Ich bin beeindruckt, weniger vom Nationalhelden als von dieser Freundlichkeit. Zuhause werde ich für ihre Sammlung zwei Sevtschenko-Bücher in Deutsch besorgen und mit einem kleinen Geschenk (Kaffe ist Luxus) nach Kiev schicken. Es wird sich aus dieser Zufallsreise eine Freundschaft mit vielen Briefen und einem Besuch in Deutschland entwickeln.


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