Reif für die Inseln

"Journalisten hocken immer zusammen; zum Reisen gehört aber definitiv auch das Alleinsein"
(Georg Seeßlen - "Lob des Reisens ...als Kritik der Nachricht", Konkret 5/09)

 

Dezember 1992,  Teneriffa

Puerto de la Cruz
Das Hotel ein paar Stufen über der Hauptflanierstraße ist vom einfachsten. Das Zimmer braucht auch nicht mehr als Bett, Schrank und Stuhl zu haben. Jeden Tag bin ich unterwegs, gleich am ersten steig ich hinauf. Aber nach etwa 300 Höhenmetern haben sich die Ambitionen in dieser Richtung (Pico de Teide 3718m) fürs erste und letzte erledigt. Weitere Spaziergänge werden entweder links und rechts der Küste entlang oder allenfalls zu etwas höher gelegenen benachbarten Ortschaften führen. Auf die Art entgehen mir weder eine müde Delphinshow vor minimalem Publikum noch eine verzweifelte Karaokeshow mit potthässlich singenden Engländerinnen.
Keinen wärmeren Eindruck an diesem Ort hinterlässt der Jardin de Aclimatacion de la Orotava. Da wirkt das Betreten des kleinen Mittelmeer-Gewächshauses im Botanischen Garten Berlin an einem frostigen Märztag 2010 viel intensiver.
Umso unerwarteter komme ich auf der Pensionärs-Ferieninsel in den Genuss von spanischem Erstligafußball (Stadien). Zufällig stoße ich bei einem selbstorganisierten Tagesausflug mit dem Linienbus in die Hauptstadt Santa Cruz darauf. Mit meinen paar Brocken Festland-Spanisch (man muss nur hinten das S weglassen - Vamo! verstehen und Gracia! sagen) komme ich auch in den Gegenden zurecht, wo die Touristen nicht hinfinden, beschaffe mir gleich noch ein Ticket für ein Freundschaftsspiel gegen den AC Mailand zwei Tage später und bilde mir am Abend, zurück in Puerto, ein, man müsste es mir bei der TV-Deportivo-Schau in der Bar doch irgendwie ansehen, dass ich da vor wenigen Stunden selbst dabei gewesen bin.  Aber Teneriffa ist nicht Inner-Spanien. Dem Fremden wird hier allenfalls tourismusbedingtes Interesse entgegengebracht.

 

 

 

Januar 1997,   Sizilien

18.-19.01. Catania - Caltagirone

Sizilien im Januar - das ist wie zwischen Winterschlaf und Frühjahrsmüdigkeit. Zum Schwitzen nicht warm, zum Frieren nicht kalt genug. Wie auf Sparflamme bewege ich mich hier, wo immer etwas am Blühen und Wachsen ist. In Catania gelandet, suche ich den Bahnhof und besteige gleich den ersten Zug ins Landesinnere. San Michele di Ganzaria heißt meine Destination, die nächstgelegene Stadt mit Bahnhof ist Caltagirone. Vorher noch nie gehört davon. Wie ein Wespennest hängt die Altstadt auf einem bis 600 Meter Meereshöhe reichenden Buckel, etwa 100 Meter tiefer eine nicht minder lebhafte Neustadt. Irgendwo dazwischen schleppe ich mich mit der wieder mal viel zu schwer beladenen Reisetasche durch die Straßen. In der Nähe des Bezirksspitals und eines sündhaft teuer aussehenden Grandhotels finde ich in der Albergo Monteverde ein Zimmer.
Caltagirone fällt auf mit seiner Keramik. Überall glasierte, verzierte Gefäße oder Wandkacheln. Und mit den Weihnachtskrippen. Eine interessante Ausstellung überzieht, in der zweiten Januarhälfte noch, die Altstadt. Lebensgroße Figuren, von hinten beleuchtet, sind auf einer steilen Treppe platziert. In einer Hausgrotte ist ganz Bethlehem aufgebaut, wie eine kunstvolle Modelleisenbahn, über der Sonne und Mond im Zeitraffer auf- und untergehen, wo es im Minutenrhythmus Tag wird und Nacht und wieder Tag...  Genauso läuft man sich dumm und dublig in dieser Stadt. Zum Beispiel, bis ich mal eine Pizzeria finde. Das weltweite Exportgut Nummer Eins steht hier offenbar auf der Liste gefährdeter Restaurantarten.                              Am Sonntagmorgen mache ich mich auf den Weg nach San Michele, ein Spaziergang von etwa zwölf Kilometern. Zurück gönne ich mir nach ausgiebigem Mittagsmahl ein Taxi. Etwas Thrill kann ich auch noch liefern (man hört ja so viel): In der Dämmerung laufe ich durch leere Straßen zur Neustadt, als zwei Typen mit einem Roller verdächtig um mich rumkurven. Ich meine förmlich zu spüren, wie sie meine Umhängetasche ins Visier nehmen, und bringe mich über ein paar Stufen zu den Arkadengängen der Reihenhäuser in relative Rollersicherheit.

