Stadien



"Wir haben uns viel vorgenommen, aber im Endeffekt hat es nicht geklappt" (Bodo Illgner, 12.10.1991)


Im Sommer 1962 sitze ich, elf Jahre alt, auf der Holzkiste in der Küche meiner Oma. Über mir auf einem Wandregal das Radio, Übertragung des letzten Endspiels um die Deutsche Fußballmeisterschaft vor Einführung der Bundesliga. Köln gegen Dortmund.  Für eine der beiden Mannschaften muss ich sein, sonst wäre das langweilig ("Die Wahl eines Fußballvereins bedeutet, sich durch eigenes Zutun erstmalig einem Namen zu unterwerfen, sich einer sprachlichen Ordnung anzuschließen und sich unbewußt mit einem Liebesobjekt zu identifizieren. Als ob... wir uns einen phantastischen Rahmen schüfen, in dem wir uns entfalten und uns selbst vergessen können" - Jose Miguel Wisnik). Köln klingt besser. Aber Köln verliert. Bleibt trotzdem meine Mannschaft, bis heute. Vielleicht, weil sie im nächsten Jahr so souverän erster Bundesliga-Meister werden, vielleicht, weil ich so stur bin, vielleicht beides.

28.08.1966  Eintracht Frankfurt - 1. FC Köln 4:0
Mit den Freifahrkarten, die ich als Bähnlersohn habe, geht es vier Jahre später zum ersten Spiel. Vom Frankfurter Hauptbahnhof laufe ich über den Main südwärts zum Waldstadion. Auf der Brücke zünde ich eine meiner allerersten Zigaretten an, Marke "Afri". Erstens wird mir davon sauschlecht, zweitens kippen anschließend meine großen Idole (Wolfgang Overath, Wolfgang Weber, Hannes Löhr)  vom Sockel, die schreien da hysterisch auf dem Platz rum, spucken und keifen und kommen drittens in Frankfurt schwer unter die Räder.

26.08.1967 Borussia Dortmund - Alemannia Aachen 1:0
Warum ich gerade zu diesem Spiel gefahren bin, weiß ich nicht mehr so genau, wahrscheinlich, damit die Freifahrkarte nicht verfällt, und weil Aachen auch gut klingt. Erinnernswert jedenfalls, dass ich im Stadion "Rote Erde" einen Sitzplatz in der ersten Reihe habe. Holzbänke sind auf der Aschenbahn aufgestellt, bis einen Meter vor dem Spielfeldrand! Und dann Lothar Emmerich - "Emma". Dessen Spitzname kriege ich in meiner kurzen dürftigen Karriere als Jugendfußballer ab (zwei Einsätze als Ersatzmann in der B-Jugend, einer in der A-Jugend). Nur, dass sie mich auf die Linksaußenposition stellen, weil ich da weg vom Schuss bin. Von wegen. Mein erster Ballkontakt: falscher Einwurf... Der echte "Emma" schießt übrigens in Dortmund das Siegtor. Mich quatscht beim Bonner Hauptbahnhof, wo es während der Heimfahrt mit dem Nachtzug eine Umsteigepause gibt, einer an: "Kommste mit?" - "Hä?" - "Weißte was ich meine, wenn ich wichsen sage?" - "Nööö!".  Gelogen, aber richtiger Einwurf. Er zieht ab.

1967/68  1. FC Köln - Slavia Prag 2:0
Diesmal hat`s geklappt (Der Vorläufer des Uefa-Cups nannte sich Messepokal). Meine Mannschaft gewinnt, und ein hilfsbereiter Platzordner zeigt dem "Jung", der extra von so weit her kommt, was für ein großes Herz die Kölner haben. Und zwar ganz ohne Hintergedanken. Anders als der Schaffner im Nachtzug. Der bietet mir einen Schlafplatz im Erster Klasse Abteil an, das ist eh leer. Doch dann werd`ich wach, und er fingert an mir rum. "Das wird nichts",  murmle ich verdattert, und ebenso verdutzt hört er auf.  Wieder mal Glück gehabt, verhinderter Knabenschänder mit Skrupeln.

12.10.1991 1. FC Köln - MSV Duisburg 1:1
Es war nicht geplant, aber als ich mit dem Auto auf Köln zukomme, ist es nicht zu überhören: Heimspiel. Allein die Atmosphäre an diesem schönen zu Ende gehenden Oktobersamstag lohnt den Abstecher. Die untergehende Sonne und die aufgehenden Flutlichter umhüllen malerisch das Müngersdorfer Stadion, in dem ein junger Fußballstern aufsteigt: Maurice Banach schießt kurz vor Schluss das Ausgleichstor. Wenige Wochen später fährt er sich mit seinem Sportwagen auf dem Weg zum Training zu Tode.

13.12.1992 C.D. Tenerife - Rayo Vallecano 4:0
Zweimal bin ich vom Pfad des Reisenden abgewichen und hab` ganz normale Touristenhotels gebucht. Korfu und Teneriffa. Beide Orte haben dem Neugierigen auch viel mehr zu bieten als Pools und Animateure, Delphinshows und Discostrecken. Auf Teneriffa zu der Zeit sogar spanischen Erstligafußball. Den feiern die Kanaren an diesem Sonntag im Estadio Heliodoro mit ausgelassener Fröhlichkeit. Wenn der Schiedsrichter mal falsch pfeift, lachen sie ihn einfach aus. Okay, kein Kunststück, wenn man gewinnt. Oder doch eine Frage der auf die Mentalität einwirkenden durchschnittlichen Sonnenscheindauer?


15.12.: Freundschaftsspiel gegen AC Milan



29.10.1994 SC Freiburg - 1. FC Köln 4:2
Im Dreisamstadion schau ich jedenfalls erschrocken in hassverzerrte Gesichter von sich gerne "symbadisch" nennenden Landsleuten. Dabei gewinnen die doch auch gerade. Brot und Spiele braucht und kriegt das Volk überall. Aber ob es daraus ein schönes Picknick macht, oder einen blutigen Kampf der Gladiatoren...


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