 

20.-22.01. Gela - Vittoria - Scoglitti

Der Zug windet sich zur Küste, untergräbt die Berge dazwischen in zahllosen Tunnels. Auf dem trockenen Bahnhofsgelände von Gela, wo ich umsteigen und lange warten muss, halten es schrille Graffitti, gipsweiße Antiknymphenimitate, rostige Schienen und andere Eisenteile miteinander und mit mir aus.

VITTORIA

Vittoria ist wie ein Damebrett. Ich hüpfe über ein paar Straßenquadrate Richtung Zentrum zum Grand Hotel di Galofaro. Die Empfangshalle liegt im Halbdunkel und kühlt die Augen. Richtig lebendig wird es auch hier erst am Abend. Ich muss mir einen Kamm kaufen und schaffe es, mein Anliegen vorzubringen, ohne das italienische Wort dafür zu kennen. Am Dienstag laufe ich die 13 Kilometer zum Küstenort Scoglitti, um tatsächlich doch noch einen Blick auf das Meer und hinüber, wo Afrika ist, zu werfen. Unterwegs verführen mich Mandarinenbäumchen zu Mundraub. In einer Diskothek in Vittoria, so lese ich wenige Wochen nach meiner Rückkehr, haben Mafiosi ein paar Leute erschossen.

 

23.-25.1. Siracusa - Catania

Der Zug schleicht nach Westen, zeitweise im Blumenpflücktempo, als ob er sich nicht traut, umkurvt Ragusa in abenteuerlichem Bogen, biegt wieder um bis fast zur Küste am südöstlichen Zipfel der Insel, um schließlich am Golfo di Noto entlang doch noch  am selben Tag Siracusa an der Ostküste zu erreichen. Keine 70 Kilometer Luftlinie dehnen sich zu 153 Bahnkilometern. Die Altstadt des griechischstämmigen Hafens sitzt auf einer Insel, wie Lindau am Bodensee, da lässt es sich im Januar bummeln wie dort an einem lauen Sommerabend. Im Hotel nahe beim Bahnhof gibt es zwei Zimmerpreiskategorien. Ich gönne mir die teurere und merke später, was den Unterschied ausmacht: die TV-Ausstattung mit Pornokanälen aus dem Berlusconi-Reich.               Zurück in Catania habe ich noch einen Tag bis zum Abflug. Bei der Rückkehr zum Hotel nach ausgiebigem Stadtbummel bremst mich das Klack Klack einer Maschine. Es kommt aus einer Druckerei, wo ein alter schwarzer gußeiserner Trumm sein Pensum herunterklappert. An solchen Geräten durfte ich als Zwölfjähriger mit der ersten Druckerschwärze Bekanntschaft machen, bei einem Nebenjob für 2,50 die Woche. Der Drucker lässt mich etwas verständnislos rein und zuschauen. In Italien interessiert man sich nicht für Fremde.         Ein kurioses Beispiel für diese Selbstbezogenheit erlebe ich am Abend im Ristorante. Am Nebentisch sitzen drei junge Frauen und reden wild durcheinander. Aber nicht aufeinander ein, wie ich bei genauem Hinsehen verblüfft feststelle. Jede hängt am Handy und unterhält sich angeregt mit einer Person irgendwo da draußen.                    Selbst für einen Fliegermuffel lohnt sich die Route Catania - Rom, sei`s wegen des Blicks hinunter auf den Ätna, sei`s wegen der weitläufigen Wanderwege im Flughafen der italienischen Hauptstadt. Eine Nummer zu groß ist auch die Maschine der Allitalia von Rom nach Zürich. Es sind mehr Besatzungsmitglieder drin als Passagiere, da kann sich der Fluggast über mangelnde Aufmerksamkeit nicht beklagen.

 


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